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Amerikanischer Bomber 1944 abgeschossen: Historikerin will Flugzeugabsturz von Rheinberg aufklären

Amerikanischer Bomber 1944 abgeschossen : Historikerin will Flugzeugabsturz von Rheinberg aufklären

Am 26. August 1944 stürzt ein von einer Flak getroffener US-Bomber bei Rheinberg ab. Ein Mann der Besatzung wird mit einem Ruderboot aus dem Rhein geborgen. Wie kam es zum Absturz? Jetzt besuchen Nachfahren den historischen Ort.

In diesen Tagen rückt ein Ereignis ins Blickfeld, das bald 74 Jahre zurückliegt und vor dem Vergessen gerettet werden soll. Historikerin Susanne Meinl möchte einen Fluzeugabsturz vom 26. August 1944 am Rhein bei Rheinberg aufklären. Dabei ist sie auf Mithilfe angewiesen - von Zeitzeugen, die sich noch aus eigenem Erleben an die dramatischen Geschehnisse gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern oder die Quellen beisteuern können, die Aufklärung bringen, was sich an diesem Tag irgendwo zwischen Eversael, Budberg und Orsoy zugetragen hat.

Die Wissenschaftlerin aus München hat unter anderem für das Militär-Historische Museum der Bundeswehr in Dresden an der bundesweit diskutierten Ausstellung "Gewalt und Geschlecht" mitgewirkt. In dem Zusammenhang hat sie auch die Geschichte des 26. August 1944 in Rheinberg recherchiert. Sie kommt am Sonntag in Begleitung von US-Amerikanern an den Niederrhein - Nachfahren auf den Spuren von Verwandten, die hier damals als Soldaten mit ihrem Flugzeug abgestürzt und fast alle ums Leben gekommen sind.

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Bomber sollte Fabrik in Gelsenkirchen zerstören

Sie gehörten zur neunköpfigen Besatzung der US-amerikanischen Bombers B 17 mit dem selbstbewussten Spitznamen "Hard to get". Die Maschine war Teil der 306. Bomber-Gruppe und hatte den Auftrag, die Hydrierwerke Scholven AG in Gelsenkirchen zu zerstören. In dem Werk, das zur IG Farben gehörte, wurde aus Kohle Benzin gewonnen. Es galt als bedeutsam für die deutsche Kriegsmaschinerie.

Die "Hard to get" wird während des Bombenabwurfes von der deutschen Flak in großer Höhe schwer getroffen, kommt ins Trudeln, bricht auseinander und stürzt schließlich bei Rheinberg ab. Von der Crew gelingt es nur wenigen, aus der Maschine abzuspringen. Bombenschütze Michael Vlahos stirbt - ob am Fallschirm oder ob er am Boden getötet wird, ist nicht bekannt.

Seitenschütze wurde gerettet

Besser erging es dem Seitenschützen Richard C. Huebotter, der seine Erinnerung an die Geschehnisse schriftlich weitergemeldet hat. Sein Bericht ist ein wesentliches Zeugnis für die Umstände des Absturzes. Huebotter landet im Rhein und wird von einem Deutschen, vermutlich in einem Ruderboot, aus dem Strom geborgen. Eine Bergung aus höchster Not. Mit dem Fallschirm droht der Tod durch Ertrinken. Der unbekannte Retter bringt den verletzten Amerikaner zu einer Baracke, eine Befehlsstellung einer Flak-Einheit.

Der Co-Pilot der B-17, Charles "Chuck" Rapp, stirbt im Cockpit. Seine Leiche wird hinter einer Scheune in der Bauernschaft Drießen gefunden. Susanne Meinl hat bei einem früheren Besuch eine Zeitzeugin dazu befragt. Deutsche Soldaten suchen auf den Feldern rund um die Absturzstelle nach Flugzeugteilen und Spuren der Besatzung. Huebotter erkennt sofort den Flugoverall des Bombenschützen Vlahos.

Im Quartier trifft er auf zwei seiner Kameraden, Navigator Lt. Evans und Sergeant Purkey. Die drei US-Soldaten werden mit dem Piloten Dean Allen in einen Zug verfrachtet. Von Köln aus sollten sie zum Verhör nach Oberursel gebracht werden. Purkey und Evans nutzen einen Stopp zur Flucht. Purkey trägt Huebotters Jacke mit dem Aufdruck "Dickie" über der linken Brusttasche. Die spielt vor jenem US-Militärgericht eine Rolle, das zwei Deutsche zum Tode verurteilt, die am 29. August 1944 zwei amerikanische Flieger mit Eisenstangen auf brutalste Weise ermordet hatten.

Von Soldaten totgeprügelt

Die beiden US-Soldaten - durch Nachforschungen von Meinl weiß man heute, dass es Purkey und Evans waren -, werden gefasst und im hessischen Groß-Gerau der Bevölkerung zum Lynchen übergeben. Nach Recherchen der Historikerin werden die Flieger durch die Straßen der Stadt getrieben und von rund 300 hasserfüllten Männern und Frauen mit Holzstangen, Steinen und sogar mit den Absätzen von Damenschuhen attackiert. Schwer verletzt erreichen beide das Stadthaus. Hier werden sie von deutschen Soldaten totgeprügelt. Zwei der Täter werden 1946 gehängt.

Historikerin Susanne Meinl war im vorigen Jahr Ehrengast an Bord der "Yankee Lady" und ist zusammen mit dem Governor von Indiana, alten Piloten und Kameraden der Toten der "Hard to get" geflogen. "Eine der bemerkenswertesten Erfahrungen meines Lebens", schreibt sie.

Angehörige besuchen am Sonntag Rheinberg

Meinl kommt am Sonntag mit dem Enkel des Co-Piloten und dessen ältesten Sohn "Chuck" Rapp nach Rheinberg. Beide nehmen an Gedenkfeierlichkeiten auf Soldatenfriedhöfen in Belgien und den Niederlanden teil, wo auch einige der Toten der B 17-Crew bestattet worden sind. Für August haben die Tochter des Seitenschützen Richard C. Huebotter und die jüngste Schwester des 1944 ermordeten Navigator Evans ihren Besuch angekündigt. Gerne würden sie sich bei der Familie desjenigen bedanken, der Huebotter im Sommer 1944 aus dem Rhein gerettet hat.

Wer etwas beitragen kann zu den Umständen des Absturzes der US-Maschine kann sich per E-Mail wenden an Susanne-Meinl@web.de oder an redaktion.rheinberg@rheinische-post.de, Tel. 02843 929425

In diesen Tagen rückt ein Ereignis ins Blickfeld, das bald 74 Jahre zurückliegt und vor dem Vergessen gerettet werden soll.

(bp)