Büderich: Missbrauchsvorwürfe gegen Pfarrer S. - Bistum bezieht Stellung

Infoabend zu Missbrauchsvorwürfen : Unaussprechliches in Worte gefasst

In Büderich nahm das Bistum Münster Stellung zu den Missbrauchsvorwürfen gegen den verstorbenen Pfarrer S.

Die Menschen in Büderich und Ginderich sind erschüttert über die Vorwürfe. Der in seinen letzten Lebensjahren an Demenz erkrankte und im vergangenen Jahr verstorbene Pfarrer S. soll vor 38 Jahren in Warendorf einen damals 20-jährigen Mann missbraucht haben. Vor gut einer Woche sind die Missbrauchsvorwürfe eines heute 58-Jährigen bekannt geworden. Das Bistum Münster hat in einer Mitteilung über den Fall informiert. Das Opfer sagte später gegenüber Journalisten, auch unserer Redaktion, dass es aufgefordert worden sei, sich zu entkleiden. Der Pfarrer habe dann Nacktfotos gemacht. Aus den weiteren Schilderungen des Mannes geht hervor, dass dabei ein psychisches Abhängigkeitsverhältnis erzeugt worden sein könnte.

Die katholische Pfarrgemeinde St. Ulrich Alpen, zu der Ginderich und Büderich gehören, hat sofort reagiert und zu einer Informationsveranstaltung geladen – um aufzuklären, aber auch um eventuell weiteren Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich zu melden.

Peter Frings ist im Bistum Münster zuständig für alle Fragen um das Thema Missbrauch. Er ist Donnerstagabend auf Einladung von Pfarrer Dietmar Heshe nach Büderich gekommen, um im Pfarrheim mit den Menschen zu reden, zu versuchen, ihnen Antworten zu geben auf ihre Fragen. „Das, was geschehen ist, können wir nicht ungeschehen und wieder gut machen. Aber das, was unaussprechlich ist, ins Wort bringen, das sind wir den Opfern schuldig“, leitete Heshe den Gesprächsabend ein, zu dem er alle Mitglieder der St. Ulrich-Kirchengemeinde eingeladen hatte und an dem gut 40 Bürger teilnahmen. Moderator des bewegenden und aufrüttelnden Abends war Diplom-Theologe Christoph Horn, Pastoralreferent im Bistum Münster und systemischer Organisationsberater und Coach.

Tatsächlich hat sich ein weiterer Betroffener bei Peter Frings gemeldet, von Haus aus Jurist und seit acht Wochen Interventionsbeauftragter im Bistum Münster. Ihm soll Gleiches wie den ersten bekannt gewordenen Opfer wiederfahren sein. Auch er war zu dem Zeitpunkt des Übergriffs volljährig. Die Opfer wollen, dass sich das Bistum öffentlich entschuldigt.

Es gab im Saal viele Fragen: Warum sich der Betroffene erst jetzt meldet, 38 Jahre später und zu einem Zeitpunkt, in dem der Pfarrer sich nicht mehr erklären kann, weil er verstorben ist, fragte eine Teilnehmerin. Es sei, so Horn, nicht selten, dass sich Menschen erst dann offenbaren könnten, wenn der Peiniger nicht mehr lebe, ihnen also nichts mehr antun könne. Ein anderer wollte wissen, was der Grund war, warum Pastor S. 1983 – also kurz nach dem Vorfall – von Warendorf ins Polderdorf versetzt worden ist: „Wusste man in Büderich nicht, was man da ins Pfarramt bekommt? Gibt es keine Personalakte?“ Die gebe es, so Frings, aber die kenne er nicht, genauso wenig wie den Grund der Versetzung. Aber fest stehe, dass nicht alles aktenkundig gewesen sei.

Ein Mann aus dem Plenum war irritiert, mehr noch erschüttert über die Haltung des Bistums: Vor acht Jahren habe es doch schon Hinweise auf auf übergriffiges Verhalten des Seelsorgers gegeben, „warum hat niemand vom Bistum das Gespräch mit dem Pfarrer gesucht?“ Weil der Pfarrer zu dem Zeitpunkt bereits an Demenz erkrankt gewesen sei, so der Präventionsbeauftragte. Das mache ihn wütend, genauso wie die Tatsache, dass Frauen in der katholischen Kirche immer noch von so vielen Ämtern ausgeschlossen sind. „Wann passiert denn endlich mal was in der Kirche?“

Ein Gesprächsteilnehmer, der Pfarrer S. schon aus seiner eigenen Zeit als Messdiener kannte, sah dessen Namen in den Dreck gezogen, startete einen Erklärungsversuch: „Da ist ein 20-Jähriger, und da ist ein 35-Jähriger Pfarrer, der sich offensichtlich verliebt hat. Das kommt vor, dass sich Gleichgeschlechtliche verlieben.“ Dem hielt Frings entgegen, dass Dinge benannt worden seien, zu denen das Bistum Stellung beziehen müsse und werde.

Man müsse endlich mal den Opfern zuhören, achtsamer sein, die Ohren offen halten, waren sich alle einig. Genau wie in dem Wunsch nach einem weiteren Gesprächsabend in einigen Wochen. Den soll es geben.

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