Zehnjährige Rheinbergerin hat Leukämie Ein Avatar half der krebskranken Xenia

Rheinberg/Krefeld · Ein zehnjähriges Mädchen aus Rheinberg ist an einer höchst aggressiven Form der Leukämie erkrankt. Während einer intensiven Behandlungsphase konnte sie dank einer Computerfigur aus der Ferne am Unterricht in der St.-Peter-Grundschule teilnehmen.

 Beim Pausentalk im Kreis ihrer engsten Schulfreunde (v.l.): Milena, Amelie, Xenia mit dem Avatar, Rafael und Maxim.

Beim Pausentalk im Kreis ihrer engsten Schulfreunde (v.l.): Milena, Amelie, Xenia mit dem Avatar, Rafael und Maxim.

Foto: Krebskinder Krefeld, Petra Verhasselt

Die Geschichte von Xenia geht unter die Haut. Als das Mädchen aus Rheinberg im März 2023 nach einem Projekttag in ihrer Grundschule St. Peter nach einer Trommelvorführung über Schwindel und Kopfschmerzen beim Rennen klagte, werden die Eltern hellhörig. Ihr Kind ist blass und hat kleine Punkte an den Unterschenkeln, die weder jucken noch schmerzen, aber auch nicht verschwinden.

Noch am selben Abend fahren die Eltern mit Xenia ins Krankenhaus. Von dort wird Xenia sofort ins Helios Klinikum Krefeld gebracht. Abends kommt die niederschmetternde Diagnose: Akute myelonische Leukämie (AML). Das ist die aggressivste Form von Blutkrebs, die unbehandelt zum Tod führt. Die Ärzte leiten eine Chemotherapie ein, Xenia bekommt Knochenmarkpunktionen. Es folgen mehrere Wochen in stationärer Behandlung, mit ihrer Mutter, aber nur mit Kurzbesuchen ihres Vaters – ohne Schwester, Oma und Schulfreunde. Auch ihre Kaninchen und die Familienkatze darf Xenia nicht mehr streicheln. Fahrradfahren, Reiten, Eiskunstlaufen und Schwimmen sind nicht mehr möglich.

 Eines ihrer liebsten Hobbies ist das Reiten: Xenia auf dem Pferd Champ.

Eines ihrer liebsten Hobbies ist das Reiten: Xenia auf dem Pferd Champ.

Foto: Familie

Parallel in der Klasse 3c der St.-Peter-Schule: Xenias Mitschüler sind in großer Sorge und haben Fragen. Klassenlehrerin Nina Blatzheim und eine Kollegin, die an Krebs erkrankt war, geben Antworten: „Wir haben ausführlich über das Thema Krebs gesprochen, das war sehr wichtig für die Kinder.“ Und Maxim sagt, was alle anderen Schüler auch empfanden: „Wir waren geschockt und sehr traurig, dass Xenia nicht mehr in die Schule durfte. Wir haben ihr deshalb regelmäßig Arbeitsblätter und Übungsaufgaben nach Hause gebracht. Aber seitdem der Avatar im Mai 2023 kam, sind wir wieder mit Xenia verbunden.“

Xenias Klassenlehrerin Nina Blatzheim von der St.-Peter-Grundschule in Rheinberg.

Xenias Klassenlehrerin Nina Blatzheim von der St.-Peter-Grundschule in Rheinberg.

Foto: Krebskinder Krefeld, Petra Verhasselt

Xenias Avatar „Ainex“, ein Platzhalter, hat einen eigenen Sitzplatz in der Klasse. Der Avatar wird vom Förderverein zugunsten krebskranker Kinder Krefeld finanziert: Es ist ein Lernroboter, der für eine erfolgreiche schulische, aber auch soziale Reintegration langzeiterkrankter Schüler steht. Er nimmt stellvertretend für das erkrankte Kind dessen Platz in der Klasse ein. In der 3c bekam er sogar einen Namen. Xenia und ihre Mitschüler haben ihn aus ihrem rückwärts geschriebenen Namen kreiert: „Ainex“.

Klassentier Walli und der Avatar.

Klassentier Walli und der Avatar.

Foto: Krebskinder Krefeld, Petra Verhasselt

Und so funktioniert er: Xenias Freundinnen Milena und Amelie sitzen an ihrem Tisch in der Klasse. Vor ihnen steht der Avatar. Xenia kann ihn über ein iPad per App von zuhause aus bedienen, seinen Kopf nach oben und unten bewegen, seinen Rumpf drehen, sich mit einem Lichtsignal bemerkbar machen und mit ihren Mitschülern sprechen. Xenia sieht ihre Mitschüler und die Tafel über den Avatar, während diese nur ihre Stimme hören.

Wie aus dem Nichts ertönt plötzlich eine Stimme: „Hallo, hier ist Xenia, ich habe mich dazugeschaltet.“ Durch den Avatar in der Klasse kann sie aktiv am Unterricht teilnehmen. Meist in den Fächern Deutsch und Mathe, aber manchmal auch im Sachunterricht und in Englisch.

Mittlerweile durchläuft Xenia eine einjährige Dauertherapie und kann stundenweise am Präsenzunterricht teilnehmen. Der Avatar sei während der Intensivtherapie eine große Motivation für sie gewesen, sagt sie. Denn sie möchte bald aufs Amplonius-Gymnasium in Rheinberg gehen. Neben dem gemeinsamen Lernen nutzten Xenia und ihre Mitschüler den Avatar für die Kommunikation untereinander.

Xenias Eltern Irina und Dirk bekamen während des Klinikaufenthalts ihrer Tochter Kontakt zum Förderverein. „Wir fühlten uns anfangs so allein und kraftlos und kannten die Möglichkeiten nicht, die uns der Verein dann zuteilwerden ließ. Das reichte von liebevollem Zuspruch und dem Austausch mit anderen Betroffenen über Präsente für Xenia bis zu Taxifahrten zur Klinikschule. Deren Schulleiter erzählte uns, dass der Förderverein uns einen Lernroboter zur Verfügung stellen würde. Das hätten wir uns niemals erträumt. Wir waren sehr ergriffen.“

Bald beginnt hoffentlich ein neues Kapitel im Leben der Zehnjährigen, der alle wünschen, dass die Leukämie besiegt ist und sie wieder ein normales Mädchen sein kann.

(up)