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Telefonseelsorge Neuss: Zahl der Anrufer steigt wegen Corona

Hilfsangebot im Rhein-Kreis Neuss : Telefonseelsorge ist durch Corona ausgelastet

Existenznot, Angst vor Isolation, aber auch vor Ansteckung – im März und April meldeten sich coronabedingt mehr Menschen bei der Telefonseelsorge als vor einem Jahr. 2020 besteht die Einrichtung seit 50 Jahren.

Irgendwie „spooky“ findet es Barbara Keßler, dass als Motto zum 50-jährigen Bestehen der Telefonseelsorge Neuss „Nähe auf Distanz“ gewählt worden war, das aber bereits im vergangenen Jahr. Dass das nun seit vielen Wochen nahezu alle Lebensbereiche betrifft, konnte damals keiner ahnen. Im Mai hätten die Feierlichkeiten stattfinden sollen, mit einem Gottesdienst im Quirinusmünster und einem Festakt im Marienberg-Forum. Alles abgesagt, auf 2021 verschoben.

„Rat und Hilfe“ hieß das Angebot vor 50 Jahren, wie Keßler, Leiterin der Telefonseelsorge, sagt. Eine ehrenamtliche Initiative, die 1970 von dem Neusser Edmund Godde ins Leben gerufen worden war und deren Ursprung in England liegt. Dort hatte vor 65 Jahren ein anglikanischer Pfarrer die Beratung gegründet und mit einer Zeitungsannonce dafür geworben, nachdem sich ein 14 Jahre altes Mädchen das Leben genommen hatte.

„Telefonseelsorge Neuss“ heißt das Angebot seit 1978. „Damals wurden bundesweite Leitlinien dazu veröffentlicht“, sagt Keßler. Die gelten heute noch und besagen: Das Angebot ist anonym, steht rund um die Uhr für Menschen in Not und Krisensituationen zur Verfügung und wird von Ehrenamtlern ausgeübt, die zuvor eine intensive Ausbildung durchlaufen haben.

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500.000 Anrufe hat es in den 50 Jahren gegeben, im ersten Jahr allerdings nur 78. Nach 20 Jahren, waren es dann, wie Barbara Keßler informiert, 9000 Anrufe im Jahr. Die Zahl schnellte im Jahr 2000 auf 20.000 Anrufe hoch, weil dann die Handyzuschaltung dazukam. Normal seien es mittlerweile ungefähr 12.000 Anrufe im Jahr.

2020 nun werden es am Ende sicher mehr sein, denn bereits in den Monaten März und April lag die Anzahl um gut 20 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Grund liegt auf der Hand: die Corona-Pandemie. Die meisten Anrufe drehen sich jetzt um das körperliche Befinden, heißt, die Menschen sorgen sich um ihre Gesundheit und die von Angehörigen, haben Angst, sich mit dem Virus anzustecken. Und sie fühlen sich einsam. „Meldeten sich 2019 noch knapp 20 Prozent zum Thema Einsamkeit, wird die Zahl in diesem Jahr sicher auf 30 bis 35 Prozent ansteigen“, ist sich Keßler sicher. Ebenfalls im Fokus stehe aktuell das Thema Angst im Sinne von Existenzangst. 15 Prozent der Anrufer im vergangenen Jahr hatten das zum Thema, 2020 werden es, prognostiziert Keßler, 25 Prozent werden. Die Telefonseelsorge hat auf die zunehmende Anzahl reagiert, Wochenenddienste werden immer öfter doppelt besetzt. Neben dem klassischen Anruf bietet die Einrichtung schon seit vielen Monaten eine Online-Beratung an. Dafür wurden Mitarbeiter extra geschult. Denn ein wesentlicher Unterschied zur Telefonberatung besteht darin, erklärt Keßler, dass die Hilfesuchenden, die sich mehrmals melden, immer mit demselben Mitarbeiter Kontakt haben. Beim Telefonat reden sie mit dem, der gerade Dienst hat. „Der Kontakt ist enger. Daher ist umso wichtiger, dass sich unsere Ehrenamtlicher abgrenzen können“, sagt die Leiterin. Auch die Beratungen per Mail sind wegen Corona mehr geworden, und das vor allem zum Thema „Suizid“, bei jüngeren Menschen zum Thema „Selbstverletzung“.

Erste Hilfe bietet auch eine App. Unter der Adresse „telefonseelsorge.de/app“ werden unter dem Stichwort „Krisenkompass“ zum Beispiel Techniken angeboten, mit denen man sich selbst beruhigen kann. „Es ist eine Art ‚Erste-Hilfe-Puffer‘“, sagt Keßler. Die meisten Anrufe verzeichnet die Telefonseelsorge übrigens samstags, danach dienstags. Die meisten Anrufer melden sich zwischen 12 und 14 Uhr.