Alpen: Für den Ochsen ist kein Platz mehr

Alpen: Für den Ochsen ist kein Platz mehr

Familie Paaßen in Veen zieht es Weihnachten oft in den Stall.

In der Weihnachtsgeschichte erwähnt der Evangelist Lukas zwar die Krippe, in der das neugeborene Kind gelegt wurde. Tiere kommen darin aber nicht vor. Die nahmen dafür in den ersten Krippendarstellungen aus dem vierten Jahrhundert direkt eine exponierte Stellung ein. In Erinnerung an die Worte Jesajas - "Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn" - standen nun diese beiden Nutztiere an der Seite des Jesuskindes anstelle der Heiligen Familie. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass Ochse und Esel wissen, zu wem sie gehören und von wem sie ihr Futter erhalten, das Volk Israel diese Gewissheit jedoch immer wieder vergisst. Die Christen sollten sich nicht als Arbeiter Gottes verstehen, sondern das Gefühl dafür entwickeln, zu Gott zu gehören.

In der heutigen Zeit wird nicht nur das Krippen-Ensemble anders positioniert, auch im realen Leben spielt der Ochse eine unbedeutende Nebenrolle. Grund dafür ist der steigende wirtschaftliche Druck auf die Landwirte, der dafür sorgt, dass das Bild weidender Kühe mehr und mehr aus unserem Alltag verschwindet. Während die Kühe ganzjährig im Stall bleiben und Milch produzieren, ist der als friedfertiger und ruhiger Zeitgenosse geltende Ochse wie geschaffen für die Weide. Eine Idylle, für die schlichtweg kein Platz mehr vorhanden ist. "Weideflächen werden zunehmend rar und somit teuer. Deshalb gibt es bei uns am Niederrhein auch keine Ochsen mehr. Nur Landwirte, die viele Grasflächen haben, halten sich noch Ochsen", erklärt der Veener Landwirt Johannes Paaßen. Der stoische Wiederkäuer hat also ausgedient.

Seine Rolle als Vertreter des männlichen Geschlechts im Stall übernimmt der Stier in seinem Job als Zuchtbulle und das auch nur, wenn er Glück hat. "Bei manchen Kühen klappt die künstliche Befruchtung nicht, da kommt der Stier zum Einsatz. Den anderen dient er als Animateur", so Paaßen.

Im Stall seines landwirtschaftlichen Partners Norbert Ingenerf steht ein solches Prachtexemplar in einer Art "Showbox" vor Kopf und lässt sich von der versammelten schwarz-bunten Weiblichkeit bewundern. Von Krippenromantik ist da rein gar nichts zu spüren.

Und trotzdem ist der Kuhstall für Familie Paaßen an Weihnachten ein besonderer Ort. "Wenn wir genug vom weihnachtlichen Trubel haben, verziehen wir uns in den Stall", sagt Alexandra Haas-Paaßen. "Wenn dann auch noch an Heiligabend ein Kalb geboren wird, sagen wir: Da kommt unser Christkind", ergänzt Ehemann Johannes Paaßen augenzwinkernd.

Morgens um 6.30 Uhr beginnt sein Arbeitstag, der nicht vor 19.30 Uhr endet - an sieben Tagen in der Woche. Denn Kühe kennen keinen Sonntag. "Siebeneinhalb Stunden davon sind Beruf, der Rest ist mein Hobby", sagt der Veener Landwirt. Dass er den Beruf jederzeit wieder wählen würde, liegt daran, dass der nicht nur daraus besteht, Ställe zu misten. "Man ist sehr mit der Natur verbunden. Wenn ich frühmorgens sehe, wie alles erwacht, oder am Abend einen Sonnenuntergang über den Feldern erlebe, dann sind das schöne Momente", versichert Paaßen.

Einen Ochsen gibt es übrigens noch auf dem Hof an der Dickstraße. Der steht in der Krippe im Wohnzimmer der Mutter. "Dort feiern wir gemeinsam Weihnachten. Ein Bauernhof ist fast immer auch ein Mehrgenerationen-Haus. Das ist praktisch und schön", sagt Alexandra Haas-Paaßen. Leider ist auch das Lebensmodell auf dem Rückzug. Wie der Ochse und das Bild von weidenden Kühen.

(erko)