Alpen hat einen neuen Schützenkönig

König von Alpen : Geiers Sturzflug in der dunklen Schlucht

Günter Peschges machte dem Vogel, der einfach nicht fallen wollte, den Garaus. Da war es schon fast dunkel. Der Mann, der das Duell voriges Jahr verloren hatte, regiert die Alpener Junggesellenschützen zusammen mit seiner Frau Cordula.

Die Sonne hatte sich längst hinter den Schmuhlsberg zurückgezogen, die Schießschlucht lag im Schatten der Dämmerung. Da kreiste der weiße Geier immer noch um sich selbst. Er wollte sich einfach nicht geschlagen geben und zeigte sich auch von satten Wirkungstreffern völlig unbeeindruckt. Die sechs Männer, die ihm mit der Armbrust seit 18.07 Uhr mächtig Dampf gemacht hatten, sahen sich einem Flutlichfinale um die Königswürde bei den Junggesellenschützen entgegen fiebern. Das Publikum, das die schöne heimelige Schießanlage erklommen hatte und einen würdevollen Rahmen für den königlichen Wettstreit abgab, wurde auf eine Geduldsprobe gestellt. Der früh gerupfte Geier wollte einfach nicht zum Sturzflug ansetzen.

Dabei war im Laufe des Nachmittags aus einem Königsbewerber ein Sextett geworden. Eigentlich war’s an den Junggesellen im Verein, den König unter sich auszumachen. Aber weil ein Aspirant abhanden gekommen war, war Junggeselle Andreas Hinsken (34) plötzlich Solist. Daher wurde der Wettstreit für die Sektion der verheirateten Junggesellen freigegeben. Günter Peschges, vor einem Jahr das Duell gegen König Carsten Lommen unterlegen, hatte sich bereit erklärt,  erneut in den Ring zu steigen.

Alt-Könige: Cartsen Lommen (rechts) und Patrick Vartruba, König von 2015. Foto: Paus

Mit seinem Mut löste er eine kleine Massenbewegung aus. Was der kann, können wir auch, sagten vier seiner Freunde aus dem Kegelklub „Rin inne Kopp“, der schon ein halbes Dutzend Könige in seinen Reihen hat. Die Überlegung: „Wenn Günter  uns an den Thron holen möchte, dann können wir auch selber gleich drauf halten“, sagte Rainer Markwitz. Er war vor 18 Jahren als Junggeselle König gewesen und konnte, wie übriges auch Ralf Swering (König von 1985) gar Kaiser werden. Noch im Rennen: Dirk Bücken und Udo Winschuh.

Rudolf Thiesies hat Andreas Hinsken seinen 25 Jahre alten Glücksbringer mitgegeben. Vergeblich. Foto: BP/bp

Den Anfang machte der Junggselle. Der hatte einen Glücksbringer in der Tasche. Rudolf Thiesies hatte ihm den mit unter die Vogelstange gegeben. Ein plüschiges Vögelchen mit gelbem Schnabel. Den hatte seine Tochter vor 25 Jahren auf der Kirmes gewonnen. Damals war der Vorsitzendes des Männergesangvereins Martonair als König gejubelt. „Jedem, den ich den Vogel  bisher überlassen habe, hat’s auch geschafft. Das waren schon vier gekrönte Häupter.“ Der Talismann erhöhte  den Druck auf den Junggesellen unter der fünf Konkurrenten mit Ehering.

Von denen zeigte sich Günter Peschges in bestechender Form. Der Mann im Polo-Shirt des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach  holte sich nicht nur den rechten Flügel und den Rest vom Schwanz, sondern war auch derjenige, der die Pfeile abschoss, der dem zähen Adler hochoben auf der Stange das Leben schwer machten. Aber es half alles nix. Das Werk von Schießmeister Ralph Lenzen hielt sich wie angedübelt.

Fünf verheiratete Männer und ein Junggeselle wollten König von Alpen werden. Foto: Paus

Die Regentschaft von Carsten Lommen zog sich. Dass er bis in die Dunkelheit die Silberkette tragen durfte, damit hatte niemand gerechnet. Bier-Meter um Bier-Meter à 14 Gläser wurde von der freundlichen Bedienung nach vorn getragen. Aber, was als Zielwasser gedacht war, erhöhte die Treffgenauigkeit nicht. Dirk Markwitz, der 2017 als Abiturient in der Schlucht den Königstreffer gelandet hatte, gab seinem Vater Tipps und reichte ihm einen Underberg für die Nerven. Auch das half nicht wirklich.

Die Niederheinmusikanten hatten vermutlich ihr ganzes Repertoire durchgespielt und inzwischen die Uniformjacken übergestreift. Dann fiel er doch noch der Geier. Günter Peschges hatte den Pfeil abgefeuert. Wer sonst? Verdient.

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