Alpen: Mutter (95) von neun Kindern erzählt über ihr Leben am Niederrhein

Alter aber fit : Das Glück, sich auf dem Sofa zu erinnern

Änne Oymann aus Menzelen wird heute am 15. März 95 Jahre alt. Sie hat neun Kinder groß gezogen und blickt trotz aller Mühsal zufrieden zurück. Am Samstag wird im Gasthof „Zur deutschen Eiche“ ein großes Fest gefeiert.

Nein, sie würde nichts anders machen, wenn sie die Zeit noch mal zurückdrehen könnte. Änne Oymann würde wieder ihren Theo heiraten, mit dem sie am 27. Oktober 1946 den Bund fürs Leben geschlossen hat. Der als selbstständiger Lkw-Fahrer in der Woche nicht zu Hause sein konnte, Waren und Vieh durch die Lande transportierte, um die Familie zu versorgen. Samstags brachte er Schweine zum Schlachthof nach Duisburg und Rinder zu Auktionen nach Köln. Sieben Söhne und zwei Töchter zog Änne Oymann allein groß, kümmerte sich um Haus, Hof und Schweine, die man damals hatte, half den Schwiegereltern nebenan, die mit Obst und Gemüse, das ihnen Bauern brachten, Märkte beschickten. Heute am Freitag, 15. März, wird Änne Oymann 95.

Wie sie da so auf ihrem Sofa in ihrer kleinen, gemütlichen Stube sitzt, wo früher der große Waschzuber stand, in dem sie montags mühselig und Stunde um Stunde die Wäsche für die große Familie wusch, mag man wirklich kaum glauben, dass sie tatsächlich bereits am 15. März 1924 das Licht der Welt erblickt hat.

Beim Schtzenfest 1958 saß Änne Oymann links neben König Reinhard Giesen, Präsident Gerhard Maas, Jupp Michels, Pater Gerhard Terhorst und Bürgermeister Adolf von Bonn beim Schützenumzug als Königin in der Kutsche. Foto: Fischer, Armin (arfi)

„Unten anne Schule, da bin ich groß geworden,“ erzählt sie. „Zwölf Geschwister waren wir. Mein Vater war Holzschuhmacher. Wir Kinder hatten alle ein Paar Klompen. Tag und Nacht haben wir die getragen.“ Und dann erzählt sie von früher, als sie vom Vater, der die Post im Dorf hatte, zwei Jahre lang jeden Tag nach Alpen geschickt wurde, um dort Briefe auszutragen. Mit dem Fahrrad, bei Wind und Wetter. Wenn das Rad mal kaputt war, musste sie es unterwegs selbst reparieren. Manches Mal hat sie es fallen lassen, wenn wieder mal Kampfflieger der Alliierten über den Niederrhein flogen. Hat sich auf den Boden geworfen, ist ganz still liegen geblieben, bis die Gefahr vorüber war. „Es war doch Krieg“, sagt sie.

Sie erzählt freimütig, dass ihr Ältester „schon unterwegs“ war, als sie ihren Theo heiratete. „Aber ich musste ein schwarzes Kleid anziehen.“ So war das damals. Der Kirchenchor brachte ihr trotzdem am Hochzeitstag ein Ständchen: „So nimm denn meine Hände“. Das wird sie nie vergessen. Genauso wenig wie den großen Umzug durch Menzelen-Ost, 1958. Reinhard Giesen hatte den Vogel abgeschossen und Änne Oymann zu seiner Königin erkoren.

Theo Oymann ist der ältestete Sohn und einer von neun Kindern. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Die ersten drei Jahre lebten Änne und Theo Oymann mit dem Erstgeborenen Theo (heute 72) bei ihren Eltern, dann zogen sie an die Ringstraße 63. Die Schwiegereltern hatten nebenan eine Garage und Lagerhalle und Schweineställe, oben drüber bezogen Änne und Theo eine kleine Wohnung. Inzwischen war auch Herbert unterwegs, heute 69 und Ortsvorsteher op de Hei. Es folgten Alfred (68), Annemie (65), Karl-Heinz (64), Rainer (61), Werner (58), Gabriele (51) und Hermann-Josef, der mit 58 verstorben ist. Alle Kinder wurden zu Hause geboren, bis auf Theo. Wenn Änne im Wochenbett lag, kümmerten sich die Nachbarsfrauen um die große Kinderschar, die in drei Zimmern schlief.

Lausig kalt sei es wintertags gewesen, erinnert sich Tochter Annemie, die mit ihrem Mann im elterlichen Haus an der Ringstraße lebt und sich um die Mutter kümmert. „Dann wärmte die Mutter Ziegelsteine im Ofen, schlug Tücher drum, packte sie in unsere Betten. Das waren unsere Wärmeflaschen.“ Samstags war Badetag. „Wir saßen immer zu dritt in der Zinkwanne, die in der Waschküche stand,“ erzählt Herbert. Wasser holte die Mama an der Feldpumpe in der Garage. Und wenn es mal Pfannkuchen gab, saßen neun Kinder um den Küchentisch und warteten ungeduldig, bis die Pfannkuchen geviertelt waren und sie endlich zulangen durften. Söhne und Töchter bewundern ihre Mutter, wie sie das alles geschafft hat. „Sie hat immer drauf geachtet, dass wir ordentlich aussehen. Und sie hat dafür gesorgt, dass alle immer pünktlich zur Schule gingen, eine Ausbildung machten. Mit jedem von uns ist sie losgegangen zum Betrieb, wo wir dann eine Lehrstelle bekamen“, erzählt Theo, der Älteste, der eigentlich ein Heinrich werden sollte. „Nix da, davon gibt es hier genug,“ hatte der Vater beschieden. Die Mutter sei stets gut gelaunt gewesen, immer ausgleichend. Es gab nie ein böses Wort. „Ich wüsste nicht, dass ich jemals was hinter die Löffel bekommen habe“, sagt Herbert Oymann.

Seit 1993 der Vater starb, gibt es bei den Geschwistern jedes Jahr einen „Tag der deutschen Oymanns“. Da ist die Mutter auch dabei. Dann wird viel gelacht, von früher erzählt. So wird es wohl auch sein, wenn der 95. Geburtstag mit einem Tag Verspätung am Samstag, 16. März, in der Gaststätte „Zur deutschen Eiche“ groß gefeiert wird. Dann kommen sie alle, Kinder und Schwiegerkinder, 17 Enkel mit ihren Partnern, 18 Urenkel, Verwandte, Nachbarn, Freunde der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung, der Änne Oymann seit 70 Jahre die Treue hält, und von der Frauengemeinschaft kfd. Sie wünscht sich „Gesundheit, klar“, sagt sie und lacht. „Einfach, datt alles löppt.“

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