Rhein-Kreis Neuss: Zu viele stationäre Pflegeplätze im Kreis

Rhein-Kreis Neuss : Zu viele stationäre Pflegeplätze im Kreis

2020 wird es im Rhein-Kreis Neuss einen Überhang an Pflegeplätzen geben. Das sagt eine aktuelle Studie voraus, die gestern im Kreisseniorenhaus in Korschenbroich vorgestellt wurde. Die Nachfrage nach Pflegepersonal steigt kräftig an.

Der Silberne Plan feiert Geburtstag. Vor 40 Jahren wurde die erste Untersuchung zur Situation der Senioren im heutigen Rhein-Kreis Neuss in Auftrag gegeben. Lang ist's her: Der Startschuss dazu kam aus dem damals noch existierenden Kreis Grevenbroich und die über 60-Jährigen hießen noch nicht verschämt Senioren, sondern tatsächlich Alte. Damals schon mit dabei war Hans-Ulrich Klose, heute Vorsitzender des Kreissozial- und Gesundheitsausschusses und der Kommission Silberner Plan. "Das war ein revolutionärer Schritt, eine wissenschaftliche Untersuchung und Bestandsaufnahme anzuregen", sagt der CDU-Politiker.

Aus der von der Fachhochschule Köln erstellten Bestandsaufnahme resultierte ein großes Programm zur Errichtung von Altenheimen, denn die gab es in den Gemeinden zwischen Dormagen, Neuss und Korschenbroich zu wenig. Doch inzwischen hat sich das gewandelt. Eine neue Studie, die vom Rhein-Kreis beim Essener Institut for Health Care Business in Auftrag gegeben wurde, prognostiziert das Gegenteil: 2015 wird es voraussichtlich 562 stationäre Pflegeplätze zu viel geben. Eine vorangegangene Studie von 2010 war noch von einem Überhang von nur 250 Plätzen ausgegangen. "Wir waren bisher eher defensiv beim Bau von stationären Pflegeeinrichtungen", sagt Kreissozialdezernent Jürgen Steinmetz. "Die aktuelle Studie bestätigt diese Politik. Es ist richtig, den Fokus auf ambulante Pflege zu legen." Es gebe einen roten Faden in allen seit 1973 in Auftrag gegebenen Untersuchungen, stellt Klose fest. "Jeder möchte möglichst lange in den eigenen vier Wänden und in der Nähe der Familie bleiben."

Der Kreis möchte deshalb darauf hinwirken, dass bis 2020 keine neuen stationären Einrichtungen gebaut werden. Kreis und Kommunen haben allerdings keine gesetzlichen Möglichkeiten, den Bau von Altenheimen zu verhindern, wenn die baurechtlichen Auflagen erfüllt werden. Sie können nur warnen. "Schon 2015 ist der Bedarf gedeckt, der 2020 vorhanden sein wird", unterstreicht Steinmetz.

In die Berechnungen eingeflossen sind die bereits geplanten und im Bau befindlichen Altenheime. Allein in Grevenbroich sollen zu den drei existierenden drei weitere Senioreneinrichtungen hinzukommen. In Rommerskirchen und Jüchen wird ebenfalls an Neubauten gearbeitet. In Korschenbroich ist der Startschuss für eine neue Einrichtung gefallen. In Neuss entstehen 100 neue Plätze. "Altenheime bringen im Augenblick eine Rendite von acht bis neun Prozent", sagt Klose. "Deshalb wird gern in diesen Bereich investiert." Der sich abzeichnende Bettenüberhang gefährde die Wirtschaftlichkeit der Einrichtungen und deshalb auf längere Sicht die Qualität der Pflege. "Wenn die Heime nicht effizient arbeiten, wird am Personal gespart und die Pflege kann leiden", fürchtet Marcus Mertens, Chef der Heimaufsicht. Auf die Situation in den Alteneinrichtungen hat der Kreis ein wachsames Auge: zwei Einrichtungen in Meerbusch wurden jüngst untersagt. Ein neuer Betreiber musste her. Der wurde gefunden und hat die Häuser übernommen.

Die aktuelle Studie sagt auch einen steigenden Bedarf an Pflegepersonal voraus. Bis 2030 werden 1200 zusätzliche Kräfte in der Pflege gebraucht, davon 500 Fachkräfte. "Das ist eine riesige Herausforderung", so Steinmetz.

(NGZ)
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