Alpen: Behindertenbeauftragter Karl-Heinz Kohl legt aus Frust sein Amt nieder

Inklusion : Ehrenamt aus Frust abgelegt

Vier Jahre lang war Karl-Heinz Kohl Behindertenbeauftragter der Stadt. Er fühlte sich nicht wertgeschätzt.

Am Ende der vorweihnachtlichen Kerzenschein-Sitzung des Rates war dann doch noch Zeit für Gefühle. Für gemischte allerdings. Bürgermeister Thomas Ahls kam mit glaubwürdiger Anteilnahme seiner Pflicht nach, den Behindertenbeauftragten zu verabschieden. Karl-Heinz Kohl hatte schon vor Wochen erklärt, dass er sein Ehrenamt zum Ende des Jahres aufgeben werde. Aus Frust über die nach seinem Empfinden mangelhafte Rückendeckung im Rathaus. Nach den Worten des Bürgermeisters und dem anerkennenden Applaus aus allen politischen Lagern sagte er mit einem Tränchen in den Augen „herzlichen Dank“. Mit Rührung in der Stimme bekannte der 72-Jährige „ein wenig versöhnt“ zu sein und fügte an: „Diese Wertschätzung tut mir gut.“

Damit war der Mann, der fast ein halbes Jahrhundert im Rollstuhl sitzt, exakt bei dem Punkt, der ihn veranlasst hatte, vier Jahre nach seiner Wahl durch den Rat, frustriert die Brocken hinzuwerfen. Er habe immer wieder seine frühzeitige Beteiligung bei öffentlichen Projekten eingefordert, ohne den gewünschten Erfolg. Auf Briefe an die Verwaltung habe er zuletzt oft gar keine Antwort mehr erhalten. Das habe schließlich dazu geführt, dass er sich nicht ernst genommen gefühlt und so keine ausreichende Basis mehr gesehen habe, seine Aufgabe fortzusetzen.

„Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagte Kohl im RP-Gespräch, „ich habe lange überlegt.“ Schließlich habe er in seinen Sprechstunden erfahren, wie ausgeprägt das Bedürfnis nach Hilfestellung sei bei Menschen, die dankbar seien für Unterstützung. Der Flur vor seinem Büro im Rathaus war nicht selten so voll wie beim Arzt, wenn er Sprechzeit hatte. Auch aus Nachbarkommunen sind einige gekommen und hätten Rat gesucht. Schließlich wusste Kohl aus persönlichem Erleben, wovon die Menschen sprachen, wenn sie zu ihm kamen. Ähnlich sei der Andrang im DRK-Heim in Menzelen gewesen. Im Ev. Gemeindehaus in der Bönninghardt und bei der Lebenshilfe in Veen war er vor Ort, wenn sich jemand telefonisch angemeldet hatte. Bei allen drei Einrichtungen, die ihm einen Raum für Sprechzeiten zur Verfügung gestellt haben, bedankt er sich ausdrücklich. Darauf hat er großen Wert gelegt. Die Leistung für die Bürger erkannte der Bürgermeister in seiner kurzen Ansprache an: „Dafür möchte ich mich herzlich und aufrichtig bedanken.“ Thomas Ahls band aber auch kein Tuch darum, dass es zu „Konflikten“ im Umgang miteinander gekommen sei. Dazu mag auch die direkte, nicht unbedingt immer diplomatische Art beigetragen haben, mit der Kohl seine Forderungen vorgetragen hat und die Widerstände provoziert haben mag. So hatte er Mängel bei der Barrierefreiheit im Ärztehaus Amalien-Galerie angeprangert, hatte geklagt, dass die Haltestellen für den Bürgerbus nicht der Norm für Barrierefreiheit genügten, hatte einen offenen Brief an den Bürgermeister geschrieben, dass er eine frühzeitigere Beteiligung erwarte. Für ihn sei das „Fass übergelaufen“, als er beim Stadtumbau-Projekt den Eindruck gewonnen habe, dass seine Stimme niemanden wirklich interessiere, so Kohl.

Im Nachgang gab’s nun auch von den Grünen und der FDP Worte der Anerkennung für die geleistete Arbeit. Er wolle „mehr Sensibilität schaffen für Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung“, hatte Kohl zu Beginn seiner Aufgabe mal formuliert. Das sei ihm gelungen, bescheinigte ihm Grüne-Sprecher Peter Nienhaus. Der hatte wie FDP-Chef Thomas Hommen einen guten Tropfen als kleines Dankeschön „vorbereitet“. Auch wenn er um die Solidarität der Genossen wisse, so Kohl, der seit vielen Jahren dem Vorstand des SPD-Ortsvereins angehört, so hätte Fraktionschef Jörg Banemann „vielleicht auch ein paar Worte sagen können“.

Aber für Gram war kein Raum. Zumal die Kerzen brannten und der Bürgermeister dem scheidenden Lobbyisten für Menschen mit Handicap eine Alpener Armbanduhr überreichte: „Das Wappen sollen Sie ja im Herzen tragen.“ Und Ahls traf damit die Befindlichkeit: „Ich werde die Uhr selbstverständlich tragen“, sagte Kohl, „ich bin schließlich Uralpener.“

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