Rheinberg: Am Amselsteg singen die Kinder zu Karneval

Rheinberg : Am Amselsteg singen die Kinder zu Karneval

Der alte Brauch ist in Rheinberg weitgehend ausgestorben. Dank Regina Göthert ziehen die kleine Jecken am Annaberg von Tür zu Tür.

Wenn es eine Jahreszeit gab, zu der Rheinberger garantiert Süßigkeiten im Haus hatten, so war das an Karneval. Damit waren sie auch gut beraten. Denn unzählige bunt kostümierte Kinder zogen an Fastnacht von Haus zu Haus und sangen das Lied vom "Kleinen König", der nicht zu wenig, aber auch nicht zur viel haben wollte. Gemeint war damit: Süßes in Form von Bonbons oder Schokolade. Wenig großzügigen Zeitgenossen, die nichts in die Taschen füllten, wurde in dem Lied übrigens augenzwinkernd mit dem Besenstiel gedroht.

Auch Regina Göthert ist in ihrer Kindheit mit Nachbarskindern vom Annaberger Amselsteg Singen gegangen. So nannte man das früher. "Es war ein Heidenspaß", so die 56-Jährige. Irgendwann habe man "spitz gekriegt", wo es das beste Naschwerk oder auch mal 50 Pfennig gab. "Am Ende haben wir dann untereinander getauscht", erinnert die zweifache Mutter an den Brauch, der irgendwann einfach ausstarb. Bis Regina Göthert ihn wieder aufleben ließ. Zumindest in der Nachbarschaft am Amselsteg.

Das ist mittlerweile rund 33 Jahre her, ihr ältester Sohn war noch klein. In diesem Jahr ist übrigens Götherts sechs Monate alter Enkel Leon mit dabei, wenn am Karnevalssonntag eine Gruppe von acht Kindern in Begleitung von Erwachsenen von Haustür zu Haustür geht, um zu singen. Immer noch das Lied vom "Kleinen König". Der Evergreen unter den Kinderkarnevalshits. "Etwas anderes hat sich einfach nicht durchgesetzt", schmunzelt Göthert.

Die Begeisterung für das "Karnevalssingen" ist groß bei den Nachbarn am Amselsteg. Und nicht nur bei den Knirpsen. "Auch die Älteren freuen sich darüber und schwelgen in Erinnerung, wie es in der eigenen Kindheit war", erzählt sie.

Am Amselsteg ist die alten Rheinberger Tradition mittlerweile ein richtiger Nachbarschaftsbrauch geworden. Wenn das Wetter mitspielt, sollen erstmalig draußen ein Tisch aufgestellt und Getränke angeboten werden.

Wo der Ursprung des Karnevalssingens liegt, weiß Stadtführer Werner Kehrmann. Schon für die Zeit um 1550 ließe sich ein Brauch belegen, nach dem Brauer- und Mühlenknechte, Torwächter und Boten zur Fastnacht rundgingen, um Wurst, Eier, Schnaps und Geld für ihre Gelage zu erbitten. Das habe sich möglicherweise in späterer Zeit auf Kinder übertragen, erläutert Kehrmann.

Ältere Rheinberger erinnern sich noch, dass sie in den Nachkriegsjahren noch auf Platt gesungen haben. "Fastlowend kömmt heraan, klengelt op de Bösse, hier enne Stuhl on door enne Stuhl on door en Mettworß tösse" lauteten die ersten Liedzeilen. Und auch denjenigen, die nichts gaben, haben die Knirpse damals eine eindeutige Ansage gemacht - auf Platt: "Gizhals, langen Hals, märge mösse stärwe."

(RP)