Eindrucksvolles "Ensemble Aventure": Von der Musik zwischen den Tönen

Eindrucksvolles "Ensemble Aventure" : Von der Musik zwischen den Tönen

Im Namen des Freiburger Musikensembles taucht der Begriff "Abenteuer" auf - und das kann kein Zufall sein. So ist es bei all diesen lauernden (Hör-)Gefahren in jedem Fall eine große Hilfe, wenn die Komponisten vor den Darbietungen selbst Aussagen zu ihren Werken machen.

Kühn und verwegen ging es schon zu - da vorn auf der Bühne der intimen Scheune, die schon viel akustische Experimentierfreude erlebt hat und jetzt das Podium für das "Ensemble Aventure" war. Einmal riss mitten im Aufspielen dem Kontrabass der Streichbogen. "Feierabend", sagte der Interpret und brach seinen Vortrag bedauernd ab. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde ein eigens "verstimmter" Bass zu Gehör gebracht.

Als die "Begegnungen mit einem ungewöhnlichen Solisten für Kontrabass solo" 1979 von Ernst Helmuth Flammer komponiert wurden, war diese Spieltechnik noch sehr ungewöhnlich. Heute ist das Austesten von Obertönen, dieses Ergründen von mehr Möglichkeiten neuer Klangtechniken sehr gebräuchlich geworden. Hintergründiges erfuhren die Zuhörer vom Hombroicher Komponisten Christoph Staude über sein Werk für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier.

Er verdanke seinen musikalischen Einfall einer Aussage des Apostels Paulus: "Wir sehen nun durch einen Spiegel in ein Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht." Also eine Metapher für die Wahrnehmung von Musik. Staudes "Per speculum in aenigmate" waren eigentümliche und charakteristische Wesenszüge abzugewinnen.

Die Musik befinde sich zwischen den Tönen, gab der Komponist dem Publikum eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe mit auf den Weg. Um die richtige Spur zu finden, bedürfe es eines Gespürs für den Energiefluss und der Bereitschaft, Witterung aufzunehmen. Eine völlig andere Klangsprache als Christoph Staude verwendet Michael Quell ("ekstare") in seinem Stück für fünf Instrumente. In der Denkweise sei er aber völlig übereinstimmend mit dem Hombroicher Komponisten.

In Quells Musik geht es um ein Ringen um Gegenwart, die in Tönen gefasste Artikulation bestimmter Vorstellungen von Nähe und Ferne, und um den Einbezug des Zuhörers. Dieser habe, so wurde an diesem Abend erwartet, "die Soziologie des Musikers mitzuintonieren". Andere klangliche Realitäten unter der Oberfläche waren zu erkunden, das Gehörte nicht beim Nennwert zu nehmen.

Thomas Bruttgers "Breaks, windows" arbeitete gar mit symmetrischen Skalen, die nicht nur kanonisch streng geführt, sondern auch gebrochen nach unten geknickt waren. Der Komponist, so erfuhr man jetzt in dem Konzert, suche die Synthese zwischen der Stringenz und der statischen Zeit US-amerikanischer Vorbilder.

Wir befänden uns - mit Blick auf das derzeitige musikalische Getön ringsum - in einer Epoche "rasenden Stillstands". Noch radikaler war Flammer in seinem abschließendem Diktum von der in Musik gegossenen Entmaterialisierung der Zeit ("All Ding will haben ein End"): Was wird nach der Zeit sein? Klaus Niehörster

(NGZ)
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