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Rhein-Kreis Neuss: "Wir wollen die Kultur der Deutschen im Osten bewahren"

Rhein-Kreis Neuss : "Wir wollen die Kultur der Deutschen im Osten bewahren"

Vor 100 Tagen wurde Peter Pott in Nachfolge des verstorbenen Jürgen Kuntze Kreisvorsitzender des Bundes der Vertriebenen.

Herr Pott, vielen gilt der Bund der Vertriebenen als Auslaufmodell. Wie viele Mitglieder gibt es im Rhein-Kreis Neuss?

Peter Pott Noch ist es nicht so weit. Wir haben im Rhein-Kreis Neuss rund 770 Mitglieder. Der größte Teil davon, fast 600, sind in den Landsmannschaften Schlesien, Ostpreußen, Pommern und Sudetenland organisiert. Hinzu kommen noch die Deutschen aus Russland. Damit sind wir immerhin einer der größten Kreisverbände in Nordrhein-Westfalen.

Wie definieren Sie die Aufgabe des Kreisverbandes?

Pott Eine der Hauptaufgaben ist die Organisation des "Tags der Heimat", in diesem Jahr am 7. September. Um 14 Uhr wird in Neuss ein Kranz am Gedenkstein an der Oberstraße niedergelegt, um 15 Uhr beginnt der Festakt im Zeughaus. Festredner ist in diesem Jahr Werner Jostmeier, er ist der Beauftragte der CDU-Landtagsfraktion NRW für Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten.

Und über den Tag der Heimat hinaus?

Pott Grundsätzlich geht es uns darum, das kulturelle Erbe der Deutschen im Osten zu bewahren. Wir stellen fest, dass in den Schulen heute kaum noch Wissen über die früheren deutschen Gebiete im Osten vermittelt wird. Umso wichtiger ist es, dass wir weiter Flagge zeigen und von unserer Geschichte, unseren Traditionen und unserer Kultur berichten.

Dennoch sind die Landsmannschaften und der Bund der Vertriebenen nicht unumstrittenen. Nicht jeder begegnet Ihnen mit offenen Armen...

Pott Das stimmt, wobei auf Kreisebene die politische Diskussion eine untergeordnete Rolle spielt. Wir sind Bürger und Nachbarn, seit Jahrzehnten in Neuss und dem Rhein-Kreis zu Hause. Und trotzdem gestaltet sich die Zusammenarbeit manchmal schwierig.

Zum Beispiel?

Pott Zum Beispiel mit den Schützen. Wir haben den Bürger-Schützenverein in Neuss angefragt, ob eine Abordnung der Schützen mit ihren Fahnen am Tag der Heimat zu uns an den Gedenkstein kommen könnte. Dieser Wunsch wurde uns bis jetzt nicht erfüllt. Von Schützenpräsident Thomas Nickel erhielten wir eine Absage. Das Argument: Der Tag der Heimat der Vertriebenen sei eine Veranstaltung für eine einzelne Interessengruppe.

Was ärgert Sie daran?

Pott Um nicht missverstanden zu werden: Ich schätze Herrn Nickel persönlich sehr, mir geht es hier nur um die Sache. Die Vertriebenen machten nach dem Zweiten Weltkrieg in Neuss 25 Prozent der Bevölkerung aus. Wir haben mitgeholfen, diese Stadt und diesen Kreis wieder aufzubauen. Bei der Integration haben die Vereine, besonders die Schützenvereine, eine große Rolle gespielt. Ich selbst war zum Beispiel lange Jahre in Hoisten aktiv und dort auch Schützenkönig. Trotzdem soll es nicht möglich sein, dass eine Delegation der Schützen am Tag der Heimat teilnimmt? Am Volkstrauertag sind sie doch auch bei der Gedenkveranstaltung vertreten. Es muss auch erwähnt werden, dass viele Neusser Bürger zusammen mit den Heimatvertriebenen Fahrten in die ostdeutschen Gebiete unternommen haben.

Scheuen Einzelne oder Institutionen den Kontakt mit dem Bund der Vertriebenen, weil sie die Gefahr sehen, damit in eine "rechte Ecke" gedrückt zu werden?

Pott Einmal ganz vereinfacht gesprochen: Ich habe den Eindruck, dass viele Westdeutsche meinen, die Vertriebenen hätten den Krieg gemacht. Das ist natürlich Quatsch. Den Krieg haben alle Deutschen geführt. Diese Verantwortung ist nicht teilbar und darf auch nicht einzelnen Gruppen zugeschoben werden. Bei allen furchtbaren Folgen des Krieges, die auch die Menschen im Westen erlebt haben, zählen die Ostdeutschen, die Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat erlitten haben, doch in besonderer Weise zu den Opfern dieses Krieges.

Dennoch gibt es überall "Ewiggestrige". Wie gehen Sie damit um, wenn Sie Applaus aus Ecken bekommen, mit denen Sie nichts zu tun haben wollen?

Pott Das passiert mitunter. Meine persönliche Erfahrung: Ich ignoriere solche Stimmen und distanziere mich. Das heißt nicht, dass ich nicht grundsätzlich zur Diskussion und zum Austausch von Argumenten zur Verfügung stehe. Ich will aber auch niemandem eine Plattform bieten, der sie nicht verdient und der sie möglicherweise auch noch missbraucht.

Was bedeutet das für Ihre tägliche Arbeit?

Pott Ich trete dafür ein, dass wir uns offen und gesprächsbereit aufstellen. Es gibt unbestritten, geprägt durch die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte, eine gewisse Nähe der Vertriebenenverbände zur CDU und CSU. Dennoch sind wir heute zum Beispiel genauso mit der SPD im Gespräch. Gerade in Neuss pflegen wir diesen Kontakt. Der SPD-Landtagsabgeordnete Reiner Breuer war 2012 Ehrengast und Festredner beim "Tag der Heimat". Wir verstecken uns nicht, sondern wollen Offenheit demonstrieren.

Wie kommt dieses Engagement zum Beispiel in Polen an?

Pott Noch ein persönliches Beispiel: In meiner Geburtsstadt Lötzen, heute Gizycko, sind meine Frau und ich bereits oft zu Gast gewesen. Gerade hat uns Bürgermeisterin Jolanta Piotrowska eingeladen, am 11. August bei der Verleihung der Ehrenfahne Europas an ihre Stadt dabei zu sein. Anlass ist das Engagement für die internationale Zusammenarbeit und die Verbreitung der Idee des vereinten Europas.

Realitäten müssen anerkannt werden?

Pott Die Vertreibung fand vor über 65 Jahren statt. Für die Menschen, die heute in den entsprechenden Orten leben, ist das ihre Heimat — genau wie für uns.

Wie werden die Landsmannschaften im Rhein-Kreis in zehn Jahren aufgestellt sein?

Pott Hoffentlich noch gut. Aber es ist natürlich auch eine Realität, dass unsere Mitgliederzahlen sinken. Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Landsmannschaften auf Ortsebene in Zukunft zu klein sein werden, um noch selbstständig zu handeln. Dann könnte der Bund der Vertriebenen den verbliebenen Mitgliedern eine neue Anlaufstelle bieten.

FRANK KIRSCHSTEIN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(NGZ)