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Flüchtlingshilfe Alpen steht vor neuen Herausforderungen

Flüchtlingshilfe in Alpen : Weiterhin willkommen

Mehr als 500 Menschen aus über 20 Nationen haben in Alpen vorübergehend, manche auf auch Dauer eine neue Heimat gefunden. Konzentrierte sich die Flüchtlingshilfe 2015 um existenzielle Bedürfnisse, so gibt es heute neue Herausforderungen.

Der Begriff „Flüchtlingskrise“, wenn er denn je seine Berechtigung hatte, kommt einem vor, als beschreibe er hierzulande etwas, was lange vorbei ist. Das liegt nicht nur daran, dass das Coronavirus seit Wochen alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch der Problemdruck durch die Aufnahme von Geflüchteten ist kaum noch mit dem zu vergleichen, wie er vor fünf Jahren war. Dennoch. Er ist noch nicht verschwunden. Auch in Alpen nicht, auch wenn er längst nicht mehr so augenfällig ist. „Im vorigen Jahr kamen 43 Personen, so viele wie damals manchmal an nur wenigen Tagen“, erzählt Astrid Kummer, die als hauptamtliche Kraft im Rathaus die ehrenamtliche Arbeit der Flüchtlingshelfer koordiniert. Deren Arbeit sei weiter wichtig, aber anders geworden, sagt sie.

Im Flüchtlingshilfeverein hat’s eine personelle Veränderung gegeben. Gründungsvorsitzender Patrick Depuhl (50) hat sein Amt zur Verfügung gestellt. Seine Aufgabe hat Melanie Koerfer aus Veen übernommen. Die 49-Jährige ist seit Ende 2015 dabei, als im Krähendorf zwölf Syrer untergebracht werden sollten und im Vorfeld zu einem Info-Abend geladen worden war. Sie hat sich in der Folge um eine albanische Familie gekümmert, die aber inzwischen nicht mehr da ist. „Integration gelingt nur über persönliche Beziehungen, wenn sich die Menschen kennnenlernen“, sagt sie. „Entweder es packt einen oder eben nicht.“ Melanie Koerfer hat’s gepackt. Sie gehört seit vier Jahren dem Vorstand der Flüchtlingshilfe an und ist bereit für ihre neue Aufgabe in der ersten Reihe. „Organisieren liegt mir“, sagt die gelernte Kfz-Mechanikerin, die schon lange als Assistentin der Geschäftsführung in einem Weseler Autohaus arbeitet.

 Ehrenamtliche Frauen kümmern sich um die Kinder, während die Eltern Deutschunterricht haben (v.l.): Christel Baranowski, Hannelore Haßhoff, Ramona Waschke, Claudia Bongers, Doris Schein und Gisela Thielen.
Ehrenamtliche Frauen kümmern sich um die Kinder, während die Eltern Deutschunterricht haben (v.l.): Christel Baranowski, Hannelore Haßhoff, Ramona Waschke, Claudia Bongers, Doris Schein und Gisela Thielen. Foto: Fischer, Armin (arfi )/Fischer, Armin ( arfi )

Es waren mal 300 Geflüchtete in Alpen, heute sind’s noch knapp 180, um die sich knapp 80 Mitglieder der Flüchtlingshilfe kümmern. Hinzu kämen die vielen Helfer, die gar nicht im Verein seien – „mehr Frauen als Männer“. Die Bereitschaft zu helfen, habe zwar ein wenig nachgelassen, sei vor Ort aber immer noch stark ausgeprägt, so Koordinatorin Astrid Kummer.

 Eine Mutter mit ihrem Kind beim Fest der Begegnung.
Eine Mutter mit ihrem Kind beim Fest der Begegnung. Foto: Armin Fischer (arfi)/Fischer, Armin (afi)

Vor allem der labile Status derer, die heute ankommen, mache es schwer. Es handele sich vielfach um sogenannte Dubliner. Das heißt, die Geflüchteten sind bereits in einem EU-Land registriert und müssten nach dem Gesetz dahin abgeschoben werden. „Zu wissen, dass ihre Schützlinge wieder gehen müssen, ist eine Belastung für viele Ehrenamtliche“, sagt Kummer. Schließlich nähmen die Menschen Beziehungen auf, die dann jederzeit gekappt werden können. Das sei für alle Beteiligten nicht einfach. „Aber es gibt keine Alternative, als sich zu kümmern“, betont die Koordinatorin. „Auch die Neuen brauchen Begleiter, die Zeit haben und Zeit aufwenden möchten. Manche bleiben auch“, ergänzt sie.

Es sei viel in Bewegung gekommen seit dem eindrucksvollen Fest der Begegnung Anfang 2016 im Rathaus. „Ein sehr positives Signal“ sei das gewesen. „Alle hatten das Gefühl, hier passiert etwas Gutes“, erinnert sich Patrick Depuhl. Das habe durch die schwierige Zeit getragen. Als knapp vier Jahre später die Flüchtlingshilfe im Rat mit dem ersten Heimatpreis der Gemeinde Alpen ausgezeichnet wurde, standen auch Flüchtlingsfrauen mit Kopftuch wie selbstverständlich mit auf der Bühne. das sei weit mehr als Folklore gewesen.

Deutlich mehr als 500 Leute aus mehr als 20 Nationen haben in Alpen vorübergehend, manche auch auf Dauer eine neue Heimat gefunden. „Die Situation damals war existenzieller“, erinnert sich Astrid Kummer. Erst ging’s darum, eine Unterkunft zu finden. Dann mussten Sprachkurse organisiert werden. Heute gebe es dafür keinen Mangel an Dolmetschern. „Aber die Hilflosigkeit ist größer geworden“, so die Flüchtlingskoordinatorin. „Trotz mancher Tragödien“ lebe das Prinzip Hoffnung, erklärt Kummer, „aber im Hintergrund ist die Angst, nicht bleiben zu dürfen“. Ein extreme psychische Belastung sei das.

Doch es gebe immer mal wieder eine sehr erfreuliche Nachricht. Astrid Kummer erzählt die Geschichte einer Mutter aus Somalia. Nachdem ihr Mann bei einem Anschlag ums Leben gekommen sei, habe sie alleine fliehen und ihre sieben Kinder bei Verwandten zurücklassen müssen. „Sie darf nun bleiben“, berichtet Kummer erfreut, „obwohl kaum jemand damit gerechnet hat.“ Sie habe tapfer durchgehalten, als Putzfrau in der Sekundarschule etwas Geld verdient und nun die Chance, zumindest einige ihrer Kinder wieder in die Arme schließen zu können. „Toll“, finden das die Flüchtlingshelfer.

Andere hätten weniger Glück. Für die, die gehen müssten, sei’s hier eine verlorene Zeit. „Junge Menschen mit echtem Potenzial bleiben auf der Strecke“, bedauert Astrid Kummer. „Doch das ist eine politische Geschichte.“

 In Alpen sei Willkommenskultur immer mehr als ein Wort gewesen. Hier sei sie gelebt worden. „Aber es gab immer auch kritische Stimmen“, sagt Patrick Depuhl. Dennoch: Über Aktionen und Projekte wie den völkergemischten Chor Alpen Home seien Menschen zusammengekommen und Kontakte hergestellt worden. Depuhl erinnert sich an eine Frau aus Alpen, die zum Sommerfest gekommen und dankbar war, weil sie „zum ersten Mal mit einer geflüchteten Familie gesprochen“ hatte. „Wichtig ist, dass wir rausgehen und ansprechbar sind.“

Und wer aufmerksam hinschaue, sehe auch, dass sich all die Mühen auszuzahlen beginnen. Im Supermarkt an der Kasse, im Altenpflegeheim, in manchen Betrieben treffe man „wie selbstverständlich“ auf Leute, die eine Ausbildung gemacht und es geschafft hätten. „Immer mehr von ihnen finden eine eigene Wohnung“, berichten die Flüchtlingshelfer. Das sei Anerkennung und Ermutigung zugleich. Aber auch die Geflüchteten selbst seien gefordert, verdeutlicht Depuhl. „Wer Initiative zeigt, bekommt Unterstützung. Er gehört dann schließlich zur Community.“

Nach den turbulenten Jahren hat sich so etwas wie Normalität eingestellt. In der Tennishalle wird wieder Tennis gespielt. Wenn nur die Corona-Krise nicht wäre.