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Rheinberg: Der schwierige Umgang mit dem Begriff Heimat

Buch-Vorstellung in Rheinberg : Der schwierige Umgang mit der „Heimat“

 Jens Korfkamp und Ulrich Steuten haben ein Buch geschrieben, in dem sie über einen umkämpften Begriff aufklären möchten. Wer über Heimat spricht, sollte geschichtliche und gesellschaftliche Hintergründe kennen, sagen die Autoren.

Wenn zehn Leute „Heimat“ sagen, kann es sein, dass sie alle unterschiedliche Dinge meinen. Jens Korfkamp, seit 20 Jahren Leiter der Volkshochschule für Rheinberg, Alpen, Sonsbeck und Xanten, und Ulrich Steuten stellen nun die Frage „Was ist Heimat?“ So heißt ihr jetzt erschienenes Buch. Den beiden Autoren geht es um die „Klärung eines umkämpften Begriffs“ – so lautet der Untertitel. Dass die beiden promovierten Geisteswissenschaftler gerade auf dieses Thema gekommen sind, habe sich durch die Entwicklungen der vergangenen Jahre ergeben, erzählt Korfkamp. „Spätestens, seit 2015 viele Flüchtlinge nach Europa und Deutschland kamen, tauchte der Heimat-Begriff überall auf.“ Und er erzeuge unterschiedliche Gefühle bei den Menschen.

Ihnen sei es in ihrem Buch nicht um den individuellen Heimatbegriff gegangen, sondern um den gesellschaftlichen, so Korfkamp. Man wolle zeigen, wie sich der Begriff verändert habe. Dass er, nachdem er sich in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ganz allmählich aus dem Würgegriff der nationalsozialistischen Bemächtigung zu lösen begann, von heutigen Rechtspopulisten erneut besetzt werde. „Man kann den Heimat-Begriff nicht verbieten. Aber wenn man ihn einsetzt, sollte man sich im Klaren darüber sein, welchen Hintergrund er hat.“ Individuelle Sichtweisen, seien „oftmals nur ein Vehikel, um Botschaften zu transportieren“.

 So sieht das 142-seitige Sachbuch aus.
So sieht das 142-seitige Sachbuch aus. Foto: Wochenschau-Verlag
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Korfkamp, der sich bereits in seiner Dissertation mit dem Heimat-Thema befasste, und Steuten erkundschaften das Thema schon lange. Die intensive Recherche habe Anfang 2020 begonnen – nicht ganz zufällig mit dem Beginn der Corona-Pandemie, wie Jens Korfkamp zugibt: „Das war für uns auch ein willkommenes Mittel gegen den Corona-Frust.“ Im Buch wird zunächst in die Geschichte geschaut. Welche christlichen Vorstellungen von Heimat gab es und wie wurde das Thema in der vorindustriellen Zeit gesehen?

Die Autoren arbeiten sich von der politischen Romantik bis zur deutschen Reichsgründung vor und gehen in einem Exkurs auch auf verwandte Themen ein wie Vaterland, Heimatliebe und Nationalstolz. Nach „Heimat im Nationalsozialismus“ geht es auch darum, wie der Komplex angewendet wurde, als Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Krieg in den Westen kamen, die ihre Heimat im Ostern verloren hatten. In einem Kapitel steht das „dualistische Heimat-Modell der sozialistischen Menschengemeinschaft“ im Mittelpunkt. Sprich: die Sichtweise in der DDR.

Im 21. Jahrhundert angekommen, rücken die Flüchtlingsbewegung der vergangenen Jahre und „Heimat als politischer Kampfbegriff“ in den Blickwinkel. Bis schließlich die Frage aufgeworfen wird, ob Heimat ein Fall für den „Giftschrank der Geschichte“ sei. Ist Heimat wegen seiner zum Teil problematischen Geschichte ein belasteter Begriff, der unter Quarantäne gestellt oder in gesellschaftliche Nischen verwiesen werden sollte, fragen Korfkamp und Steuten.

„Was ist Heimat?“ ist ein Sachbuch zwischen populärwissenschaftlicher Abhandlung und wissenschaftlicher Aufarbeitung. „Uns ging es nicht darum, akademische Klimmzüge zu vollziehen“, versichert Jens Korfkamp. „Wir möchten Orientierung geben und eine für einen reflektierten, kritischen Umgang mit Heimat.“

(up)