Halbjahresbericht der Creditreform Düsseldorf/Neuss Zahl der Insolvenzen im Rhein-Kreis steigt

Rhein-Kreis · Wolken am Konjunkturhimmel: Im ersten Halbjahr 2023 nahmen die Unternehmenspleiten in der Region zu, wenn auch weniger deutlich als zuletzt. Inflation, Energiepreise und Zinswende bereiten den Betrieben Sorgen.

Insolvenzverwalter Axel Kleinschmidt (v.l.), Chris Proios (Konjunkturforschung Regional) und André Becker (Geschäftsleitung Creditreform Düsseldorf/Neuss) stellen die Insolvenzahlen vor.

Insolvenzverwalter Axel Kleinschmidt (v.l.), Chris Proios (Konjunkturforschung Regional) und André Becker (Geschäftsleitung Creditreform Düsseldorf/Neuss) stellen die Insolvenzahlen vor.

Foto: Creditreform

Läuft es in der Wirtschaft in der Region auch so trüb, wie es das Wetter der letzten Wochen war? Diese Frage stellte sich die Wirtschaftsforschung der Creditreform Düsseldorf/Neuss. In ihrem Halbjahresbericht zu den Unternehmensinsolvenzen, der diese Woche vorgestellt wurde, heißt es vorab zur allgemeinen Wirtschaftslage in Deutschland: „Der Ausblick auf die kommenden zwölf Monate bleibt, trotz einiger positiver Signale, insgesamt trübe.“ Die Energiepreisinflation habe die Konjunktur beschädigt und zu deutlichen Kostensteigerungen für die teils schon angeschlagenen Unternehmen geführt. Auch im Rhein-Kreis Neuss nahm die Zahl der Unternehmenspleiten im letzten Halbjahr entsprechend zu: im Vergleich zum ersten Halbjahr 2022 um acht Prozent.

„Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben für viele Unternehmen durch die Inflation und auch durch die Zinswende angespannt“, so Chris Proios von der Creditreform-Initiative „Konjunkturforschung Regional“. Die steigenden Zinsen würden bei schwacher Ertragslage zu mehr Insolvenzen führen, wie Studien belegen. Für eine zunehmende Anzahl an Unternehmen sei die Schuldentragfähigkeit nicht mehr gegeben, erklärt Proios. „Zudem lag die Inflationsrate in den letzten Monaten so hoch wie seit fast 50 Jahren nicht mehr.“

Dies habe zuletzt vor allem auch junge Unternehmen betroffen, die in der Region einer ersten Berechnung zufolge alleine gut 30 Prozent der Insolvenzfälle ausmachten. Axel Kleinschmidt, Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter bei der Düsseldorfer Sozietät Ganteführer, ergänzt: „Dennoch kann derzeit auch aus unserer Sicht noch nicht von einer Pleitewelle ausgegangen werden. Es handelt sich vielmehr um eine Normalisierung beziehungsweise eine Anpassung nach oben.“ Für die weitere Entwicklung entscheidend bleibe in erster Linie die Richtung und Stärke des Konjunkturtrends.

Im ersten Halbjahr 2011 gab es mit 162 Firmenpleiten einen Spitzenwert im Rhein-Kreis Neuss. In den letzten vier Jahren hat sich der Wert bei rund 80 Fällen eingependelt.

Im ersten Halbjahr 2011 gab es mit 162 Firmenpleiten einen Spitzenwert im Rhein-Kreis Neuss. In den letzten vier Jahren hat sich der Wert bei rund 80 Fällen eingependelt.

Foto: Creditreform

Was positiv stimmt: Der aktuelle Halbjahreswert für den Rhein-Kreis bleibt trotz des leichten Anstiegs auf 84 Insolvenzfälle deutlich unter dem langjährigen Mittelwert (109 Insolvenzen). Und er liegt auch weiterhin unter dem Vor-Corona-Niveau (2019: 96 Fälle). Im ersten Halbjahr 2011 gab es mit 164 Fällen einen Spitzenwert und damit noch fast doppelt so viele Insolvenzen wie im vergangenen Halbjahr.

 So haben sich die Unternehmensinsolvenzen in den Kommunen des Rhein-Kreises seit 2017 im Detail entwickelt.

So haben sich die Unternehmensinsolvenzen in den Kommunen des Rhein-Kreises seit 2017 im Detail entwickelt.

Foto: Creditreform

Neben prominenten Beispielen in Düsseldorf wie der Centrum-Gruppe oder Deutschlands größtem Modehaus P&C zeigt sich auch im Rhein-Kreis Neuss eine vergleichsweise deutliche Zunahme im verarbeitenden Gewerbe und im Handel. Im Baugewerbe gehen die Insolvenzen dagegen zurück. Auch im Gastgewerbe gab es leichte Rückgänge. In Neuss war von den mittleren und größeren Unternehmen etwa die Ruhfus Systemhydraulik GmbH (110 Mitarbeiter) betroffen, in Rommerskirchen die Konradius GmbH (28 Mitarbeiter, ein Unternehmen zur Durchführung von Krankenfahrdiensten).

Bei den weiteren Aussichten für 2023/2024 geht die Creditreform Düsseldorf/Neuss davon aus, dass es weiterhin einen Anstieg geben werde, aber keine „Insolvenzwelle“. Der erwartete wirtschaftliche Negativtrend spiegle sich auch in den regelmäßig erhobenen Konjunkturindizes. Der ZEW-Index – des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim – etwa sei seit dem Frühjahr dreimal gefallen. Das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sieht ebenfalls „kein Sommermärchen für die deutsche Wirtschaft“. Und so würden sich auch in der Region „weiterhin Wolken am Konjunkturhimmel“ zeigen, wie eine Blitzumfrage der IHK Düsseldorf/Mittlerer Niederrhein zeigt: „Die Energiekrise ist nicht gelöst, der Klimaschutz erfordert weiterhin große Anstrengungen und der Arbeitsmarkt bereitet den Unternehmen zunehmend Sorgen.“

„Anfang September wissen wir genauer, wo die Wirtschaft in unserer Region tatsächlich steht“, sagt André Becker, Mitglied der Geschäftsleitung der Creditreform Düsseldorf/Neuss. „Dann veröffentlichen wir zum 16. Mal zusammen mit dem Kreis, der Sparkasse Neuss und mit der IHK Mittlerer Niederrhein das Mittelstandsbarometer für den Rhein-Kreis Neuss.“

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