Rheinberg: Jahresrückblick der besonderen Art

Rheinberg : Jahresrückblick der besonderen Art

Die Kölner Kabarettistin Anny Hartmann eröffnete die Theatersaison.

Die Theatersaison begann mit der Kölner Kabarettistin Anny Hartmann. "Schwamm drüber", so der Titel ihres aktuellen Programms, in dem sie einen bissigen Jahresrückblick der besonderen Art brachte. Zum Jahresbeginn gehören Rückblicke, doch bewegte Bilder im Fernsehen haben nicht die Schärfe, wie sie Anny Hartmann ihrem Publikum präsentierte. "Wir hatten das Jahr der Fake-News", so ihre Feststellung. Sie geht damit in die Vollen. Chronologisch, Monat für Monat, erinnert sie an die verschiedenen Ereignisse, so als sei sie die Nachbarin von nebenan, die mal eben auf einen Plausch kommt.

Sie startet den Ritt durch das Jahr 2017 und nimmt immer mehr an Geschwindigkeit auf. Nicht von ungefähr erreichte sie in der Pause die Bitte aus dem Publikum, die Sprechgeschwindigkeit zu verlangsamen. Umsonst, das Jahr hat schließlich zwölf Monate, die randvoll mit Ereignissen sind. Sie baut um Zitaträtsel die jeweiligen Ereignisse auf und nimmt das Publikum direkt zu Beginn mit auf die Zeitreise. Vieles davon rauschte durch den Blätterwald, die kleineren Nachrichten im Nachgang las keiner mehr. Für Anny Hartmann gleich zu Jahresbeginn 2017 die Meldung, dass die Polizei in der Silvesternacht vermehrt Migranten aus Nordafrika mit gefährlichem Aussehen kontrolliert hat. Von wegen "Nafri".

Zunächst waberte die Zahl von 2000 durch die Medien. Schlussendlich waren es rund 650 kontrollierte Personen, von denen die meisten aus dem Iran, Irak, Syrien und Afghanistan stammten. Politiker hakten sich emotionsgeladen ein, sprachen von Rassismus und schon kochte die Menschheit. Aber da gab es noch den Kanzlerkandidaten aus Würselen, das Luther-Jahr, Erdogan und Trump. Zwischen Humor und politischem Kabarett wandert sie bei der weltpolitischen Gemengelage auf einem schmalen Grat. Lachen mag an dieser Stelle keiner. 2017 bietet genügend Zündstoff. Was macht Flinten-Uschi in der Bundeswehrkaserne? "Sie sieht nach dem Rechten", so die Antwort auf den Bundeswehrskandal im Mai. Zu ihren favorisierten Politiker gehört ohne Zweifel Thomas "Gnadenlos" de Maizière, dem sie immer neue Zusatznamen verpasst. Dann folgt die Analyse des G20-Gipfels in Hamburg, den Einsatzleiter Hartmut Dudde als Mann fürs Grobe managt. Und schon landet Hartmann beim Thema Sicherheit, das staatlich Smartphone-Abhören wie Staatstrojaner erlaubt. "Die Überwachung regt keinen mehr auf, sondern wird aufgrund möglicher Terrorabwehr akzeptiert."

Anny Hartmann ist in ihrem Element und wagt manche Kombination, mit der sie ihr Publikum schonungslos mit der Schmerzgrenze konfrontiert und die das Gehirnschmalz herausfordert. Darf die das? Denn nicht alles ist leichte Kost, sondern ein Ausflug in ein Geflecht von Macht, Intrigen, neurotischer Selbstdarstellung, Lobbyarbeit und politisch gewollte Verschleierungstaktik der Akteure. Sie schärft den Blick, kombiniert und lässt Platz für den guten wie simplen Humor, den das Publikum braucht, um das vergangene Jahr gut und sicher abhaken zu können.

(sabi)
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