Alpen: Milchpreis macht's dem Bauern schwer

Alpen : Milchpreis macht's dem Bauern schwer

Johannes Paaßen aus Veen fordert eine Mengenregulierung, für Kreislandwirt Wilhelm Neu das falsche Instrument.

Stetig sinkende Milchpreise sind deutschen Landwirten nicht nur ein Dorn im Auge, sie bedrohen auch zunehmend deren Existenz. Einer von ihnen ist Johannes Paaßen, der in Alpen-Veen einen Hof mit 180 Milchkühen und derzeit etwa 120 Kälbern betreibt. Alleine ist das schon lange nicht mehr möglich, deshalb ist Paaßen eine Kooperation mit dem Nachbarhof eingegangen. Nur mit den so erzielten Synergieeffekten kommt der Landwirt halbwegs über die Runden.

32 Cent bekommen Bauern wie er aktuell für einen Liter Milch. Das deckt gerade die Kosten, Rücklagen für neue Maschinen oder notwendige Reparaturen sind nicht möglich. "Steigende Kosten für Futtermittel oder Dünger schlagen sich direkt auf meinen Lohn durch. Wir müssen jetzt schon sparen, wo wir nur können", so Paaßen.

Um 6.30 Uhr beginnt sein Arbeitstag, gegen 20 Uhr endet er im Idealfall. Fünf Stunden benötigt er alleine dafür, seine Kühe zu melken. Die Anschaffung eines modernen Melkroboters lässt die derzeitige Marktsituation nicht zu. Paaßen nimmt das mit Galgenhumor: "Ich rede mir ein, acht Stunden am Tag sind Arbeit, der Rest ist Hobby."

Dazu hilft die ganze Familie in Spitzenzeiten mit. Anders geht es nicht. Großbetriebe, die feste Arbeitskräfte eingestellt haben, stünden vor der Insolvenz. "Das betrifft viele Höfe in Ostdeutschland, die können von den Einnahmen die Löhne nicht mehr bezahlen." Der simple Grund für das Dilemma: Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage stimmt nicht mehr.

Johannes Paaßen sieht nur einen Ausweg: "Jeder Liter Milch, der nicht produziert wird, treibt den Preis nach oben." 38 bis 40 Cent müsste dieser betragen, damit Betriebe wie seiner wirtschaftlich betrieben werden können. Der paradoxe Umkehrschluss lautet: Würden alle Landwirte mit Milchvieh weniger arbeiten, stiege der Milchpreis und die Kosten je Liter würden sinken. Und noch etwas klingt aberwitzig: Sind die Getreidepreise besonders hoch, sei es rentabler, kurzfristig Kühe abzugeben und das dafür vorgesehene Futter zu verkaufen als Milch zu produzieren. Eine weitere Vergrößerung des Betriebes sei ebenfalls keine Lösung, bekräftigt der Veener Landwirt: "Mehr Kühe bedeuten auch mehr Kosten. Es müssen Felder für Futtermittel angepachtet werden, größere Ställe gebaut werden, die zusätzliche Gülle muss abtransportiert werden, und ich müsste dann jemanden einstellen, der die Mehrarbeit bewältigt. Wer mit 100 Kühen nicht über die Runden kommt, kommt es mit 300 auch nicht."

Eine Rechnung, die nicht überall so aufgestellt wird. "Die Landwirtschaftskammer rät Junglandwirten immer noch zu Höfen mit mindestens 100 Kühen", ärgert sich Johannes Paaßen, der sich vom Bauernverband im Stich gelassen fühlt: "Dort will man in erster Linie einen freien Markt statt der Milchquote." Einen Grund dafür sieht Paaßen darin, dass Milch aus deutschen Landen längst ein international geschätztes Markenprodukt sei und in große Länder wie Russland oder China exportiert werde.

Wilhelm Neu, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Wesel und Vize-Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes widerspricht energisch: "Der Wegfall der Quote ist erst einige Wochen her. Man glaubte, halb Europa würde sich danach totmelken. Aber das ist nicht der Fall. Die Produktion ist nicht höher als im vergangenen Jahr."

Dass die Situation angespannt ist, aber gibt Landwirt aus Brünen, selbst Milchbauer, offen zu. Einen Schuldigen für die nationale Preisentwicklung hat Neu mit dem größten Molkereiunternehmen des Landes, der DMK (Deutsches Milchkontor), bereits gefunden. "Die DMK hat als Marktführer ein Gesamtvolumen von acht Milliarden Kilo Milch. Wenn der Preis fünf Cent über dem der Friesland Campina liegt, sage ich: Die haben ihren Laden nicht im Griff."

National die Produktionsmenge zu senken, hält er im globalen Wettbewerb für wenig aussichtsreich. Landwirten wie Johannes Paaßen rät Neu stattdessen, die Produktionskosten zu senken. Dass niedrige Milchpreise gerade im Osten der Republik für die Aufgabe von zahlreichen Höfen verantwortlich sind, bestreitet Bauern-Funktionär: "Gerade in den neuen Bundesländern spielt der Mindestlohn eine entscheidende Rolle. Es ist ein Unterschied, ob ein Landwirt seinen Aushilfen 5,50 Euro die Stunde bezahlt oder drei Euro mehr."

Ob Großmolkereien die Schuld tragen oder der Mindestlohn, dürfte für Johannes Paaßen und die rund 75 000 anderen Milchviehhalter im Lande keine große Rolle spielen, für sie geht es ums Überleben.

(erko)