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Frank Wittig Und Guido Lohmann: "Es gibt auch ein Leben ohne Abitur"

Frank Wittig Und Guido Lohmann : "Es gibt auch ein Leben ohne Abitur"

Zum Abschluss der Ausbildungsinitiative 2014 werben der Vizepräsident der IHK und Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses und der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Niederrhein für die duale Ausbildung.

Moers Zum Abschluss der Ausbildungsinitiative 2014 geht es im Gespräch mit Frank Wittig, Unternehmer sowie im Ehrenamt Vizepräsident der IHK und Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses, und Guido Lohmann, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Niederrhein, um die Möglichkeiten von Politik, Arbeitgebern und Kammer, Jugendliche von der klassischen dualen Ausbildung zu begeistern.

Wir haben uns in den letzten Wochen intensiv dem Thema Ausbildung gewidmet. Blicken wir nun auf den Start unsere Serie zurück. Sie haben, Herr Lohmann, vor dem "Akademisierungswahn" gewarnt.

Guido Lohmann Wir haben sehr viele Reaktionen auf diese Serie. Unsere Kunden aus dem Handwerk und dem Mittelstand bestätigen immer wieder, dass sie kaum noch Auszubildende finden. Genau deshalb sehe ich den Akademisierungswahn mit großer Sorge. Mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs studieren mittlerweile, wir haben 11 000 verschiedene Studiengänge in unserem Land. Dieses Chaos sorgt für eine zu hohe Akademikerquote, aber Jugendarbeitslosigkeit kann man so nicht abbauen. Ich habe Angst um das System der dualen Ausbildung, das das Fundament unserer erfolgreichen mittelstands-orientierten Wirtschaftspolitik ist.

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Frank Wittig Man muss es ganz klar sagen. Durch die grundsätzlichen Fehler der Bildungspolitik in der Vergangenheit und die Bildungsinflation haben wir Bildungsverlierer in unserer Gesellschaft produziert. Die Botschaft muss sein: Es muss auch ein Leben ohne Abitur geben. Es kann doch nicht sein, dass der höchsterreichbare Abschluss im Allgemeinen Schulsystem zum Standard wird. Wo bleiben denn die wirklich besonders Begabten? Und alle übrigen sind Bildungsverlierer? Ich bin davon überzeugt, dass in jedem Menschen eine Perle steckt.

Ist das ein Plädoyer gegen die Hochschulen?

Wittig Nein, überhaupt nicht. Natürlich brauchen wir akademische Ausbildungen für Forschung, Wissenschaft und Lehre. Aber die Akademisierung der Sachbearbeitung ist der falsche Weg. Bei vielen Studiengängen weiß man schon gar nicht mehr, was wirklich inhaltlich darin steckt.

Lohmann Ich frage mich manchmal auch, ob die Eltern überhaupt überlegen, welche Traumata entstehen, wenn ihre Kinder durch den zwanghaften Gang auf's Gymnasium überfordert werden.

Wittig Dabei muss doch jeder nur mal in seine eigene Biografie schauen oder sich seine Kollegen anschauen. Wir haben hervorragende Geschäftsführer, die von der Realschule gekommen sind. Und sehr gute Mitarbeiter, die von der Hauptschule gekommen sind. Nun haben wir die Hauptschule zu einer Art Sonderschule degradiert und alle machen ein Abitur, das aber nicht mehr die Qualität der Vergangenheit hat. Und G8 war dann doch der nächste Schritt in dieser Entwicklung. Wir nehmen unseren Kindern ein wichtiges Jahr der Sozialisierung weg und haben hinterher vollschulisch studierte Bachelor mit 21 Jahren ohne jegliche Praxiskenntnis.

Wo sehen Sie die Ursachen?

Lohmann Ich werfe vor allem der Politik vor, wie in vielen Bereich so auch in der Bildung den Weg der Gleichmacherei zu gehen und die Situation völlig zu verkennen. Das hat dann nichts mehr mit Chancengleichheit zu tun, sondern oft nur noch mit Ideologie.

Wittig Die Politik denkt leider immer nur sehr kurzfristig und blickt vor allem auf die nächste Wahl. "Lebenslang lernen" ist ja ein gutes Motto. Aber das muss doch "Learning by doing" heißen. Stattdessen verkaufen wir mit oftmals neuen Bezeichnungen alten Wein in neuen Schläuchen. Denn wenn wir ehrlich sind, hat sich der Beruf des Kaufmanns zum Beispiel doch gar nicht großartig geändert. Wir müssen wieder dahin kommen, dass der Blaumann auch wieder einen Wert hat. Denn wir brauchen dringend motivierte Arbeitskräfte, im Handwerk wie in der Industrie. Und wir müssen zeigen, dass es immer noch möglich ist, auch als Lehrling anzufangen und am Ende Direktor zu werden. Wir brauchen diese Mitarbeiter. Ändert sich nicht grundlegend etwas, wird der Fachkräftemangel im dualen System in wenigen Jahren dramatisch werden. Auf einen Bewerber werden zwei freie Lehrstellen kommen.

Macht das Thema Mindestlohn nicht gerade diese Arbeitsplätze attraktiv?

Wittig Nein, ganz im Gegenteil. Im Regelfall wird sowieso mehr als Mindestlohn gezahlt. Aber ich sehe die große Gefahr, dass viele junge Leute durch den Mindestlohn in Berufe gehen, die ihnen langfristig keine Perspektive geben. Die Chance, eine Ausbildung zu machen, könnte vertan werden. Wir brauchen einen gesamt-gesellschaftlichen Prozess, der den Wert der dualen Ausbildung, die übrigens weltweit einmalig ist und um die uns heute die Länder mit hoher Jugendarbeitslosigkeit beneiden, wieder deutlich macht.

Lohmann Dann frage ich, was trägt die IHK dazu bei?

Wittig Wir haben das sehr intensiv diskutiert. Wir müssen eventuell ein wenig provozieren und polarisieren: "Machs ohne!" könnte ein Motto sein. Ohne Abitur natürlich. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Unternehmen ein Signal setzen und betonen, dass sie in Zukunft auch wieder Ausbildungsplätze an Bewerber ohne Abitur vergeben werden.

Lohmann Wir, die Volksbank Niederrhein, werden uns auf jeden Fall öffnen. Wir haben schon bisher sehr gute Erfahrungen mit Quereinsteigern gemacht und werden uns auch für Nichtabiturienten öffnen. Und ich werde versuchen, Unternehmer aus der Region einzuladen, um mit ihnen gemeinsam etwas zu bewegen und für den Weg ohne Abitur zu werben.

Wittig Genau. Machs ohne! Ich bin gerne dabei

Auch wir werden das Thema weiter begleiten. Interview: Dirk Möwius

(RP)