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Im NGZ-Gespräch: Wilhelm Schümchen: Sterbende begleiten und ihnen beistehen

Im NGZ-Gespräch: Wilhelm Schümchen : Sterbende begleiten und ihnen beistehen

Von Frank Kirschstein und Carina Wernig

Von Frank Kirschstein und Carina Wernig

In Würde sterben und Abschied nehmen von geliebten Menschen — diesen Wunsch unterstützt die Hospizbewegung. So werden schwerkranke Menschen und ihre Angehörige im Hospiz Marienheim in Kaarst gepflegt und begleitet. Im NGZ-Gespräch nimmt der Vorsitzende des Vorstandes, Wilhelm Schümchen, Stellung zu der Arbeit mit Sterbenden und der Betreuung der Angehörigen.

Herr Schümchen, wie lange arbeitet das Hospiz Marienheim in Kaarst bereits?

Schümchen: Seit November 1999.

Wie hat sich Ihre Arbeit dort in den vergangenen zwei Jahren entwickelt?

Schümchen: Zu Beginn stellte sich natürlich zunächst die Frage, ob sich die Einrichtung eines Hospizes in Kaarst lohnen würde. Obwohl es etwa in Neuss und Düsseldorf bereits Hospize gibt, hat sich doch gezeigt, dass ein Hospiz dort unbedingt erforderlich war. Wir sind seit der Eröffnung des Hospizes immer ausgebucht. Wir haben seit längerer Zeit Wartelisten, so problematisch das auch für ein Hospiz ist.

Wie viele Plätze haben Sie im Marienheim?

Schümchen: Wir haben sechs Plätze für Gäste, wie wir die Patienten im Hospiz nennen. Hinzu kommen, das ist das Besondere an unserem Hospiz, zwei Angehörigen-Appartements. Es kommen also Angehörige, Ehemänner, Ehefrauen, Söhne, Töchter, Eltern mit, die bei uns wohnen und denjenigen, der schwerstkrank ist, mit betreuen. Im Grunde ist damit eine Idee der Hospizbewegung verwirklicht: Nicht nur die Betreuung der Gäste, sondern auch die Betreuung der Angehörigen ist eine ganz wichtige Aufgabe im Hospiz. Oft ist es so, dass die Angehörigen in einem problematischeren Zustand sind als die Schwerstkranken selbst, die eigentlich schon gelernt haben, mit ihrer Krankheit umzugehen. Die Angehörigen sind oft in einer psychisch schwereren Situation, und bedürfen einer intensiven Betreuung, die dann auch im Hospiz geleistet wird.

Haben Sie Kriterien, die bestimmen, wen Sie aufnehmen können?

Schümchen: Wir nehmen Menschen auf, die terminal erkrankt sind, schwerstkrank sind. Das muss durch einen Arzt bescheinigt sein. Dann können wir einen Gast aufnehmen. Entschieden wird aber auch nach der augenblicklichen Situation. Jemand, der ganz allein lebt, hat zum Beispiel Vorrang vor einem Schwerstkranken, der noch gut in der Familie versorgt wird. Auch die verbleibende Lebenserwartung spielt eine Rolle. Das wird jeweils abgewogen und vom Arzt und der Pflegedienstleiterin entschieden.

Wie kommt der Kontakt zwischen dem Hospiz und den Schwerstkranken oder ihren Angehörigen zustande?

Schümchen: Krankenhäuser in Neuss, Krefeld, Düsseldorf oder Mönchengladbach rufen uns an und fragen an, ob wir für einen ihrer terminal kranken Patienten einen Platz haben. Es melden sich aber auch Angehörige oder Schwerstkranke selbst, die etwa krebskrank sind und dann in unser Hospiz kommen wollen, wenn sie allein nicht mehr leben können.

Wie erfahren die Leute, dass es das Hospiz gibt?

Schümchen: Es ist wichtig, dass die Menschen informiert sind, dabei spielt auch die Presse eine wichtige Rolle. Viele allerdings, das ist wohl ein psychologischer Effekt, blättern schnell weiter, wenn es um die Themen Sterben, Tod oder Hospiz geht.

Welche Art von Pflege und Betreuung können Sie Ihren Gästen geben?

Schümchen: Für das Hospiz richtet sich vieles nach den individuellen Bedürfnissen der Gäste. Die Menschen wollen einerseits gepflegt werden, so, wie es in vielen Fällen zu Hause nicht mehr geht. Die körperliche Pflege ist sehr intensiv, dafür haben wir alle nötigen Vorrichtungen. Wir haben auch eine Schwester, die eigens für unsere sechs Gäste kocht. Es gibt Wunschkost, auch wenn viele der Schwerstkranken nicht mehr viel essen können und die Portionen mehr an Verzierung als an Essen erinnern. Darüber hinaus haben wir hoch qualifizierte Pflegekräfte, die sich in einem Hospiz ein Vielfaches mehr an Zeit für die Schwerstkranken nehmen können, als dies etwa in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim — allein aufgrund des Personalschlüssels dort — möglich ist. Der zweite wichtige Punkt ist die psychische Betreuung. Mit dem Zustand, der mit der schweren Krankheit und dem nahenden Tod eintritt, müssen sich die Menschen auseinander setzen. Es sind Fragen nach dem, was nach dem Tod kommt, die oft gestellt werden, auf die im Hospiz aber niemand drängt. Es ist nicht unser Ziel, die Menschen noch in den letzten Augenblicken ihres Lebens zum christlichen Glauben zu bekehren. Aber es gibt ernste Fragen, die gestellt werden. Und die versuchen wir auch zu beantworten. Wir haben drei Ordensschwestern im Hospiz, deren Rat und Beistand oft sehr gefragt ist. "Glauben Sie an den Himmel?" ist eine ganz normale Frage. Spirituelle Gespräche finden aber nicht auf Abruf oder nach einem Terminkalender statt. Bei uns sind spirituelle Gespräche in die Pflege oder die Arbeit der geschulten Ehrenamtler eingebunden.

Wie werden die Angehörigen eingebunden?

Schümchen: Viele wollen vor ihrem Tod noch einmal Abschied nehmen, Leute treffen und mit ihnen sprechen, die sie lange nicht gesehen haben. Ein Beispiel: Wir konnten für eine Frau, die zunächst sagte, sie sei allein und habe niemanden mehr, dann aber nach 14 Tagen doch von ihren drei Kindern erzählte, den Besuch ihrer Töchter organisieren. Das war — zwei Tage vor dem Tod der Mutter — das erste Wiedersehen nach 17 Jahren. Das ist auch für die Angehörigen, die weiterleben, eine wichtige Erfahrung. Es gibt aber auch ganz andere Bedürfnisse, zum Beispiel im juristischen Bereich, dass etwa noch erbrechtliche Dinge geregelt werden sollen. Es kommt also auch der Notar ins Haus.

Sie sprachen die Ehrenamtler an. Wer engagiert sich im Hospiz?

Schümchen: Wir sind im Vorstand fünf Mitglieder, die auch für den Betrieb des Hospizes verantwortlich sind. Alle arbeiten ehrenamtlich. Hinzu kommen 15 Frauen und Männer, die regelmäßig ins Hospiz kommen. Sie lesen vor, sprechen mit den Gästen, gehen mit ihnen spazieren. Jeden Donnerstag organisieren die Ehrenamtlichen eine große gemeinsame Kaffeetafel für die Gäste und ihre Angehörigen im Hospiz. Die Ehrenamtler sind da, wenn es gewünscht ist, gehen auch mit in die Zimmer, wenn jemand nicht allein sein will - natürlich nur, wenn das gewünscht ist. Die meisten Menschen wollen beim Sterben nicht allein sein. Da können wir helfen, wir drängen uns aber nicht auf. Es gibt auch Menschen, die lieber allein sterben wollen. Einige warten sogar, bis die Angehörigen weg sind, und sterben dann. Wahrscheinlich aus dem Bedürfnis heraus, den Angehörigen den Moment des Sterbens ersparen zu wollen. In der Regel ist es aber so, dass die Angehörigen im Hospiz rechtzeitig benachrichtigt werden und dann auch beim Sterben dabei sind.

Was passiert, wenn ein Schwerstkranker gestorben ist?

Schümchen: Die Verstorbenen bleiben bei uns noch wenigstens einen Tag in ihrem Zimmer, in ihrem Bett. Dann können die Angehörigen, aber auch die Mitarbeiter im Hospiz in Ruhe Abschied nehmen. Das ist im Grunde die Art und Weise, wie man früher in unserer Gesellschaft gestorben ist, im eigenen Haus, im Kreise der Familie und Freunde. Das Abschied nehmen von den Gestorbenen hatten wir in unserer Gesellschaft lange völlig verlernt. Die Menschen starben irgendwo in einem Krankenhaus, und die Angehörigen mussten in kurzer Zeit Abschied nehmen. Im Hospiz haben Angehörige die Möglichkeit, mit ihrer gesamten Familie zu kommen und sich von dem Verstorbenen zu verabschieden. Gerade Kinder haben, das erleben wir immer wieder, zum Tod eine viel natürlichere Verbindung als Erwachsene. Vielfach werden Kinder aber ferngehalten von Verstorbenen, man glaubte, ihnen den Kontakt zu den Toten, ja selbst die Beerdigung ersparen zu müssen.

Gibt es genug Hospizplätze?

Schümchen: Nein, es gibt nicht genug Hospizplätze. Manchmal könnten wir zwei Häuser gebrauchen, weil einfach so viel Nachfrage haben. Manchmal sind die, die angefragt haben, bereits verstorben, wenn ein Platz frei wird. Eine Unterbringung in einem Krankenhaus ist keine Alternative. Dort wird heilende Medizin betrieben, da ist der Sterbende nicht am richtigen Ort. Aber heute ist noch immer der Glaube weit verbreitet, die Medizin könne alles heilen. Der Tod wird nicht als Teil des Lebens gesehen. Sterben ist ein wichtiger Teil des Lebens, in dem noch viel passieren kann. Das müssen wir in der Gesellschaft wieder lernen. Hospize werden immer nötiger: Die Großfamilie, in der Sterbende früher betreut wurden, gibt es nicht mehr, und außerdem werden die Menschen immer älter. Wenn einer von einem 90-jährigen Ehepaar, das noch allein in einem großen Haus lebt, schwer krank wird, kann der andere ihn — schon rein körperlich — nicht mehr pflegen. Da reicht auch der Pflegedienst zwei Mal am Tag nicht. Hinzu kommt: Krankheiten wie Krebs — übrigens die häufigste Krankheit mit der die Menschen zu uns kommen — nehmen ständig zu.

Wie stehen Sie zur Sterbehilfe- Regelung in den Niederlanden?

Schümchen: Wir dürfen den Begriff Sterbehilfe eigentlich nicht mehr verwenden. Was in den Niederlanden geschieht, ist keine Sterbehilfe. Wenn Menschen getötet werden, ist das keine Sterbehilfe. Als Argument für die Praxis in den Niederlanden wird immer wieder angeführt, für viele Sterbende seien die Schmerzen unerträglich. Dafür könnte man Verständnis haben, wenn jemand wirklich ständig unter solchen Schmerzen leiden müsste. Außerdem wird argumentiert, in den meisten Fällen von Sterbehilfe wären die betreffenden Schwerstkranken in zwei, drei Tagen sowieso gestorben. Für zwei, drei Tage jemanden zum Sterben bringen — das ist doch nicht zu fassen! Welchen Sinn macht das? Was aus unserer Sicht gegen die Praxis in den Niederlanden spricht, ist die Erfahrung des Hospizes. Ein Beispiel: Im November 2000 kam ein Mann zu uns, terminal krebskrank, Lebenserwartung 14 Tage, drei Wochen. Seine Frau ist mit in eines unserer Appartements eingezogen — und der Mann starb nicht, nicht nach drei Wochen und nicht nach drei Monaten. Mitte vergangenen Jahres ist der Mann wieder nach Hause gekommen. Er ist zwar pflegebedürftig, kann aber von seiner Frau versorgt werden und lebt noch immer. Nach dem Ansatz aus den Niederlanden hätte man ihn vielleicht längst als hoffnungslosen Fall eingestuft.

Was können Sie gegen Schmerzen tun?

Schümchen: Die Schmerztherapie ist im Hospiz besonders wichtig. Wir haben zwei Ärzte zur ständigen Betreuung, einen Internisten und einen Schmerztherapeuten. Dieser kann den Menschen die Schmerzen in den meisten Fällen nehmen oder zumindest bis auf etwa 30 Prozent minimieren. Dann können die Menschen leben, denken, Entscheidungen treffen, Gespräche führen. Es gibt allerdings etwa drei Prozent der Menschen, bei denen diese Schmerztherapie nicht anschlägt. Aber ich habe das bei uns im Haus kaum erlebt, dass jemandem die Schmerzen nicht weitgehend genommen werden konnten. Die meisten sind im Prinzip schmerzfrei. Das ist wichtig für die Menschen, war aber leider in der ärztlichen Ausbildung bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Die meisten Ärzte können mit der Schmerztherapie nicht umgehen.

Wie finanzieren Sie das Hospiz?

Schümchen: Am Bau haben sich auch der Kreis Neuss und die Stadt Kaarst beteiligt. Für die laufenden Kosten verhandeln wir mit den Krankenkassen wie andere Einrichtungen auch. Wir haben einen Tagessatz von 419,70 Mark und liegen damit weit niedriger als ein Krankenhaustagessatz. Davon müssen wir nach dem Gesetz zehn Prozent durch Spenden aufbringen, die also von den Leistungen der Krankenkassen und der Pflegeversicherung abgezogen werden. Die Angehörigen zahlen nur einen sehr geringen Teil der Kosten. Damit könnten wir unser Personal, mit dem wir mehr leisten wollen, jedoch nicht bezahlen. Wir finanzieren deshalb einen wichtigen Teil unserer Arbeit über Spenden. Ein Drittel meiner Zeit bin ich damit beschäftigt, Spenden zu sammeln. Und ich muss sagen: es klappt. Wenn die Menschen wissen, wofür sie etwas geben und sehen können, dass das Geld in eine gute Einrichtung fließt, dann spenden sie auch.

(NGZ)