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Interview: Steinmetz: "Wir können noch effektiver zusammenarbeiten"

Interview : Steinmetz: "Wir können noch effektiver zusammenarbeiten"

Der scheidende Allgemeine Vertreter des Landrates und Wirtschaftsförderer Jürgen Steinmetz war zum Talk auf dem Blauen Sofa der NGZ.

Sie waren 25 Jahre in der Kreisverwaltung. Haben Sie eigentlich mal Ihre wöchentlichen Arbeitsstunden gezählt?

Jürgen Steinmetz Ich habe nie überlegt, wie viele Stunden es denn waren. Entscheidend ist, mit welcher Freude man dabei ist. Dann zählt man nicht die Termine und Wochenenden. Die 25 Jahre in der Kreisverwaltung haben mir gleich in welcher Aufgabe und Funktion viel Spaß gemacht.

Am Samstag ist Ihr letzter Arbeitstag als Allgemeiner Vertreter des Landrates. . . Steinmetz . . .

Steinmetz ...und ich habe noch einen Termin mit Landrat Hans-Jürgen Petrauschke. Er meint es eben gut mit mir.

Welche Gedanken gehen Ihnen zum Abschied durch den Kopf?

Steinmetz Mir geht ganz Vieles durch den Kopf. Als ich Ende August zu m IHK-Hauptgeschäftsführer gewählt wurde, da war dieser Abschied im Februar noch weit weg. Jetzt merke ich immer deutlicher: 25 Jahre steckt man nicht so einfach weg, da kommt Wehmut auf. Ich kenne unsere Verwaltung in- und auswendig und auch die meisten der rund 1100 Kolleginnen und Kollegen. Ich freue mich aber auch auf meine neue Aufgabe bei der IHK. Ich weiß ja, worauf ich mich einlasse.

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Als Sie sich 1989 beim Kreis beworben haben, welche Karriere hatten Sie damals im Sinn?

Steinmetz Allein die Tatsache, dass ich mich beim Kreis als Stadtinspektor-Anwärter beworben habe zeigt, wie unbedarft ich das angegangen bin. Ich wollte mit Menschen zusammen arbeiten. Es war ein bisschen zufällig, dass es der öffentliche Dienst geworden ist.

Der ja den Beamtenstatus auf Lebenszeit mit sich bringt.

Steinmetz Das war nie meine Motivation. Große Bedeutung hatte für mich immer die Herausforderung. Zunächst wollte ich unbedingt im Sozialamt arbeiten. Meine Arbeit in der Pfarrgemeinde und dann der Zivildienst beim Caritasverband hatten mich stark beeindruckt.

Die Wirtschaftsförderung im Kreis wurde mit Ihnen neu geschaffen.

Steinmetz Dafür waren der damalige Landrat Dieter Patt und sein Vertreter Hans-Jürgen Petrauschke verantwortlich. Beiden habe ich viel zu verdanken. Sie haben mich gefördert und gefordert. Ich erinnere mich noch gerne an die ersten Jahre, als Fax-Mitteilungen nachts bei uns zu Hause ankamen und dann meterweise das Thermopapier bei uns im Flur lag..

Welche guten Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit beim Kreis?

Steinmetz Im Bereich der Wirtschaftsförderung ist die Entwicklung als mittelstandsfreundliche Verwaltung und die stetige Zertifizierung seit 2006 ein großer Erfolg sowie die zahlreichen Auszeichnungen und guten Platzierung en in vielen Rankings. Im sozialen Bereich war es die Untersagung von zwei Seniorenzentren in Meerbusch wegen erheblichen Mängeln in der Betreuung der Heimbewohner im Jahr 2013. Das war eine ganz schwierige Situation, der Druck war immens, aber wir haben durchgehalten mit einem guten Ergebnis: Wir haben einen neuen Träger gefunden. Zu nennen ist aber auch die Einführung des Bildungs- und Teilhabepaketes mit der Schulsozialarbeit. Im Sport haben wir die Partner für Sport und Bildung sowie viele Investitionen geschaffen. Es sind aber auch die Erinnerungen an die vielen tollen Menschen, die ich kennengelernt habe. Meine Vorgesetzten haben mir immer den Raum gelassen, Akzente zu setzen und kreativ zu sein. Wir hatten nie viel Geld, aber meist viele gute Ideen.

Was ist nicht fertig geworden?

Steinmetz Die aktuellen Herausforderungen habe ich alle bis Freitag erledigt. Für meinen Nachfolger bleibt dennoch genug zu tun.

Und was ist langfristig unvollendet geblieben?

Steinmetz Es ist schade, dass wir es nicht geschafft haben, die Olympischen Spiele an Rhein und Ruhr zu holen. Das hätte uns Schub gegeben. Und die Betreuung von Langzeitarbeitslosen in alleiniger kommunaler Trägerschaft hat nicht geklappt. Das hätten wir lieber selbst gemacht, weil wir an die Schaffenskraft des Kreises und der Kommunen geglaubt haben. Die Klage ist aber vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert. Jetzt arbeiten wir aber gut mit der Agentur für Arbeit zusammen.

Der Rhein-Kreis besteht in seiner heutigen Form nun 40 Jahre. Bedauern Sie es, dass vielerorts noch nach dem Schema "Mehr Ich statt Wir" gedacht wird?

Steinmetz Das ist Klein-Klein, ein Thema von gestern. Heute denken wir in ganz anderen Dimensionen. Im internationalen Maßstab denken wir mindestens in einer Metropolregion Rheinland. Wir brauchen noch mehr regionale Zusammenarbeit.

Wie sieht denn die optimale Kooperation beispielsweise mit Köln oder Düsseldorf aus?

Steinmetz Das hängt von der Aufgabe ab. Es gibt Themen, die sich in den unterschiedlichsten Zuschnitten anbieten: Wir arbeiten im Kreis zusammen, am Standort Niederrhein, in der Region Düsseldorf/Mettmann, im Landschaftsverband Rheinland, das könnte ich ewig so fortführen. Man muss immer schauen, mit wem man eine strategische Allianz bildet, um eine Aufgabe am besten bewältigen zu können.

Eine der größten Herausforderungen ist die Energiewende. Für den Kreis hat sie aufgrund des Braunkohletagebaus und der Pläne für den Konverterstandort in Kaarst besondere Bedeutung.

Steinmetz Ja, der Rhein-Kreis spielt in der nationalen Energiepolitik eine wichtige Rolle. Irgendwann wird der Tagebau enden, und diesen Strukturwandel müssen wir durch Ansiedlung neuer Unternehmen gestalten. Das ist längst erkannt, wir arbeiten mit RWE und anderen zusammen.

Was sind neben der Energiewende die wichtigsten Baustellen?

Steinmetz Wir müssen die Verkehrsinfrastruktur im Rhein-Kreis erhalten und ausbauen. Das gilt auch für die digitale Infrastruktur. Neben der Energiewende und der regionalen Zusammenarbeit ist der demografische Wandel für mich eine Riesen-Herausforderung. Es ist ganz schwer, junge Menschen, die für ihre Ausbildung wegziehen, wieder zurückzuholen. Deshalb müssen wir auch an der Bildungs-Infrastruktur arbeiten. Wir müssen zulegen, was das Hochschulangebot angeht.

Und was könnte sich in der Wirtschaftsförderung verändern?

Steinmetz Man kann noch effektiver arbeiten. Ein Beispiel: Wir haben in Neuss auf einer Entfernung von 300 Metern drei Existenzgründungsberatungen: An der Oberstraße 7 die Stadt, an der Oberstraße 91 den Kreis, und an der Friedrichstraße 40 die IHK. Das müssen wir verschlanken und dann sind wir noch effektiver unterwegs.

Sie geben mit dem Wechsel Ihren Beamtenstatus auf. Wie viel Chance, wie viel Risiko?

Steinmetz Hundert Prozent Chance, null Prozent Risiko. Und zwar aus mehreren Gründen: Sicherheit war nie mein großes Thema. Ich kenne die Region hier, einen solchen Wechsel irgendwoanders in Deutschland hätte ich nicht vollzogen. Ich knüpfe an die Themen an, mit denen ich mich schon seit Mitte der 90er Jahre beschäftige. Und ich kenne die IHK lange. Das sind Chancen, die ich nutzen möchte. Und deshalb hatte ich das Gefühl, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt zum Wechsel ist. Ich habe keine Scheu davor.

Sie mussten immer um politische Mehrheiten ringen. Werden Sie das vermissen oder ist das für Sie eine Erleichterung?

Steinmetz Es war im Kreis immer ein ausgesprochen gutes Miteinander von Haupt- und Ehrenamt. Meine Bestellung zum Allgemeinen Vertreter des Landrates 2009 fiel einstimmig aus und ich hoffe, dass ich dieses Ergebnis auch heute wieder erreichen würde. Ich habe die Erfahrung gemacht: Guten Argumenten verschließt sich keiner. Wenn man überzeugend wirkt, schafft man Mehrheiten. Ich habe immer verschiedene Interessen abwägen müssen. Jetzt bin ich ganz für die Interessen der 80 000 Unternehmen mit ihren 400 000 Beschäftigten im Kammerbezirk da.

Beim Thema kommunale Haushalte steht der Perspektivwechsel an: Jetzt müssen Sie die Finanzpläne von Kreis und Kommunen kritisieren. Wie hart werden Sie sein?

Steinmetz (lacht) Da werde ich sehr kritisch herangehen, denn ich kenne ja die Tricks. Aber ernsthaft: Die Kommunen sind strukturell unterfinanziert. Insgesamt muss aber die Staatsquote gesenkt werden.

Sie werden ab Montag nicht mehr so oft in Neuss zu sehen sein.

Steinmetz Ich muss am Montag erstmal aufpassen, dass ich in die richtige Richtung fahre. Ich möchte mich in den ersten Monaten vor allem um Viersen, Krefeld und Mönchengladbach kümmern, weil ich diese Bereiche nicht so gut kenne wie den Rhein-Kreis Neuss.

Wann werden Sie Ihren Antrittsbesuch beim Landrat machen?

Steinmetz Ein guter Termin wäre kurz nach seiner Wahl am 13. September.

Das Gespräch auf dem Blauen Sofa führte Ludger Baten. Andreas Gruhn fasste den Talk zusammen.