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Alpen: Generationswechsel im Gasthof Thiesen

Alpen : Generationswechsel im Gasthof Thiesen

"I für ingetraut": Hermann und Käthi Thiesen haben die Bönnighardter Traditionsgastwirtschaft mit Saal ihrer Tochter Ruth und ihren Schwiegersohn Marco Eickschen übertragen. Viel wollen die jungen Leute zunächst nicht verändern.

Der Besenbinder-Karneval ist wieder mal Geschichte. Und er ist wieder sauber über die Bühne gegangen, auch wenn's in der Zentrale des närrischen Treibens op der Hei nach Jahrzehnten eine unmerkliche, wenn auch einschneidende Veränderung gegeben hat. Davon haben wohl nur die Allerwenigsten etwas mitbekommen. Wirt Hermann Thiesen, vor Ort besser bekannt als "Herm", hat sich mit 65 Jahren zusammen mit Gattin Käthi (66) aufs Altenteil zurückgezogen. In der Traditionsgaststätte mit dem großen Saal neben der evangelischen Kirche, kommunikativer Mittelpunkt des lang gezogenen Dorfes, haben nun Tochter Ruth (38) und Schwiegersohn Marco Eickschen das Sagen. Der nächsten Generation haben die Thiesens mit dem Karnevalsgeschäft einen guten Einstand überlassen.

Mit dem Generationswechsel wird sich zunächst nicht viel ändern im Gasthof mit den zwei mächtigen Linden vorm Eingang. Das Augenfälligste: Die jungen Wirtsleute bauen über der Gastwirtschaft um und ziehen mit Kindern hier ein. "Herm" und Käthi Thiesen haben nebenan im Schatten der großen Kastanie längst ihr schmuckes Altenteil bezogen. Sie sind zwar raus aus der Verantwortung, aber so ganz gehen sie nicht. Sie wollen weiter helfen, wo sie gebraucht werden.

Alpen: Generationswechsel im Gasthof Thiesen
Foto: Fischer Armin
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Fast 40 Jahre lang hat "Herm" hinterm Tresen gestanden. Das hält jung oder, wie er in seinem trockenen Heier Humor sagt: "Da kann man alt bei werden." Dass er nicht nur Wirt war, sondern immer auch Landwirt, hat ihn nicht schneller altern lassen. "Landwirtschaft ist mein Hobby", sagt der Mann im grünen bäuerlichen Dress. Und von seinem Hobby will er auch als Rentner nicht ganz lassen. Sein Hütehund Leika freut sich jeden Morgen, wenn Herrchen kommt und sie dann gemeinsam auf dem Hof nach den Schafen schauen. Außerdem stehen noch zwei Pferde im Stall.

Mit einem Augenzwinkern erzählt "Herm" Thiesen, dass die traditionelle "Fruchtfolge" beibehalten worden ist: Die Tochter des Hauses übernimmt das Geschäft. So sei's auch diesmal gewesen. "Ich habe Blutgruppe I für ingetraut", sagt der 65-Jährige und lacht. Er hat es gemacht wie all seine Vorgänger. Und jetzt sein Schwiegersohn. "Herm" ist in die Fußstapfen seines Schwiegervaters Joseph Paeßens getreten, der seiner Tochter Käthi den Betrieb übergeben hatte. Die war, wie ihre Tochter Ruth, mit der Gastronomie auf- und so ins Geschäft hineingewachsen. Melanie und Gaby heißen die beiden anderen Töchter im Drei-Mädel-Haus.

Thiesen war immer schon eine Gaststätte, wo sich die Landbevölkerung traf. "Ganz früher gab's hier sogar mal eine Viehwaage", erzählt der Senior. Die hat Herm Thiesen aber nicht mehr erlebt. Aber sein eigenes Vieh, das hat er schon verlässlich versorgt. Viele Tage hatten ziemlich viele Stunden für den Land- und Gastwirt: Auch wenn seine Gäste am Abend langen Atem bewiesen beim Kartenspiel oder beim Kegeln, musste er frühmorgens raus aus den Federn. Kühe-Melken duldet keinen Aufschub.

Doch die einst extrem kurzen Nächte sind seit geraumer Zeit wieder länger geworden. Der Betrieb im Schankraum hat immer mehr nachgelassen. "Die Männer dürfen heute nicht mehr in die Kneipe", sagt Herm in seiner typisch sparsam ironischen Art, die seinem Gesprächspartner viel Raum für Kopfkino lässt. Schweigsamkeit sei für einen Wirt eine Tugend. "Und man muss mit den Wölfen heulen können", gibt Herm einen winzigen Einblick in die geheime Welt seiner Gedanken als Wirt. Mitgetrunken mit seinen Gästen habe er nur dosiert - "mal ein Schnäspken, so viel Bier kann ich nicht vertragen".

Das Freizeitverhalten habe sich geändert, Kneipen konkurrieren auch auf dem Land mit Clubheimen oder dem Rückzug ins Private. Die Wirtschaft als einzige Mitte im Dorf - die gibt es nicht mehr. "Die Leute treffen sich am Sportplatz oder in der Tennishalle", sagt Käthi Thiesen. Selbst die Herren am Sonntagsstammtisch seien arg in die Jahre gekommen. Die Besetzung sei sehr überschaubar geworden.

Dennoch behauptet Thiesen als Vereinslokal für die Fußballer vom BSV Rot-Weiß, dem Reiterverein Eintracht Veen, dem Kirchenchor Cäcilia oder dem Tambourcorps seinen Platz als Versammlungsort. Und dann ist da ja noch der große Saal für Familienfeiern von der Taufe bis zur Beerdigung - und natürlich für den Karneval. Nur noch wenige Kegelclubs schieben in der Woche eine ruhige Kugel. Am Wochenende wird die Bahn hochgeklappt. Dann steht da das Buffet.

Das hat Käthi Thiesen als Chefin in der Küche bestückt. Sie hat auch den Saalbetrieb gemanagt aber mal am Zapfhahn gestanden. Hier hat auch Tochter Ruth, eine gelernte Erzieherin, das Rüstzeug bekommen, um nahtlos an die Familientradition anzuknüpfen. Anfangs durfte sie Gläser spülen, dann kam immer mehr hinzu. Sie hat sich hochgearbeitet und dabei festgestellt: "Ich kann gut mit Menschen umgehen." In der Küche wird sie weiter unterstützt von ihre Mutter. Die übliche Besetzung. Nun freut sie sich, die Verantwortung fürs Ganze zu übernehmen, während sich ihr Mann, Elektriker in der Automobilbranche, nach Feierabend um die drei Kinder kümmert. Derweil hüten Herm und Leika die Schafe.

(RP)