Kneidls Bühnenbildklasse arbeitet an Figuren für Puppentheater: Was geht im Gesicht vor?

Kneidls Bühnenbildklasse arbeitet an Figuren für Puppentheater: Was geht im Gesicht vor?

Was daraus wird, weiß im Moment noch niemand zu sagen. Denn bislang existiert erst eine Idee - und eine Reihe von Puppen. Rund 15 junge Menschen, künftige Bühnenbildner, jetzt noch Studenten, sind ihre Schöpfer - und über sie wacht Karl Kneidl, renommierter Bühnenbildner ("Bash", "Rosmersholm" mit Regisseur Peter Zadek) und seit 1974 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Einige der Handpuppen aus der Kneidl-Klassse harren indes noch ihrer Vollendung. Foto: A. Lenfert

Was daraus wird, weiß im Moment noch niemand zu sagen. Denn bislang existiert erst eine Idee - und eine Reihe von Puppen. Rund 15 junge Menschen, künftige Bühnenbildner, jetzt noch Studenten, sind ihre Schöpfer - und über sie wacht Karl Kneidl, renommierter Bühnenbildner ("Bash", "Rosmersholm" mit Regisseur Peter Zadek) und seit 1974 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Einige der Handpuppen aus der Kneidl-Klassse harren indes noch ihrer Vollendung. Foto: A. Lenfert

Wacht? Nein, das Bild würde ihm gar nicht gefallen. Kneidl wacht gewiss nicht über seine Studenten, sondern agiert mitten unter ihnen. Immer bereit, Fragen zu beantworten, aber mit so viel Zurückhaltung und Fingerspitzengefühl, dass sich da keiner überrannt vorkommen kann. Gut, den Gedanken, Theater-Puppen zu modellieren, hat der gebürtige Nürnberger zwar seiner Klasse angetragen, aber jedem war freigestellt, diesen auch umzusetzen. Und die eigentliche Idee stammt ohnehin nicht von ihm, betont er, sondern von seinem Freund Burkhard Mauer, der in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit als Intendant des RLT im Foyer seines Hauses noch ein Puppentheater etablieren will. Nicht für das obligate "Hurra, seid ihr alle da"-Spiel, sondern für "Faust" oder "Eulenspiegel", oder noch besser: für Autoren, die den Puppen ein Stück auf den Leib schreiben. "Schauen Sie sich dieses Gesicht an!" - Kann so viel Begeisterung und Stolz bescheiden wirken?

Bei Karl Kneidl ist es so. - "Ich kann mir vorstellen, dass Tankred Dorst sofort ein Text für diese Puppe einfallen würde". Er hält eine der Puppen hoch, und wirklich, dieses Gesicht lebt, hat nichts mit den starren Masken zu tun, die sonst den Kopf von Kasper-Figuren ausmachen. Dass sein Antlitz große Ähnlichkeit mit Studentin Valentina hat, ist jedoch kein Zufall. Genauso wenig wie bei einigen anderen Handpuppen, deren Gesichter durchaus Abbilder aus der Wirklichkeit ringsum zeigen. Denn bevor sich die Studenten ans Modellieren machten, haben sie sich gewissermaßen mental vorbereitet. Den "Puppen-Faust" natürlich gelesen (dessen teuflische Pappmaché-Entsprechung erinnert übrigens an keins der Gesichter rundherum), aber auch Porträts der Kommilitonen gezeichnet.

Die Bilder hängen immer noch an der Wand im Klassenzimmer der Akademie, mal detailliert ausgearbeitet, mal nur als grober Umriss entworfen, und demonstrieren mit dem gleichzeitigen Blick auf die Puppenköpfe wirkungsvoll, was sich Kneidl dabei gedacht hat, als er vor dem Puppenbau die Auseinandersetzung mit Gesichtsstrukturen und Mimik setzte. Normalerweise arbeiten die Studenten in ihren künstlerischen Entwürfen mit Räumen, gestalten diese vom Stück und den Schauspielern ausgehend, sagt der 62-Jährige, der das reale Theaterleben nicht nur als Bühnenbildner, sondern auch als Regisseur kennt: "Modellieren aber machen wir nicht jeden Tag, deshalb ist es wichtig zu wissen: Was geht in einem Gesicht vor?"

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Jute und Seide

Das haben die Studenten am Tischnachbarn gegenüber erforscht, bevor sie dann das Ergebnis mit Pappmachee, Ton, Schaumgummi oder Gips in Form brachten. Wobei die Materialwahl gleich wieder eine intensive Beschäftigung mit dem Puppentypus nach sich zog: Zu wem passt das Schwere? Zu wem das Leichte? Wie wirkt sich das auf das Spiel und die Puppenführung aus? Fragen, die sich fast zwangsläufig ergaben und zeigen, dass Arbeiten dieser Art immer nur Teil eines großen Ganzen sind.

Wie viele Puppen so entstanden sind, "haben wir nicht gezählt", aber 30 bis 40 Puppen könnten es schon sein. Sie stecken auf Colaflaschen oder Holzständern, sind zumeist passend für die eigene Handgröße gemacht und mit Stoffen umkleidet, "die so herumlagen". Jute, Steppbaumwolle, Seide - alles konnte gebraucht werden, einige Puppen tragen gar einen gesteppten weiblichen oder männlichen Körperumriss auf dem ansonsten rechteckigen Spielhandschuh. Dass die Figuren nun erst mal wieder zur Seite gelegt, andere Arbeiten weitergemacht oder begonnen werden, gehört zum Konzept von Kneidl: "Man soll nicht ständig an einer Sache arbeiten", sagt er, "sondern die Zeiträume mit anderen Dingen unterbrechen". Irgendwann werden die Figuren ganz sicher wieder hervorgeholt; irgendwann wird Kneidl mit seinen Studenten auch nach Neuss fahren, damit diese auch den Raum, das RLT-Foyer, kennen lernen, in dem das Puppentheater eines Tages beheimatet wird. Und irgendwann machen sie sich auch an dessen Bühnenbild? Ach, das ist alles noch völlig offen, sagt Kneidl, und im Moment auch nicht wichtig.

Genauso wenig wie die Frage an die Studenten, ob denn die Arbeit an einem konkreten Projekt mit öffentlicher Präsentation etwas anderes ist als die Arbeit an Bühnenbildmodellen, die den Raum selten verlassen: "Das ist eigentlich egal", heißt es unisono sowohl von den Erstsemestern wie von den Fortgeschrittenen, "wichtig ist allein die Idee und ihre künstlerische Umsetzung". Und auch wenn Kneidl ergänzt, "nichts von dem, was wir hier machen, ist für den Papierkorb", - es hat sich doch schon der Gedanke in den Köpfen eingenistet, zum traditionellen Rundgang der Kunstakademie in Düsseldorf eine eigene Vorstellung mit den Figuren auf die Beine zu stellen. Helga Bittner Demnächst ein Wiedersehen im Landestheater?

(NGZ)
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