Rheinberg: Der große Bär in Orsoy

Stadtgeschichte : Der „Dicke Bär“ und seine Geschichte

Die rund 130 Jahre alte Linde auf dem Deich ist ein Orsoyer Wahrzeichen. Der Deichverband hat beantragt, den Baum fällen zu lassen.

Der „Große Bär“ ist kein Bär, sondern ein Baum. Eine Linde. Und wird in Orsoy, wo sie steht, von allen nur „Dicker Bär“ genannt. Ein Wahrzeichen für den Ort am Rhein. Entsprechend groß ist die Empörung, seit bekannt geworden ist, dass der Dicke Bär gefällt werden soll (die RP berichtete).

Der Deichverband Duisburg-Xanten hat einen Antrag auf Fällung gestellt, weil die Linde auf dem Deich steht und die Gefahr besteht, dass das Wurzelwerk so weit in den Deichkörper eindringt, dass der Hochwasserschutz nicht mehr gesichert sein könnte. Die Fläche rund um den Baum gehört dem Deichverband. Der Antrag liegt bei der Unteren Naturschutzbehörde beim Kreis Wesel, die nun entscheiden soll, ob der Baum gefällt wird und ob aus dem einen „Dicken Bär“ dank kreischender Motorsägen viele kleine dünne Bärenscheiben werden. Das will in Orsoy niemand hoffen.

Die Zeichnung zeigt die Wehranlage „Bär“, nach der die rund 130 Jahre alte Linde auf den Rheindeich bei Orsoy „Dicker Bär“ benannt ist. Foto: EK/WK

Auch im Betriebsausschuss am Dienstagabend war die Linde Thema. Da sagte Ausschussvorsitzender Josef Devers (CDU) auf eine Nachfrage von Christina Schmalz (Grüne): „Es gibt in Orsoy ein deutliches Interesse daran, den Baum zu erhalten.“ Und auch andere Bäume auf dem Orsoyer Rheindeich, denen ein ähnliches Schicksal drohen könnte – 158 an der Zahl, wie Devers vorrechnete.

Auch Karl Hoffmeyer, Orsoyer Dorfchronist, schreckte die Nachricht vom drohenden „Bären-Fäll“ auf. Er weiß: „1936 bei der Deichaufschüttung wurde die Linde vom damaligen Deichverband gesichert und geschützt. Der Baum ist wahrscheinlich ein Teil der 1886/1887 entstandenen lindenbepflanzten Wallanlagen Orsoys, die durch den Zigarrenfabrikanten Kirking zur Einlösung einer Wettschuld angelegt wurde.“

Der Name „Bär“ beziehe sich auf ein zum Schutz des Orsoyer Schlosses zwischen 1539 und 1542 errichtetes Bollwerk. Hoffmeyer: „Der ,Bär’ ist deshalb historisch erhaltenswert und sollte mit heutigen Mitteln geschützt und erhalten bleiben. Es besteht die Gefahr, dass weitere Bäume auf dem Rheindeich verschwinden und die Orsoyer Ansicht vom Rhein her zerstört wird.“

Auch Werner Kehrmann, Stadtführer und Kenner der Rheinberger Geschichte, hat in die Akten geschaut. „In der deutschen Festungsbauterminologie wird der Damm in einem Festungsgraben oder die doppelte Staumauer, die ein Gewässer über einen Festungsgraben leitet, Bär genannt.“

Die Festungssprache war und ist französisch, sagt Kehrmann. Daher heißt es auch nicht nur „Bär“, sondern Batardeau – Wasserbär. Der Rheinberger: „Das ist nicht die direkte Übersetzung, wird aber so genannt. Eingedeutscht heißt das ,Querdamm im Festungsgraben’.“ So stehe es jedenfalls im „Grimmsche deutsche Wörterbuch, Band 14“. Im allgemeinen „Verteuschungswörterbuch der Kriegssprache“, (Leipzig, 1814) und anderen Quellen werde überall der Begriff „Wasserbär“, also Batardeau, genannt.

Der für die Geschichte der Festung Orsoy zuständige Fachmann, Dieter Kastner, hat in einem Fachbericht „Bau und Entstehung der Festung Orsoy“ (nicht in seinem Buch „Orsoy, Geschichte einer kleinen Stadt“) etwas zur Geschichte des Bären gesagt. Dem Text seines Werks „Bau und Entstehung der Festung Orsoy“ kann man entnehmen, dass der Orsoyer Festungsgraben, in seiner Endausbaustufe in Rheinnähe (Kastells-Bastion, heute Grundschule) circa 30 Meter breit war. Zuerst hatte man einen sehr schmalen Festungsgraben, nach dem fertigen Ausbau auf 30 Meter musste gewaltig umgeplant werden. Der Orsoyer Festungsgraben (der Hauptgraben, nicht der Stadtgraben) wurde vom Lohbach auf der anderen Stadtseite mit Wasser versorgt. Der Bär, hier im Schulbereich, ehemalige Bastion, diente der Wasserstandsregulierung im Festungsgraben. „Der Bau des Bären muss kurz nach 1611 erfolgt sein“, so Kehrmann.

Der Grund: Eine feste Schleuse, ein Stauwehr, musste zwischen dem Rheinstrom und dem Graben angelegt werden, sonst wäre bei Niedrigwasser des Rheins der Festungsgraben leergelaufen, im umgekehrten Fall, bei Hochwasser, wäre der Hauptgraben übergelaufen. Und das mit schweren Schäden für die Festungsanlagen.

Dieses Stauwehr war dann der Bär, oder eben der Wasserbär. Eine massive große gemauerte Anlage. Vor 1611 ist auf Orsoyer Stichen von einem Bären nichts zu sehen, erst nach dem Ausbau des Grabens auf 30 Meter war ein Bär zwingend geworden. Der Name der Orsoyer Bastion, auf der heute die Schule steht, war das Kasteels-Bollwerck (Kastell Bastion), benannt nach der danebenliegenden klevischen Landesburg, bei den Besatzern Kastell genannt. Die Spitze dieser Bastion war für Orsoy enorm wichtig.

Der Bär bestand aus zwei Teilen: dem gemauerten festen Teil vor der Bastion und der eigentlichen doppelten Staumauer, die von da auf die äußere Grabenseite (Konterescarpe) führte und den Rhein vom Graben trennte. Aus Zeichnungen um 1650 weiß man dank Autor Kastner, wie er ausgesehen hat. Es war ein abgerundetes, gewölbtes Bollwerk, das aus großen Steinquadern (keine Ziegelsteine) gemauert war und gegen den Rhein spitz vorsprang. Das war dann ein Schutz für Stadt und Festung, der bis ins 19. Jahrhundert erhalten geblieben war. Ludwig der XIV habe Orsoy 1672 platt gemacht, so Kehrmann: „Eine evangelische Stadt unter der Fuchtel der calvinistischen Oranier, das bedeutete Vernichtung. In einer Bittschrift der Orsoyer Bürger an den König baten diese um den Erhalt des Bären, es sei kein militärisches Werk, sondern diene als Schutz vor den anstürmenden Rheinfluten.“

Der König genehmigte diese Bitte der Orsoyer. Wenn die Orsoyer heute vom Bär sprechen, dann ist damit der Nahbereich um den Baum gemeint, bei Schulkindern manchmal auch der Baum.

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