Alpen: Ein berührendes Buch über den Alltag im Gefängnis

Alpen: Aus dem Innenleben des Knasts

Heiner Frost ist in der Redaktion der Klever Gefängniszeitung „Jaily News“ nah am Knastalltag. Er hat ein Buch geschrieben: „Am Ende der Zweifel“.

Mit einer Lesung des Reeser Komponisten und Journalisten Heiner Frost in der Bücherei hat der Musik- und Literaturkreis am Mittwoch sein Kulturprogramm gestartet. „Uns alle interessiert das Böse, das es manchmal gibt“, sagte die Vorsitzende Kerstin Pieper in der Anmoderation. Davon gibt es in dem 488 Seiten langen Buch „Am Ende der Zweifel“ eine ganze Menge. Denn der Autor kann aus einem reichen Erfahrungsschatz als Gerichtsreporter und langjähriger Mitarbeiter der Klever Gefängniszeitung „Jaily News“ schöpfen.

Den Gefängnisalltag zu beschreiben, wie er ist, ist dem 62-Jährigen wichtig: „Der Knast ist ein Ort, über den viele erzählen, die wenig wissen.“ Gleich zu Beginn räumt Frost mit der vorwiegend an Stammtischen kolportierten Meinung auf, ein Gefängnis sei eine Art staatlich finanzierte Wellness-Oase: „Die Häftlinge sitzen 23 Stunden am Tag in der Zelle, haben eine Stunde Hofgang. Von dem Tag an, an dem sie in den Knast gehen, sind sie tot, ohne Außenkontakt, Handy, Internet.“

Der Übergang beginnt in der „Kammer“, wie Häftlinge den Raum nennen, in dem Neuankömmlinge ihr ziviles Outfit gegen die Gefängniskleidung tauschen. „Wer einfährt, gibt dort sein Leben ab. Gegen Quittung, versteht sich“, so Frost. Wie trist der Knastalltag ist, machte er am Beispiel des Drogendealers Georg deutlich, der hinter Gittern geheiratet hat: „Es gab Erdbeerboden und gratis Kaffee aus der Kantine. Nach zwei Stunden wurde die Feier aufgelöst, weil der Bräutigam wieder in seine Zelle musste.“

  • Geldern : Autoren-Lesung mit Heiner Frost

In der JVA Geldern hatte Frost die Gelegenheit, sich mit Jonnie (Name geändert) zu unterhalten. Der 49-jährige hat nach eigenen Angaben die „Diagnose ll“ bekommen. Das steht im Knastjargon für lebenslänglich. Das Gericht hat eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Jonnie hat die Schwester seiner Freundin dazu angestiftet, ihren Bruder zu töten. „Hätte ich ihn selber umgebracht, würde ich nach 15 Jahren rauskommen. Doch das ist in Ordnung. Ich habe diese Strafe verdient. Aber ihr könnt uns hier nicht wie Müll entsorgen.“

Damit spielt Jonnie, der die Zeit im Gefängnis als „unmerkliches Schrumpfen der Unendlichkeit“ beschreibt, auf die Strafe neben dem Freiheitsentzug an: die seelische Qual. „Diese Strafe hört nie auf. Das Geräusch, wenn abends die Zellentüren verriegelt werden, brennt sich fest, das wirst du dein Leben lang nicht los. Genauso wie die Tat, die einen Tag und Nacht beschäftigt, immer und immer wieder.“ Wenn ein Mensch Jahrzehnte in einem Haus verbringt, ist das sein Zuhause. Hinter Gittern gilt das nicht. „Kannst du dir vorstellen, im Knast zu sitzen, und draußen werden deine Enkel geboren? Nein, das wird niemals mein Zuhause“, sagt Jonnie.

Mit Geschichten wie diesen zeichnet Frost ein berührendes Seelenbild von Menschen, für die Begriffe wie Hoffnung und Zuversicht zynisch klingen. In vielen Gesprächen mit Menschen, deren Leben sich weit unterhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung abspielt, hat Heiner Frost vor allem eins gelernt: „Jede Träne hat eine Geschichte.“

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