Rhein-Kreis Neuss: Wie Meerbusch weiter wachsen will

Rhein-Kreis Neuss : Wie Meerbusch weiter wachsen will

Wirtschaftsförderin Heike Reiß aus Meerbusch will für die Stadt neue Gewerbeflächen erschließen. Skeptisch ist die frühere Mitarbeiterin der Kreis-Wirtschaftsförderung gegenüber Plänen für eine Metropolregion Rheinland. Ein Nahziel: Unternehmen besser vernetzen.

Frau Reiß, Ihr Vorgänger Klaus F. Malinka, seit Ende Dezember im Ruhestand, war 20 Jahre im Amt. Wo steht die Wirtschaft in Meerbusch, wenn Sie 2031 zurückblicken?

Heike Reiß Der Wirtschaft in Meerbusch sollte es genauso gut gehen wie jetzt. Mit den Städten Krefeld und Willich müsste ein interkommunales Gewerbegebiet entwickelt sein. Das Böhler-Entwicklungsgelände sollte mit Wohnbebauung und Gewerbe komplett vermarktet sein.

Verfügt die Stadt aktuell überhaupt über Flächen für neues Gewerbe?

Reiß Wir haben derzeit kaum noch Flächen in der Vermarktung. Zwei Restgrundstücke befinden sich im Gewerbegebiet Mollsfeld, Filetgrundstücke für internationale Unternehmen in der Nachbarschaft zu Epson und Kyocera. Kapazität gibt es auch noch in Strümp, im Bundenrott, direkt an der Autobahn.

Wann steigen Sie dort in die Vermarktung ein?

Reiß Angefangen haben wir, allerdings fehlt die Erschließung durch die K9n, eine Kreisstraße. Die Planungen laufen noch. Da ist der Rhein-Kreis Neuss gefordert.

Sie sind von der Wirtschaftsförderung des Kreises nach Meerbusch gewechselt. Haben Sie schon stadtspezifische Anforderungen an ihren alten Arbeitgeber?

Reiß Wer 20 Jahre beim Rhein-Kreis tätig war, hat natürlich die "Kreis-Brille" auf. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich schimpfe (noch) nicht auf die Kreisumlage, aber in der einen oder anderen Situation kann ich Anmerkungen meiner Kollegen aus der Wirtschaftsförderung der Kreiskommunen schon nachvollziehen.

Zum Beispiel?

Reiß Die Zusammenarbeit lässt sich optimieren. Das fängt schon ganz banal bei Unternehmensbesuchen an. Der Kreis definiert – das weiß ich aus eigener Erfahrung – manches als "sein" Thema, zum Beispiel die Suche nach Kooperationen mit Unternehmen. Aus Sicht einer städtischen Wirtschaftsförderung sehe ich das heute anders: Natürlich gehören diejenigen, die die direkten Kontakte zu den Unternehmen haben, mit an den Tisch.

Wovon profitiert Meerbusch mehr, von der Nähe zu Düsseldorf oder von der Zugehörigkeit zum Rhein-Kreis?

Reiß Wir wuchern alle mit den gleichen Pfunden: die gute Lage, die tolle Infrastruktur... Und dennoch ist es zum Beispiel für die Büdericher so, dass sie eine engere Beziehung zu Düsseldorf haben als zum Rhein-Kreis Neuss.

Für die Wirtschaftsförderung ist das doch ein Vorteil: Unternehmen, die sich für den Standort Düsseldorf interessieren, merken gar nicht, wenn sie sich in Meerbusch ansiedeln?

Reiß Wir freuen uns schon, dass sich viele Firmen auch als Meerbuscher Unternehmen begreifen. Richtig ist allerdings auch, dass gerade ausländischen Firmenvertretern kaum zu vermitteln ist, dass "unsere" Firmen nicht zu Düsseldorf gehören. Nehmen Sie nur das Beispiel Böhler: Das Gelände hat eine Düsseldorfer Adresse, liegt aber zu 100 Prozent auf Meerbuscher Gebiet.

Wie stehen die Chancen für das geplante interkommunale Gewerbegebiet mit Willich und Krefeld?

Reiß Die Bezirksregierung will große neue Gewerbeflächen nur noch für besondere Vorhaben zulassen. Das interkommunale Gewerbegebiet könnte so ein Leuchtturmprojekt sein. Im Rhein-Kreis gibt es das bereits, in Kooperation von Jüchen mit der Stadt Mönchengladbach. Die Partnerschaft von drei Kommunen – Meerbusch, Krefeld und Willich – könnte ein Anreiz sein, ein weiteres interkommunales Projekt zu starten.

Wie stehen Sie als Wirtschaftsförderin in Meerbusch zu den Plänen für eine Metropolregion Rheinland, wie sie vor allem die Industrie- und Handelskammern vorantreiben?

Reiß Sollte es eine solche Metropolregion geben, habe ich natürlich schon den Anspruch, dass sich Meerbusch dort auch sichtbar positioniert. Realistisch betrachtet muss man sehen, dass die Stadt über die Standort Niederrhein GmbH – zum Beispiel bei der "Expo Real" in München – schon heute mit Krefeld, Mönchengladbach, dem Rhein-Kreis und weiteren Partnern Teil einer größeren Einheit ist. Wir arbeiten zusammen, können aber dennoch die eigenen Profile weiterentwickeln. Ob das in einer weit größeren Metropolregion mit starken Partnern wie Düsseldorf und Köln auch noch möglich wäre, bezweifle ich.

Neue Gewerbeflächen sind knapp. Was macht die Wirtschaftsförderin, wenn sie gerade keine neuen Unternehmen nach Meerbusch holt?

Reiß Die Bestandpflege ist mindestens genauso wichtig. Meine obersten Aufgaben sind die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen. Dafür ist es wichtig, sich um die vorhanden Unternehmen – rund 5000 in Meerbusch – zu kümmern. Sie müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Fragen oder Probleme am Standort haben.

In Meerbusch gibt es Unternehmen wie Medtronic, Epson, Kyocera – brauchen die Wirtschaftsförderung?

Reiß Auch diese Unternehmen brauchen uns – nicht nur in der Phase der Ansiedlung.

Wofür zum Beispiel?

Reiß Mit den Unternehmen im Gewerbegebiet Mollsfeld wollen wir zum Beispiel einen gemeinsam zu nutzenden Pool von Elektrofahrzeugen aufbauen. Damit fördern wir die E-Mobilität, ein wichtiges Thema für die Firmen wie auch für die Stadt Meerbusch. Mit dabei sind das Leasingunternehmen Athlon, aber auch andere große Unternehmen im Mollsfeld.

Welche Themen wollen sie als Wirtschaftsförderin kurzfristig anpacken?

Reiß Potenzial sehe ich zum Beispiel noch im Grad der Vernetzung der Unternehmen. Meerbusch könnte noch ein Netzwerk für die Wirtschaft gebrauchen. Viele Unternehmen wissen nicht, wer noch am Standort vertreten ist und was die anderen Unternehmen machen.

An was denken Sie dabei? Ein weiteres Netzwerktreffen? "Düsseldorf In" bei Böhler gibt's ja schon...

Reiß ...auf Meerbuscher Gebiet, aber nicht zum direkten Austausch von Meerbuscher Unternehmen. Ich denke nicht an eine weitere Abendveranstaltung, sondern an zeitlich begrenzte Treffen, reihum in den Unternehmen.

Frank Kirschstein führte das Gespräch.

(NGZ)
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