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Alpen: Mit der Pferdekutsche von Bomben überrascht

Alpen : Mit der Pferdekutsche von Bomben überrascht

Vor 70 Jahren: Willy Tigler aus Menzelen-Ost erlebte als 14-Jähriger, dass die Alliierten Wesel bombardierten. Er kam heil über die Rheinbrücke.

Erinnerungen an die Zerstörungen im Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg sind wach. Frauen und Männer, die das Inferno vor 70 Jahren hautnah miterlebt oder aus der Ferne beobachtet haben, bringen das dramatische Geschehen durch ihre Erzählungen auch jungen Menschen näher. Willy Tigler hat den Luftangriff vom 1. Februar auf Wesel miterlebt. Denn auch vor den Schicksalstagen 16., 18. und 19. Februar waren Bomben gefallen.

Willy Tigler stammt aus Menzelen-Ost und war damals 14 Jahre alt. Im Herbst 1944 war seine Schule geschlossen worden. Die Jungen mussten an der niederländischen Grenze Panzergräben ausheben oder auf Höfen arbeiten. So landete Willy in seinem Heimatort beim Bauern Pins. Am 1. Februar hatten der Landwirt und die Frau des Hauptlehrers Schewe Termine im Marien-Hospital Wesel.

Außerdem sollte Pins' Tochter Hilde an der Kreuzstraße ein Paket abgeben. Das Pferd Frieda wurde vor die Kutsche gespannt, und zu viert ging es über die Rheinbrücke zur Stadt. Die beiden älteren Herrschaften wollten sich nach ihrem Krankenhaus-Besuch zum Bahnhof aufmachen und mit dem Zug über die da noch intakte Eisenbahnbrücke zurückkehren. Die beiden jungen Leute sollten unterdessen die Auslieferung erledigen.

Vom Hospital liefen sie am Markt vorbei in die Brückstraße. Erst ging alles gut. Aber am Viehtor war es vorbei mit der Ruhe. Kaum war Luftalarm gegeben, sah Tigler schon die ersten Markierungsbomben der Angreifer Richtung Bahnhof heruntersegeln. Der 14-Jährige steuerte mit dem Gespann flugs den kleinen Platz zwischen Mathenakirche (heute Kaufhof) und der Brandstraße an. "Da fielen schon die ersten Eier", schildert der heute 84-Jährige. Er band das Pferd samt Wagen an der Kirchentür an und sah nach Hilde. Die war in dem Chaos verschwunden.

Viel Zeit hatte Tigler nicht. Er rannte über die Kreuzstraße zu einem Haus, wo man ihm zurief, schnell in den Keller zu kommen. Der war voller Frauen und Kinder. Eine gute halbe Stunde dauert das Bombardement. Als man sich wieder ins Freie wagen konnte, traf Willy Tigler auf die nassgeschwitzte und verängstigte Frieda. Das Pferd stand mittlerweile mit den Vorderhufen in der Kirche. Durch Luftdruck nach Explosionen hatte sich die Tür nach innen geöffnet und das angebundene Tier musste folgen.

Den Anblick Friedas, die auf den Altar starrte, hat Tigler bis heute nicht vergessen. Bauerstochter Hilde hatte unterdessen Unterschlupf im Luftschutzkeller des Lutherhauses gefunden. Durch die Schuttberge bahnten sich die beiden mit der Kutsche mühsam einen Weg zur Brücke und nach Hause. Im Dunkeln kamen sie in Menzelen-Ost wieder an, wo Bauer Pins, längst mit dem Zug zurück, sie voll Freude in Empfang nahm. Vom Schlafzimmerfenster im Elternhaus beobachtete Tigler gut zwei Wochen später den Untergang Wesels: "Wie an Ketten kamen die Bomben runter."

(RP)