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Alpen: Erwin Kohl über Krimis, Lukas Born und Mordfälle

Interview mit Krimi-Autor Erwin Kohl : „Ein Grundsatz lautet: Quäl Deine Hauptfigur“

Der Alpener Krimi-Autor spricht über sein Buch „Der war schon tot“, über seinen Ermittler Lukas Born und Fehler, die er übersehen hat.

Sein neues Buch ist gerade erschienen, am Freitag liest Erwin Kohl daraus im Sonsbecker Kastell vor. Dieses Mal muss sein Ermittler Lukas Born ein Mysterium lösen: Auf einer Straße liegt ein nackter Mann, eine Frau sieht ihn zu spät und überfährt ihn – später erfährt sie: „Der war schon tot“. So heißt auch der Fall. Darüber sprachen wir mit dem Autor.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Krimi über eine nackte Leiche auf einer Straße zu schreiben?

Erwin Kohl Ich kann mir gut vorstellen, dass der Leser denkt: Mit dem Kohl ist die Fantasie durchgegangen. Aber das Buch basiert auf einem realen Fall, dem Yogtze-Fall von 1984, und das mit der nackten Leiche auf der Straße hat sich wirklich so abgespielt. Es ist ein Cold Case, also ein ungelöster Kriminalfall, der mich beschäftigt, seitdem ich davon gehört habe. Es ist der mysteriöseste Kriminalfall der deutschen Kriminalgeschichte. Es gibt bis heute keine Lösung des Falls. Dabei sind damals DNA-Spuren sichergestellt worden, aber seit 1984, also seit 37 Jahren, tauchen diese DNA-Spuren nirgendwo mehr auf. Für meinen Krimi habe ich den Fall nicht eins zu eins übernommen, sondern die Geschichte abgewandelt. Aber mich reizte es, auf dieses Mysterium, das sich damals abgespielt hat, eine Antwort zu finden.

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Wird Ihr Fall gelöst?

Kohl Ja, das wird er, es geht auch nicht anders. Das verlangt der Leser. Ich habe einmal in einem Roman eine philosophische Lösung gewählt. In dem Fall hatte der Täter seine Opfer mit K.o.-Tropfen willenlos gemacht und ihnen dann befohlen, dass sie jemanden erschießen sollen. Die Frage war dann, wer ist wirklich schuld? Derjenige, der geschossen hat, oder derjenige, der den Befehl und die K.o.-Tropfen gegeben hat? Das habe ich nicht eindeutig beantwortet, deshalb sind manche Leser auf die Barrikaden gegangen. Die wollen eine Antwort haben. Die wollen wissen, wer ist der Mörder. In Deutschland muss alles seine Ordnung haben. Und im neuen Buch gibt es eine plausible Lösung, wie ich finde. Dass sie mit der Lösung des wahren Falls zu tun hat, glaube ich aber nicht.

Im Buch entwickeln Sie auch die Geschichte um Ihren Ermittler Lukas Born weiter: Seine Freundin sucht ein Haus. Warum?

Kohl Ein Grundsatz bei Autoren lautet: Quäl Deine Hauptfigur! Dazu bin ich eigentlich zu harmonisch, ich muss mich erst überwinden. Aber seine Hauptfigur zu quälen, ist wichtig, dann fiebert der Leser mit. Und in diesem Buch hat Lukas Born viele Baustellen. Seine Freundin lebt auch auf dem Campingplatz, sie haben sich dort kennengelernt. Sie ist 32, er 42, und sie sagt zu ihm: Ich will mit dir in einem Haus wohnen und ein Kind haben, das Leben auf dem Campingplatz ist kein Leben für eine Familie. Sie findet auch eine Doppelhaushälfte, und er sieht sich schon samstags den Rasen schneiden. Aber für ihn ist das nichts. Er will nicht vom Campingplatz weg. Also muss er eine Lösung finden. Aber er hat noch andere Baustellen, und zwischendurch muss er auch noch einen Mordfall lösen. Er steht also ziemlich unter Druck. Dann macht das Schreiben aber auch Spaß.

Wie viel Recherche steckt in einem solchen Krimi?

Kohl Dieses Mal dachte ich, dass die Recherche nicht so aufwendig sein wird, weil ich den Kriminalfall ja schon hatte. Aber es waren viele Sachen, die ich noch klären musste, weil ich es möglichst authentisch haben und glaubwürdig beschreiben möchte, und diese Recherchen waren nicht so einfach, sie zogen sich über drei Monate. Einer meiner Protagonisten ist abhängig von Ecstasy. Daher musste ich wissen, wie diese Droge funktioniert, wie man drankommt und wie der Handel funktioniert, ob ein Streit unter Drogendealern ein Motiv für den Mord sein könnte? Das war aufwendig, diese Drogen-Problematik zu recherchieren.

Mit wem sprechen Sie dafür?

Kohl Wir Autoren helfen uns gegenseitig, und darunter sind viele Ermittler, die selbst Krimis schreiben. Ich habe eine Mailingliste, und wenn ich kurz ein Problem schildere, bekomme ich umgehend von mehreren eine Antwort, weil andere das Problem schon einmal recherchiert haben. Wir Autoren sind untereinander alle Freunde, es gibt keine Konkurrenz. Ich habe mich auch mit Drogenabhängigen unterhalten. Die Kontakte sind mir von Menschen vermittelt worden, die die Szene kennen, weil sie zum Beispiel in der Suchthilfe arbeiten.

Haben Sie so etwas wie einen Fahrplan oder eine Karte für Ihr Buch, auf der Sie festhalten, wann welche Handlung anfängt?

Kohl Ich entwickle vorher ein Stufendiagramm und eine Art Gleisplan, auf dem auch Nebenhandlungen verzeichnet sind, um sie irgendwann wieder in den Hauptstrang zurückzuführen. Wichtig ist mir, dass ich das Stufendiagramm zuerst entwickle, weil ich einen durchgehenden Spannungsbogen brauche, der stetig steigt bis kurz vor Schluss. Damit verhindere ich auch, dass ich zu viele Nebenhandlungen habe und damit das Tempo aus der Geschichte nehme. Außerdem hilft es beim Schreiben. Am Anfang sitze ich vor 250 leeren Seiten und denke: Das schaffe ich nie. Aber wenn ich mehrere Stufen habe mit jeweils etwa 20 Seiten, dann wird die Sache strukturiert, dann ist der Spannungsbogen und das Tempo der Geschichte vorgegeben.

Wer darf Ihr Buch lesen, bevor es gedruckt wird?

Kohl Ich habe vier Testleser. Die haben alle vier unterschiedliche Aufgaben: Der eine achtet auf die Charaktere und darauf, ob sie authentisch bleiben. Wenn eine Figur am Anfang cholerisch ist und am Ende friedlich, passt das nicht. Ein anderer achtet darauf, ob der Spannungsbogen stimmt. Der Dritte schaut sich an, ob das Tempo gleichmäßig bleibt. Und die Testleser finden sehr viel von solchen Fehlern. Ich bin nachher eine Woche dran, um die Stellen zu verbessern.

Dann ist das Buch fertig?

Kohl Nach den Testlesern liest der Verlag das Buch und prüft es, dann geht es ins Lektorat, es gibt zwei Lektoratsdurchgänge, dann sollte der Roman bis auf das letzte Komma perfekt sein. Dann ist alles fertig, es gibt anschließend aber noch ein Korrektorat – und bei Martha war das ein Glücksfall: In dem Krimi geht Lukas Born mit Linda ins Bett und wacht fünf Zeilen später neben Julia auf. Das hat keiner gesehen. Kein Lektor, kein Testleser, ich selbst nicht. ich werde sowieso irgendwann betriebsblind. Aber der Korrektor hat es gesehen. So ist es noch kurz vorm Druck herausgenommen worden.