Alpen: Volle Breitseite für den Lobbyismus - Kabarett mit Anny Hartmann

Weltfrauentag : Volle Breitseite für den Lobbyismus

Die Kölner Kabarettistin Anny Hartmann lieferte zum Weltfrauentag in Alpen ein nachdenklich machendes Programm.

Steilvorlage für das Programm „NoLobby is perfect“ lieferte Alpens Gleichstellungsbeauftragte Kirsten Kloas, als sie Meilensteine im Jahrhundert mit Frauenwahlrecht nannte. Im Januar 1919 durften Frauen erstmals wählen und gewählt werden. 100 Jahre später ist der 8. März in Berlin gesetzlicher, arbeitsfreier Feiertag. Die Gleichstellung hinkt indes hinterher. Im Ringen um gleichen Lohn offenbart sich weiterhin eine Lücke. Frauen verdienen heute 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das bedeutet statistisch, dass Frauen „bis zum 18. März ohne Verdienst sind. Sie haben 77 Tage umsonst gearbeitet“, so Kloas, die damit elegant den Bogen zur Kölner Künstlerin Anny Hartmann schlug.

Die Ungleichheit der Geschlechter bleibe, so Hartmann. Auch in der Politik – „und die funktioniert wie das Autofahren in Saudi-Arabien. Frauen kommen erst dann ans Stauer, wenn es gar nicht mehr anders geht“. Zahlen sind ihr Revier, wenn es um die Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft, um Kapitalismus und Ausbeutung, Umweltschutz und Menschlichkeit geht.

Sie seziert in ihrem dritten Soloprogramm messerscharf das Phänomen des Lobbyismus, legt Funktionsweise offen, nennt Ross und Reiter. „Lobbyisten sind das Symptom für eine Krankheit, den Kapitalismus. Der hat wenig mit Demokratie zu tun“, erklärt sie. Mit spitzer Zunge, scharfem Verstand und hoher Sprechgeschwindigkeit entlarvt sie Lobbyisten, die im eigenen Interessen ihren Platz immer ganz nah bei den Abgeordneten haben. Lobbyisten sind „Leihbeamte, die helfen Gesetze auszuarbeiten – auf Kosten des Steuerzahlers“, so die Volkswirtin.

Konzentration wird beim Publikum vorausgesetzt. „Anschnallen“ heißt das stille Kommando im Publikum, denn Hartmann zeigt Querverbindungen auf, die eher betroffen machen, als zur Belustigung beitragen. „Es ist einfach, Lobbyist zu sein“, meint sie. Schließlich hat Deutschland keine Lobbyregister, andere Länder schon. Beispiele, wo und wie Lobbyisten arbeiten, schüttelt sie wortreich und schnell aus dem Ärmel. So etwa die neue Strategie der Ernährungsministerin Klöckner, Zucker und Fette in Fertigprodukten zu reduzieren. „Wem nutzt das?“, fragt Hartmann. Antwort: Nicht der eigentlichen Zielgruppe, der leicht adipösen Bevölkerung, sondern der Lebensmittelbranche und dem Machterhalt des Politikers und seiner Partei. Mit Bestechungsgeldern ließe sich mancher anfüttern. Geld, Gier und Macht tragen Tarnkappen.

„Sponsoring“ ist dabei die Schwester der Parteispende, unkt sie. Ein Umstand, der auch erklärt, warum die Partei der Linken so wenig in den Medien präsent sei. „Kein Sponsoring, keine Häppchen“. Hartmann nahm die Erbschafts- und Vermögenssteuer, den Freihandel wie auch die „Neue Soziale Marktwirtschaft“ als marktliberale Lobby-Organisation aufs Korn. Dabei entzaubert sie das von Wirtschaftsvertretern oft bemühte Argument der „Arbeitsplatzvernichtung“. Der Abend mit komplexen Inhalten, leicht erklärt und mit kuriosen Sichtweisen gepaart, hatte es in sich. Klasse!

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