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"Sei mein Schatz" oder "Du bist die Beste": Wovon das Herz voll ist, läuft der Lebkuchen über

"Sei mein Schatz" oder "Du bist die Beste" : Wovon das Herz voll ist, läuft der Lebkuchen über

"Sei mein Schatz" oder "Du bist die Beste" - wer solch zuckersüße Äußerungen schriftlich festhalten möchte, kann zum Lebkuchenherz greifen. Der Angebeteten am Band um den Hals gehängt, hält so manche dieser wohl klingenden Aufschriften länger als die Gefühle der Kirmesbekanntschaft. Schon seit langem gehören die gebackenen Herzen zum Kirmesbesuch dazu, neu sind jedoch die zahlreichen Zuckerguss-Buchstaben, die nicht mehr von Heirat, sondern eher von sanften Beschimpfungen sprechen: "Moorhuhn-Beschützer", "Pfützen-Umläufer" oder "Schwätzbacke".

Zum Anknabbern eigentlich viel zu schade. Doch erbarmungslos beißt Eva zu. Schwupps, und weg ist die Ecke. Zu sehen ist nun nur noch "Du bist ja sooo". "Da stand "lieb", bekundet die 18-Jährige treuherzig. Nun ja, das ist ihr schon zu glauben, steht doch ihr Freund Michael freudestrahlend neben ihr, da ihr sein Kompliment augenscheinlich so gut mundet. "So ein Lebkuchenherz gehört einfach zu einem Kirmesbesuch dazu", erzählt er fachmännisch. Allerdings wehrt er das Gegengeschenk - ein Herz mit einem "Schmusekater" - erfolgreich ab: "Ne, so was steht nur Frauen."

Weit gefehlt, auch Männer freuen sich über das sprücheklopfende Naschwerk. Zumindest seit es nicht mehr nur sentimental-romantische Aufschriften, die zu "unmännlich" erscheinen, gibt. "Lebkuchenherzen sind immer noch das Mitbringsel von der Kirmes - für Männer und Frauen", sagt Luise Schliebs, Vorsitzende des Vereins reisender Schausteller Neuss-Grevenbroich. Sie stellt fest, dass viele der nährenden Herzen, die für sich sprechen, in den vergangenen Jahren frecher geworden sind.

Seit Harald Schmidt mit "Warmduscher" die Eigenschaften-Frotzelei auf Kosten von "Weicheiern" oder spießig-peniblen Mitmenschen mit eigentlich positiv besetzten Eigenheiten populär gemacht hat, übertreffen sich die Kreativen mit immer neuen Wortschöpfungen. Das macht nun auch nicht vor den Lebkuchenherzen Halt. Als "Trend-Eigenschaft" mit mildem Beleidigungs-Faktor gibt es "Sauna-Untensitzer", "Brustbeutel-Träger", "Duftbaum-Fahrer", "Zahnpastatuben-Aufwickler", "Benzinpreis-Vergleicher", "Rabattmarken-Sammler" angesichts neuer Rabattaktions-Karten, "Cabrio-geschlossen-Fahrer" und - natürlich ganz verrufen - "Frauen-Versteher".

Davon sollten sich die "starken Männer" allerdings nicht verunsichern lassen, schließlich bedeutet "Frauen-Versteher" im Weltbild der Damen ein unschätzbares Kompliment - und ist eben darum anscheinend nicht so gut angesehen unter den angeblichen Vorzeige-Macho-Kumpels. Erlaubt ist, was draufpasst. Bei längeren Botschaften muss das Herz dann schon mal einen Mega-Umfang als Untergrund besitzen - nur was für richtig Großherzige. Doch für die knackigen Botschaften reicht meist ein kleines - was auch dem Geldbeutel fühlbar guttut, schließlich sind die essbaren Kleinigkeiten nicht gerade billig.

Ab fünf Mark fürs Mini-Herz sind die Käufer dabei. Größere Herzen sind als Status-Symbol oder Wandschmuck dann auch entsprechend teurer. Denn die treu-herzigen Verzierungen auf dem Pfefferkuchen sind nicht nur reine Kirmes-Mitbringsel: Sie gibt es auch als Glück- oder Genesungswunsch, der das ganze Jahr über als Geschenk für viele Gelegenheiten gefragt ist. "Ich suche mir immer ein besonderes Kirmesherz für meine Freundin aus, schließlich hat sie fast jedes Jahr am Neusser Schützenfest Geburtstag", weiß Achim zu berichten. Und Ursula erhält denn auch seit sechs Jahren dieses "Zubrot" - neben anderen Geschenken.

"Da sich Achim immer besonders viel Mühe gibt, freu ich mich auch dann, wenn der Spruch nicht ganz mein Geschmack ist", plaudert die 34-Jährige aus. Achim ist entsetzt: "Nun ja, eigentlich dachte ich, die Sprüche seien Selbstläufer, sie müssten nur von Liebe handeln", sagt er etwas pikiert. Bevor sich eine Beziehungs-Krise anbahnen kann und ein "böses Herz" droht, lenkt Ursula ein: "Ich bin schon wieder gespannt, was Du mir vom Millenniums-Fest mitbringst", zeigt sie sich überzeugt davon, auch vom Fest 2000 ein Herz geschenkt zu bekommen: "Das hat doch schon richtig Tradition bei uns."

Kennen gelernt haben sich die beiden auch beim Schützenfest, allerdings beim Reuschenberger. Seither üben Kirmesplätze eine gewisse Faszination auf sie aus, symbolisiert durch Kirmesherzen aller Art. Für wen trotz der riesigen Auswahl nichts Passendes dabei ist, der kann auch selbst Texte verfassen und aufs Herz bannen. Die Bestellung ist denkbar einfach: "Wer seinen eigenen Spruch zum Beispiel am Kirmestag in Auftrag gibt, kann spätestens am Montag oder Dienstag sein Herz abholen", erklärt Klaus Salden aus Solingen. Seit 40 Jahren steht sein Unternehmen, das er gemeinsam mit seiner Frau Ursula führt, mit einem Wagen auf der Neusser Kirmes, gleich am Eingang zur Rennbahn.

Auf 16 Neusser Stadtteil-Schützenfesten ist er mit einem Nasch-Stand vertreten, eigens für das Neusser Fest führt er große Herzen mit "Neusser Schützenfest". Dabei gibt's bei ihm auch andere Leckereien von den gebrannten Mandeln über Nuss-Spezialitäten bis zu Fruchtgummi in verschiedenen Varianten. Nicht nur einzelnde Kunden sprechen ihn an, auch ganze Züge vertrauen immer wieder auf seinen Rat, um originelle Geschenke und Accessoires für den Dienstagsabend-Umzug zu kaufen. "Da wollen die Züge mit einer Süßigkeiten-Trompete oder einem Hubschrauber durch die Straßen ziehen", erinnert er sich an die Wünsche. Für Geschenke "von Herz zu Herz" während des Dienstagsabend-Umzugs eignen sich auch Fruchtgummi-Schnuller oder andere Süßigkeiten am Band.

Vor allem einheitlich muss es sein: So ordert er vorher schon mal mehrere Objekte und gleich lautende Herzen, die die Schützen dann meist beim "Wackelzug" unterwegs an Frauen verschenken, um am Ende des Umzugs bei dem Vorbeimarsch am neuen König wieder in adretter Uniform aufzutreten. "Lebkuchenherzen bleiben immer präsent, weil sie als freundlicher Schmuck die Süßigkeiten-Wagen selbst verzieren", meint Schausteller-Vorsitzende Luise Schliebs. Auch wenn die "neumodischen Sprüche" vor allem die jüngeren Kirmesbesucher ansprechen sollen, stehen die klassischen "Liebes-Herzen" nach wie vor hoch im Kurs: "Ich will bei Dir sein", "Ich hab mich so in Dich verliebt" und "Schatz - für Dich" sind nur einige der Dauerbrenner für Herzensbrecher. "Sehr beliebt ist auch der süße Aufdruck ,Mutti ist die Beste" für Mütter und Omas", weist der Lebkuchen-

Mann auf die Vorlieben seiner Kunden hin. Meistens kaufen die Männer - die immer noch den Großteil seiner Kundschaft ausmachen - die herzliche Liebeserklärung auf dem Rückweg nach dem Umzug oder Wiesenbesuch. Aber auch gemeinsam mit ihrer Liebsten im Arm oder in Rufweite stöbern sie nach dem passenden Spruch, um ihre Gefühle auszudrücken und um den Hals zu hängen. Denn wovon das Herz voll ist, läuft der Lebkuchen über - da braucht niemand sein Herz auf der Zunge zu tragen. "Süßer Teufel" oder "Du bist ein Engel" spiegeln die ganze Bandbreite unter- und überirdischer Wesenszüge wider.

"Lass mich Dein Labello sein" ist als Aufforderung zum Bützen nicht misszuverstehen, ebenso wenig wie "Bin ich schon drin, oder was?", was sich nicht nur auf Boris Beckers AOL-Werbung beziehen lässt. Pragmatischer für den Kirmesbesuch geht es da mit dem Hinweis "Auf zur Theke". Auch das liebe Geld kommt nicht zu kurz: "Abgebrannt, aber glücklich" soll wohl vor zu vielen Bierrunden bewahren, während ein "Beinah-Millionär" geradezu zum Spendieren einlädt. Auch der "Hauptgewinn" sollte sich nicht als "Nieten gibt's genug" herausstellen. Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen die "Denk an mich"-Herzen meist die ersten sein, die dem Hunger zum Opfer fallen.

Kinder verlieren ihr Herz gern an die Spielzeug-Version. Da gibt es ihre Lieblinge aus dem Fernsehen und aus Plüsch auf Marzipan-Persipan-Scheiben mitten aufs Herz geklebt: Von der Diddl-Maus bis zu den Pokemons reicht die Palette der besonderen Lebkuchen, die - wegen des umsichgreifenden Sammelfiebers unnachgiebiger, quengeliger Kinder - den Eltern Schweißperlen auf die Stirn treibt. Auch kleine Figuren aus Zucker oder Marzipan prangen auf den symmetrischen Herzen - sämtliche Tierarten scheinen sich dort versammelt zu haben. Es gibt 60 verschiedene Versionen an Lebkuchenherzen. Und das an vielen Stellen auf dem Neusser Kirmesplatz.

Denn unter den "Anbietern mit Herz" sind auch Unternehmen aus dem Kreis Neuss, zum Beispiel Familie Degen aus Grevenbroich, Joachim Wolf aus Jüchen und Eugen Holtappel aus Grevenbroich. Für ganz wild Entschlossene gibt es auch die Heiratsanträge auf Lebkuchen: "Willst Du meine Frau (mein Mann) werden" prangt dann jeweils mit einer Hochzeitskutsche auf einem Riesenherz, mit dem der Heiratswillige seine Frage untermauern kann. "Davon haben wir immer mehrere auf Lager, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein", spielt der Herz(-blatt)-Verkäufer gern einen "Nur-die-Liebe-zählt"-Verschnitt.

Da wird's nicht nur dem Adressaten warm ums Herz. Magenverstimmung müssen die Knabberer nicht befürchten, immerhin sind die Herzen mit einem Haltbarkeitsdatum versehen, das zurzeit im Durchschnitt bei etwa Februar 2002 liegt. So ein "Spruchherz Größe 38 aus braunem Lebkuchen" der Firma Bären Schmidt besteht unter anderem aus den Zutaten: Weizenmehl, Karamelzuckersirup, Zucker, Stärke, Roggenmehl, Zucker-Dekor (mit Säuerungsmittel: Zitronensäure), Backtreibemitteln, Gewürze, Verdickungsmittel, Hühner- und Milcheiweiß sowie Gelatine und Farbstoffe.

Wer sein (Lebkuchen-)Herz nicht als ewiges Andenken oder Trophäe an der Wand oder im Keller verschimmeln lassen möchte, sollte aufpassen, in welcher Reihenfolge er die süßen Buchstaben verspeist. Sonst kann es passieren, dass aus einem begeisterten "Niemand liebt Dich so wie ich" schnell ein bemitleidenswertes "Niemand liebt Dich" wird. Und das wäre auch einem leblosen und gebrochenen Herzen gegenüber nicht fair.

Das Neusser Grenadier-Korps ist mit einer vorbildlichen Präsentation im Internet vertreten.

NGZ-Foto: A. Woitschützke -->