Rheinberg: Gefangen in der eigenen Wohnung

Im Haus Orsoyer Straße 6 in Rheinberg ist der Aufzug seit fast drei Wochen kaputt. Eine Katastrophe für die Bewohner.

Unter der Bewohnern des Hauses Orsoyer Straße 6 in der Innenstadt gibt es nur noch ein Gesprächsthema – jedenfalls unter den älteren: Der Aufzug ist kaputt. Und das schon seit dem 23. Dezember, also seit zweieinhalb Wochen. Wann der Lift wieder funktioniert, steht noch in den Sternen. Auf der Fahrstuhltür steht zwar „Voraussichtlich wieder betriebsbereit: 24.12.2018“, aber das empfinden die Bewohner als schlechten Treppenwitz.

„Eine Katastrophe“, klagt Lotte Börgmann, die bald 91 Jahre alt wird und schlecht zu Fuß ist. Aufgrund eines schweren Rückenleidens ist die alleinstehende Seniorin auf den Rollator angewiesen. „Ich kann mich zwar mit viel Mühe die Treppen herunterhangeln, aber unten stehe ich dann ohne meinen Rollator.“

Wie Lotte Börgmann lebt auch Gerti Coenders in der zweiten Etage, wie ihre Nachbarin in ihrer eigenen Wohnung. Die bald 85-Jährige ist ebenfalls auf den Rollator angewiesen. „Ich hatte sieben Knie-Operationen und kann kaum noch laufen. Treppensteigen ist vollkommen ausgeschlossen. Das bedeutet: Ich kann das Haus gar nicht mehr verlassen.“

Willi Bosch ist mit 79 Jahren der jüngste im Trio der Betroffenen. Auch er ist wegen des Aufzugs in das Haus Orsoyer Straße 6 gezogen. „Vom Keller bis zu meiner Wohnung in der dritten Etage sind es 62 Stufen“, rechnet er vor. Das sei früher kein großes Ding für ihn gewesen. Vor genau einem Jahr ist er allerdings in seiner Wohnung schwer gestürzt, war danach dreieinhalb Monate im Krankenhaus und in der Reha und läuft seither an einer Krücke. „Im Keller steht mein Rollator“, so Bosch. „Aber wie soll ich dahin kommen?“ Erschwerend komme hinzu, dass die Flurlicht-Intervalle kurz sind. Schleppen sich die alten Menschen mühsam durchs Treppenhaus, stehen sie schnell im Dunkeln. Börgmann, Coenders und Bosch haben nun alle das gleiche Problem und stellen sich gleiche Fragen: Wie sollen sie sich versorgen und was passiert mit ihnen, wenn es mal zu einem Notfall kommt? Mit dem Aufzug, so erzählen die drei, gebe es schon seit längerem Probleme. Lotte Börgmann: „Ich bin bereits im November stecken geblieben, eine Stunde lang war ich eingesperrt, konnte auch nicht mit dem Handy telefonieren, weil ich keinen Empfang hatte.“ Und Gerti Coenders fügt hinzu: „Über die Probleme mit dem Aufzug ist schon 2017 bei der Eigentümerversammlung gesprochen worden, aber es ist nichts passiert.“

Verwaltet wird das Wohn- und Geschäftshaus Orsoyer Straße 6, indem sich unter anderem eine Reinigung, eine Pizzeria, eine Fußpflegepraxis und eine Anwaltskanzlei befinden, von der Immobilienverwaltung Frey. Dort vertritt Daniel Hauck die Interessen der Eigentümergemeinschaft. Er hat Verständnis für das Wehklagen der drei Senioren. „Ich stehe fast täglich in Kontakt mit ihnen. Allerdings handelt es sich um ein schwerwiegendes technisches Problem. Die Steuerung ist defekt.“

Der Aufzug ist so alt wie das Gebäude, also rund 30 Jahre, Ersatzteile offenbar nicht mehr so leicht zu beschaffen. Für die Reparatur falle ein mittlerer fünfstelliger Betrag an. Er habe sehnsüchtig darauf gewartet, dass die für den Aufzug zuständige Herstellerfirma ein Angebot schicke. Hauck: „Das ist jetzt am Montag endlich gekommen.“ Bis zur endgültigen Reparatur dauere es aber noch eine Weile. Wie lange, das könne er nicht sagen. „Ich hoffe allerdings, dass der Aufzug bis dahin provisorisch repariert werden kann“, so der Verwalter, der betont, dass er die Eigentümergemeinschaft und nicht die Mieter vertritt. Mithin könnten die Eigentümer keine Schadensersatzansprüche geltend machen.

Für Lotte Börgmann und Gerti Coenders als Eigentümerinnen ist das Finanzielle sekundär. „Wir bezahlen unseren Anteil an den Kosten sofort. Für uns zählt nur, dass der Aufzug bald wieder funktioniert.“

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