Alpen: Die Sekundarschule muss sich einen neuen Chef suchen

Alpens Schulleiter geht : Kapitän hinterlässt sturmerprobtes Schiff

Tilman Latzel hat die Alpener Sekundarschule trotz zwischenzeitlicher Turbulenzen in ruhiges Fahrwasser gelenkt. Jetzt wechselt er an ein Gymnasium.

Wenn sich Tilman Latzel (52) am Freitagmittag in die großen Ferien verabschiedet, geht für ihn ein Kapitel zu Ende, das ihn nicht nur als Pägagogen, sondern auch als Menschen nachhaltig geprägt hat. Der Chef der noch jungen Sekundarschule wechselt zum neuen Schuljahr an das altehrwürdige Erzbischöfliche Gymnasium Marienburg in Neuss. Ein weiter Weg in eine ziemlich andere Bildungswelt.

Hätte Latzel seine für viele sehr plötzlich kommende berufliche Veränderung vor zwei Jahren bekannt gegeben, hätte er sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass er als Kapitän sein sinkendes Schiff verlässt. Damals war die Sekundarschule, die Latzel als Kopf des Gründungsteams vor sieben Jahren vom Stapel gelassen hatte, in schwere See geraten. Ein dramatischer Absturz bei den Anmeldungen brachte die noch heranwachsende neue Schulform in existenzielle Not. Die Europaschule in Rheinberg hatte den Rettungsanker bereits ausgeworfen.

Latzel räumt ein, dass er sich damals erkundigt habe, welche Alternativen es für ihn geben könnte. „Bei einer Fusion mit der Europaschule hätte ich die Funktion des Schulleiters verloren. Ist doch klar, dass ich mir in so einer Situation Gedanken mache“, sagt er im Rückblick. Aber er hat zusammen mit Kollegium, Politik und Verwaltung in gemeinsamer Anstrengung Kurs gehalten. Das Vertrauen der Eltern ist zurückgekehrt, die Schule in ruhiges Fahrwasser ebenso. Bislang zwei Abschluss-Jahrgänge belegen, dass die Sekundarschule absolut bildungstauglich ist. „Sie ist stabil“, schreibt ihr Latzel ins Zeugnis, „und leistet hervorragende Arbeit. Ich gehe mit einem guten Gefühl und weiß sie bei meinen Kollegen in guten Händen.“

Was ihn erwartet, weiß der waschechte Niederrheiner noch nicht so recht. Seine neue Schule hat er erst einmal besucht, als er bei der so genannten Revision auf Herz und Nieren auf seine Eignung gecheckt wurde. „Schon der Blick aus dem Arbeitszimmer fällt auf eine völlig andere Welt“ sagt er. „Hier in Alpen schaue ich auf den grünen Spielplatz, in Neuss sehe ich den Hafen“, sagt er.

Mit dem Wechsel erfülle sich ein Wunsch, den er schon mit der Studienwahl – er hat in Köln Biologie und Sport studiert – verfolgt hat. „Ich habe eine gymnasiale Ausbildung und habe es immer als reizvoll empfunden, junge Menschen auf wissenschaftliches Arbeiten, auf Forschung vorzubereiten.“ Latzel bekräftigt aber, dass seine Entscheidung für das Mädchen-Gymnasium mit 1300 Schülerinnen keine gegen die Schule in Alpen sei. „Ich bin stolz darauf, was wir hier alle gemeinsam aufgebaut haben“, sagt er. „Die kleine Gesamtschule ist genau das Richtige für Alpen. Davon war ich und bin mit vollem Herzen und ganzem Verstand überzeugt.“

Als er im Frühjahr auf die Stellenausschreibung des Erzbistums gestoßen sei, habe er eine Chance gesehen. Im Rat der Familie sei die Entscheidung gefallen, es zu versuchen. Dann sei Ende Mai die Revision an der Schule gewesen. Einen Monat später, also vor knapp zwei Wochen, sei er zum Bewerbergespräch geladen worden. Das Erzbistum habe sich für ihn entschieden und ihn in der vorigen Woche der Schulkonferenz an der Marienburg als neuen Direktor präsentiert. Erst danach, als sein Wechsel feststand, habe er die Personalie in Alpen kommuniziert. Der Ort sei klein, das Umfeld der Schule bisweilen sensibel.

Tilman Latzel, der aus einer katholisch geprägten Familie in Wesel kommt und im Kirchenchor St. Ulrich singt, freut sich, in den Dienst der Kirche zu treten und eine Schule zu leiten, in der „in jedem Klassenraum selbstverständlich ein Kreuz hängt.“ Auch mit der Frage, wie ein so weiter Schulweg – der Vater von drei Mädchen bleibt weiter in Alpen wohnen – mit dem Gedanken an die Bewahrung der Schöpfung passt, hat er sich auseinandergesetzt. Der ausdauergestählte Inline-Skater will sich ein Auto mit E-Motor zulegen. Und eine kleine Wohnung in Neuss anmieten. Schule und Privatleben rücken für ihn ein gutes Stück auseinander. Aber die dörfliche Nähe habe er nie als Last empfunden.

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