Rheinberg: Der Schäfer hat nur ganz selten Zeit für Romantik

Rheinberg: Der Schäfer hat nur ganz selten Zeit für Romantik

Udo Reisloh (65) aus Eversael ist Hüter von 500 Muttertieren. Trotz der vielen Arbeit denkt er noch nicht ans Aufhören.

Zu jeder Krippe gehört ein Schaf - mindestens. Warum das so ist, hat zwei Gründe. Zum einen werden in der Bibel an vielen Stellen Hirten erwähnt. Also ist es naheliegend, dass ein Hirte mit seiner Herde zum Stall kam, um das Jesuskind zu begrüßen. Zum anderen bezeichnete sich Jesus selbst als guter Hirte, und die Schafe stehen für die, die ihm gläubig folgen.

Hirte oder Schäfer ist einer der ältesten Berufe der Menschheitsgeschichte. Auch heute noch gibt es alleine in Deutschland tausende Schafsherden. Eine davon betreut der Eversaeler Udo Reisloh - und das bereits seit 46 Jahren. Rund 500 Muttertiere zählen zu seiner Herde. Ein Drittel davon befindet sich im Stall, um Nachwuchs zu gebären, der Rest grast auf den umliegenden Wiesen.

Dank ihres dichten Wollkleides brauchen die Tiere selbst nachts nicht in den Stall. Ein Anblick, bei dem die Schafe aus Bethlehem neidisch geworden wären. "Die Schafe stammen vom Mufflon ab, hatten damals lange Haare. Die Wolle wurde ihnen von den Menschen erst viel später angezüchtet, um einen größeren Nutzen zu haben", erklärt Reisloh.

Für den modernen Schäfer ist das Wollkleid längst unrentabel geworden. Der Erlös aus der Wolle deckt gerade mal die Hälfte der Schurkosten. Udo Reisloh kann seine Arbeit ohnehin nur wirtschaftlich betreiben, weil seine Tiere für den Deichverband Duisburg-Xanten als Rasenmäher tätig sind und ihm etwa 500 Lämmer jährlich bescheren.

Dass die nach kurzer Mastzeit im Topf landen, hat ebenfalls durchaus einen historisch-biblischen Bezug: Das Lamm war schon immer ein klassisches Opfertier. Jesus selbst, der für die Sünden der Menschen mit seinem Tod am Kreuz gebüßt hat, wurde oftmals als Opferlamm dargestellt.

Für die 50 Rheinberger Kommunionkinder, die sich vor Weihnachten von der Kapelle in Eversael zu Fuß auf den Weg zum Schafstall der Familie Reisloh gemacht haben, sind die fröhlich tobenden Lämmer der Blickfang. Pastoralreferent Werner Koschinski möchte den Kindern zeigen, dass der Unterhalt einer Schafsherde harte Arbeit ist und wenig mit der Idylle einer Krippe gemein hat.

Aber er möchte schon auch den biblischen Bezug hervorheben: "In Psalm 23 ,Der Herr ist mein Hirte' ist die Rede davon, dass Nomaden und Viehhirten durch ein Land ziehen, in dem Milch und Honig fließen. Die Milch kam von Schafen und Ziegen und der Honig von Wildbienen." Udo Reisloh kann darüber nur schmunzeln. Während der "Lammzeit" beginnt sein Arbeitstag um sechs Uhr in der Früh und endet nicht selten um zwei Uhr in der Nacht, Wochenende inklusive.

Der Schäfer aus Leidenschaft nimmt's mit Humor: "Lammzeit ist Erntezeit. Da muss ich mich kümmern, und dazu gehört auch, manche Lämmer mit der Flasche aufzuziehen. Dafür arbeite ich im Sommer nur 80 Stunden in der Woche." Mit 65 Jahren verschwendet der Eversaeler keinen Gedanken an die Rente. Mindestens fünf Jahre noch möchte er bei seiner Herde verbringen. Was ihn antreibt: "Jeder Tag bietet eine neue Herausforderung, der man sich stellen muss. Wenn ich im Sommer auf der Wiese stehe und meine Schafe gemütlich grasen sehe, ist das für mich Schäferromantik."

Zeit für besinnliche Momente an Weihnachten dürfte trotz der Arbeit im Stall und auf der Weide bleiben. Dann erfreut sich der Schäfer an einer besonders schönen Krippe: "Die hat mir mal eine Reisegruppe aus dem Erzgebirge mitgebracht. Mit handgeschnitzten Schafen."

(erko)