Creditreform wertet Zahlen für den Rhein-Kreis Neuss 2023 aus Mehr Unternehmen melden Insolvenz an – und die Gefahr wächst

Rhein-Kreis · Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Rhein-Kreis steigt und steigt. Bereits 2023 mussten mehr Firmen Insolvenz anmelden als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. 2024 könnte es noch schlimmer kommen, davor warnt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Welche Branchen besonders gefährdet sind.

André Becker, Creditrefom Düsseldorf/Neuss, und Chris Proios, Creditreform Konjunkturforschung, rechnen im Jahresverlauf mit weiter steigenden Insolvenzzahlen.

André Becker, Creditrefom Düsseldorf/Neuss, und Chris Proios, Creditreform Konjunkturforschung, rechnen im Jahresverlauf mit weiter steigenden Insolvenzzahlen.

Foto: Frank Kirschstein

Die Wirtschaft steckt seit Corona im Dauer-Krisen-Modus, das hinterlässt zunehmend Spuren auch im Rhein-Kreis Neuss: Im zweiten Halbjahr 2023 wuchs die Zahl der Unternehmens-Insolvenzen deutlich um 36,7 Prozent auf 108 Fälle. Bezogen auf das Gesamtjahr 2023 ergibt sich eine Zunahme von 22,3 Prozent oder 192 Fällen. Das ist das Ergebnis einer Datenauswertung der Creditreform Düsseldorf/Neuss.

In den vergangenen 23 Jahren sah es nur zweimal noch schlechter aus: 2002 (46,8 Prozent) und 2008 (32,4 Prozent). Im Rhein-Kreis stehen bekannte Namen auf der Insolvenzliste 2023, wenn auch – zum Glück – in der Regel nicht die ganz großen Arbeitgeber: Wunderbar und casa cc in Neuss, Aktiv Sportpark in Dormagen, die Maxmo Apotheken in Grevenbroich und Jüchen oder C&K Logistic in Meerbusch sind nur einige Beispiele. „Immer mehr Firmen brechen unter den Dauerbelastungen der hohen Energiepreise und Zinskosten zusammen“, sagt André Becker, Mitglied der Geschäftsleitung der Creditreform Düsseldorf/Neuss.

Die Zahl der Insolvenzfälle liege, so Becker, mit 189 bereits über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Klar sei, dass die Fallzahlen nicht mehr durch Sondereffekte aus der Corona-Zeit beeinflusst seien. Becker sieht jedoch die Rahmenbedingungen für die Unternehmen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit verschlechtert: „Massive Kostensteigerungen, hohe Zinsen und eine schwache Nachfrage belasten auch die kleinen und mittleren Unternehmen immer mehr.“

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, Probleme mit China, Inflation Überregulierung sowie Fach- und Arbeitskräftemangel zeigten ebenso Wirkung. Das Ergebnis: Die Insolvenzquote (Insolvenzen je 10.000 Unternehmen) im Rhein-Kreis ist um rund 21 Prozent auf 96 gestiegen – und liegt damit deutlich über dem Bundesschnitt (60).

Dass der Wert im Kreis noch deutlich vom Höchststand 136 nach der Finanzkrise im Jahr 2009 entfernt liegt, ist eher ein schwacher Trost, denn die Aussichten sind trübe: „Der negative Trend wird sich eher fortsetzen und die Insolvenzen werden auch im Rhein-Kreis voraussichtlich weiter steigen“, erwartet Becker. „Um die 230 Unternehmens-Insolvenzen in 2024 sind nach jetzigem Kenntnisstand durchaus realistisch“.

Chris Proios, „Initiative Konjunkturforschung Regional“ der Creditreform, sieht die Wirtschaft in der Region in schwerem Fahrwasser: „Auch wenn in der zweiten Jahreshälfte 2023 im Rhein-Kreis Neuss die meisten Insolvenzen im Bau, dem Handel, bei den Dienstleistungen und der Gastronomie beantragt wurden, hat sich das Insolvenzgeschehen auf breiter Front beschleunigt.“ In jeder dritten Teilbranche seien 2023 Insolvenzen zu verzeichnen gewesen. 2022 sei das nur in jeder vierten der Fall gewesen. Dominierten etwa bei den Dienstleistern in 2022 noch Beratungs- und Management-Unternehmen das Insolvenzgeschehen, kamen, so die Creditreform, 2023 Rechtsanwaltskanzleien, Architekturbüros, Werbeagenturen und KFZ-Vermieter hinzu.

Einen starken Anstieg der Insolvenzen gab es im zweiten Halbjahr 2023 im Groß- und Einzelhandel und bei den Gastronomie-Betrieben. Hohe Zinsen und sinkende Nachfrage belasteten zudem die Baubranche: Kreisweit wurde 2023 mehr als jede zehnte Insolvenz von einem Betrieb aus dem Bau- und Immobiliensektor beantragt.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort