1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis

„Jüdisches Leben in Neuss“ (VII): Wortgewandte Händler und zahlreiche Intellektuelle

„Jüdisches Leben in Neuss“ (VII) : Wortgewandte Händler und zahlreiche Intellektuelle

Im Neusser Handels- und Intelligenzblatt stand es schwarz auf weiß: "Meine neuen Waaren von der Frankfurter Ostermesse sind eingetroffen. . . Ich empfehle dem verehrten Publikum insbesondere eine sehr schöne Auswahl in Mousseline laine, Kattun, Orleans, Jaconets, französischen und Wiener Umhängetüchern (und) weißen Waaren zu billigsten, aber festen Preisen." Herzfeld & Söhne: So sah die Fabrik der Neusser Industriellenfamilie im benachbarten Düsseldorf aus. NGZ-Repro: A. Woitschützke

Im Neusser Handels- und Intelligenzblatt stand es schwarz auf weiß: "Meine neuen Waaren von der Frankfurter Ostermesse sind eingetroffen. . . Ich empfehle dem verehrten Publikum insbesondere eine sehr schöne Auswahl in Mousseline laine, Kattun, Orleans, Jaconets, französischen und Wiener Umhängetüchern (und) weißen Waaren zu billigsten, aber festen Preisen." Herzfeld & Söhne: So sah die Fabrik der Neusser Industriellenfamilie im benachbarten Düsseldorf aus. NGZ-Repro: A. Woitschützke

Wer da 1848 die Werbetrommel rührte, das war die Baumwollfabrik Herzfeld, Adresse: Oberstraße B 42. Die Herzfelds gehörten zu den führenden rheinischen Unternehmerfamilien. "Doch nicht wortgewandte Händler, erfolgreiche Industrielle, Juristen, Stifter und Mäzene allein, auch Künstler und Intellektuelle, Maler, Komponisten, Grafiker, Dichter und Schriftsteller sind der zahlreichen und wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie aus Neuss entsprossen", schrieb Hans Seeling im "Neusser Jahrbuch 1987".

Die CDUFraktion hat kürzlich den im Kulturausschuss einstimmig begrüßten Antrag gestellt, dass das Stadtarchiv ein Buch über die Herzfelds verfassen soll. Als Stammvater der Großfamilie gilt Jonas Herzfeld, der 1792 in Gangelt das Licht der Welt erblickte und als Jugendlicher beim jüdischen Manufakturwaren- Händler Jonas Wihl in Neuss zu arbeiten begann. Später, nach vier Jahren in Büttgen, machte er sich in der Quirinusstadt als Händler selbständig und heiratete Rosa Josephs, mit der er sechs allesamt in Neuss geborene Kinder haben sollte.

  • Sören Steinhaus, hier vorige Saison beim
    Handball in Dormagen : TSV gewinnt erstmals bei den Wölfen
  • Die DJK-Kapitänin Jana Vollmert blieb in
    Tischtennis : DJK-Damen sind jetzt an der Spitze
  • Nikolausschule in Neuss : Wie man ein guter Nikolaus wird

Seine zunächst bescheidenen Geschäfte erweiterten sich, und 1822 zählte der Kaufmann zu den wenigen jüdischen Hausbesitzern der Stadt. An der Oberstraße richtete er einen Laden mit Textilien, so genannten Ellenwaren, ein. Es war der Grundstein für Herzfelds Aufstieg zum Fabrikanten, der über alle Stufen von der Rohbaumwolle bis zur fertigen Stückware eigene Spinnerei, Weberei, Färberei und Stoffdruckerei betrieb.

Die Hausweberei war damals ein weit verbreitetes Kleingewerbe. Herzfeld beschäftigte vier Weber in Neuss sowie über 400 weitere im ländlichen Dreieck zwischen Willich, Garzweiler und Worringen. Was die Verteilung der Herzfeldschen Handwebstühle betraf, so bildeten Holzheim, Bedburdyck und Ramrath die Schwerpunkte. Mittelpunkt des Unternehmens blieb die Oberstraße, wo Wiegekammer, Lager, Ein- und Verkauf vereinigt waren.

"Von feineren oder geringeren Baumwollsorten ausgehend, auf dem Wasserweg vom nahen Erftkanal in großen Ballen über Seehäfen zu beziehen, wurden die Garne und Kettenfäden in Neuss gesponnen, im Umkreis der Stadt von Hauswebern zu Stoffen gewoben und wiederum in Neuss durch Färben, Bedrucken und Appretur veredelt und unter dem Sammelbegriff 'Baumwollzeuge' verkauft", brachte Seeling das Geschäft auf den Punkt. Eine Gewerbetabelle der Bürgermeisterei von 1858 weist bei den inzwischen zwei Spinnereien Herzfeld & Söhne sowie Herzfeld & Cie 544 Mitarbeiter mit 412 Webstühlen aus.

Die Familie stieß in den Kreis der angesehensten Kaufleute auf, Jonas Herzfelds Sohn Leonhard gehörte 1861 zu den Gründungsmitgliedern der Handelskammer und wurde gleich deren stellvertretender Vorsitzender. Der unterdessen in den Vereinigten Staaten ausgebrochene Bürgerkrieg hatte verheerende Auswirkungen auf den Baumwollanbau und löste eine weltweite Krise auf diesem Sektor aus, die auch an Neuss nicht vorbei ging.

Ob es ihre Auswirkung war oder die fortschreitende Mechanisierung — die Herzfelds entschlossen sich, ans Düsseldorfer Rheinufer überzusiedeln. Jonas Herzfeld blieb in Neuss wohnen, folgte seinen Söhnen aber nach dem Tod der Ehefrau in die heutige Landeshauptstadt, in der er 1880 verstarb. Die Adresse der Firma Herzfeld & Söhne lautete längst Düsseldorf, Fischerstraße 20. "Dort erhob sich eine monumentale Fassade mit Tordurchfahrt zur Fabrik, flankiert von zwei zinnengekrönten Türmen im Malakow- Stil — eine pompöse Industrie- Architektur, wie sie zu gleicher Zeit an großen mechanischen Webereien entstand", so Seeling.

Leonhard Herzfeld und seine Brüder Gustav und Max leiteten das Unternehmen. Ihre Heimat vergaßen sie nicht. Auf Briefköpfen führten sie das Neusser Stadtwappen als "Schutz-Marke" ihrer Fabrikate. Mangels Absatzmärkten legten die Herzfelds ihr Geschäft im Sommer 1908 still. Die Fabrik ging schließlich in den Besitz der Stadt Düsseldorf über, ihre Grundstücke sind heute von den Komplexen der Stadthalle und der Victoria-Versicherung überzogen. Das Geschäft überlebte sich, die Familie nicht.

Jonas' zweiter Sohn, Joseph, gelangte 1848 auf der Woge einer bürgerlichen Opposition an die Spitze des "Demokratischen Clubs" in Neuss. Er zählte zu den Veranstaltern der ersten großen Zusammenkunft von Demokraten am linken Niederrhein, die auf den Neusser Rheinwiesen stattfand. Bis zu 10 000 Menschen sollen Rednern wie Ferdinand Lassalle zugehört haben. Joseph Herzfeld musste wie viele Gesinnungsfreunde das Weite suchen. Er heiratete in New York, kam zurück und starb 1901 in Freudenstadt.

Über Jonas Herzfelds ältesten Spross Jakob führt die Ahnenforschung zu dessen Sohn Josef. Er wurde an der Rheinstraße in Neuss geboren und war während der Weimarer Republik als Sozialdemokrat und später als KPD-Mitglied Abgeordneter des Reichstags. Er starb bei Bozen in der Emigration. Jakob Herzfelds Enkel Helmut entwickelte als Grafiker die Foto-Collage zum Mittel politischer Agitation. Er nannte sich John Heartfield und emigrierte als politischer Künstler nach Prag, ging dann nach Großbritannien und schließlich in die DDR. Er starb 1968 in Berlin. Die Liste der großen Persönlichkeiten aus der Familie Herzfeld ist damit aber nicht zu Ende. Sie soll nun erforscht werden. -tz.-

(NGZ)