Rhein-Kreis Neuss: Standortvorteil Rhein sichert Arbeitsplätze

Rhein-Kreis Neuss : Standortvorteil Rhein sichert Arbeitsplätze

Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt – Angela Schoofs, Leiterin der Agentur für Arbeit Mönchengladbach, im Gespräch.

Frau Schoofs, die Jahresmitte ist fast erreicht, Zeit für eine Prognose: Wird 2013 ein gutes oder schlechtes Jahr für den Arbeitsmarkt im Kreis?

Angela Schoofs Der Rhein-Kreis versteht sich auf die Neuansiedlung von Unternehmen. Darauf kommt es beim Arbeitsmarkt an. Wenn es weiterhin so gut gelingt, neue Betriebe anzusiedeln, kann 2013 ein wirklich gutes Jahr werden.

Der Kreis glänzt seit Jahren mit niedrigsten Arbeitslosenquoten. Was ist zu tun, damit es dabei bleibt?

Schoofs Der Rhein-Kreis trägt seinen Vorteil im Namen. Die Lage am Rhein steht für ein breites Logistikspektrum mit den Häfen, aber auch mit Knotenpunkten für Schiene und Straße. Die Kunst besteht darin, diese Standortgunst auszunutzen.

Dabei denken Sie zum Beispiel an...

Schoofs ...interkommunale Gewerbegebiete. Die Kommunen haben die Weichen bereits gestellt. Jüchen und Mönchengladbach, Neuss und Dormagen, Meerbusch und Krefeld haben solche Projekte umgesetzt oder bereiten sie gerade vor.

Sind Einzelkämpfer unter den Wirtschaftsförderern ein Auslaufmodell?

Schoofs Die Städte machen sich untereinander manchmal noch unnötige Konkurrenz. Regional betrachtet ist manche Ansiedlung nur eine Verlagerung. Für Wirtschaftsförderer ist das kurzfristig ein toller Coup. Langfristig ist allen aber nur geholfen, wenn wir neue Unternehmen mit neuen Arbeitsplätzen in die Region holen.

Zeit für einen Strategiewechsel?

Schoofs Ich erinnere mich noch an die Umbenennung des Kreises in Rhein-Kreis Neuss. Das war eine strategische Entscheidung. Der Rhein-Kreis wird auch mit Blick aus europäischer – vielleicht sogar globaler – Perspektive wahrgenommen. Gleichzeitig darf der Kreis seine Stärke, den breiten Mix von Branchen sowie von Großunternehmen und Mittelständlern nicht gefährden. Das bringt Vielfalt und schützt vor der Abhängigkeit, die Monostrukturen mit sich bringen. Für mich bedeutet das auch: Ganz unterschiedliche Personengruppen haben immer wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Womit kann der Kreis – neben der Lage am Rhein – bei Unternehmen auf Standortsuche punkten?

Schoofs Die Menschen in dieser Region verstehen etwas von Mobilität. Wer hier wohnt, weiß, dass er in der Regel nicht in der eigenen Stadt arbeitet und stellt sich darauf ein.

Wenn er nicht gerade im Stau steckt...

Schoofs Richtig. Die Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs gewinnt an besonderer Bedeutung. Die Menschen dürfen sich nicht im Stau-Chaos oder Baustellen-Dschungel verlieren. Das ist eine Zukunftsherausforderung, um die Stärken der Region voll ausnutzen zu können.

Welche Rolle spielt die Qualifikation der Arbeitnehmer?

Schoofs Gerade vor dem Hintergrund der schrumpfenden Bevölkerungszahlen in Deutschland können wir bei Unternehmen mit dem Stichwort Demografie für die Region werben: Im Rhein-Kreis haben Betriebe gute Chancen, auch in Zukunft die nötigen Mitarbeiter zu finden. Das ist ein wichtiges Argument für Firmen auf Standortsuche.

Wie kommt die Arbeitsagentur dabei ins Boot?

Schoofs Wir freuen uns, dass wir als Arbeitsagentur mit den Wirtschaftsförderungen des Kreises und der Städte Absprachen treffen konnten: Bei Neuansiedlungen werden wir direkt beteiligt und helfen, das passende Personal zu finden. Davon profitieren die Arbeitssuchenden und die Unternehmen.

Sind den Unternehmen die Konsequenzen des demografischen Wandels inzwischen bewusst?

Schoofs Das Problem ist bekannt, aber noch werden nicht überall die Konsequenzen gezogen. Wenn wir jetzt nicht ausbilden, fehlen uns in fünf bis zehn Jahren Fachkräfte. Außerdem müssen ältere Mitarbeiter, die ausscheiden, ihr über Jahrzehnte gesammeltes Wissen weitergeben können. Und: Wer gut ausgebildete Menschen für sich gewinnen möchte, muss ihnen neben flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, auch ein gutes Wohn- und Freizeitumfeld bieten können. Der Rhein-Kreis kann das – noch ein Vorteil...

Das hört sich alles gut an, dennoch reden wir auch im Rhein-Kreis von einer konstanten Zahl Langzeitarbeitsloser. Wie passt das zusammen?

Schoofs Wir stehen vor der Gefahr, dass der Arbeitsmarkt auseinanderfällt: Einerseits besteht die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften, andererseits verfestigt sich die Arbeitslosigkeit bei Menschen, die nicht gut ausgebildet sind. Grundsätzlich lässt sich das nur lösen, wenn wir in Kindergärten und Schulen die nötigen Grundlagen legen. Den jetzt Betroffenen versuchen wir mit einer Vielzahl von Programmen zu helfen, zum Beispiel mit nachgeholten Berufsabschlüssen.

Und wie gehen Sie mit Menschen um, die sich den Hilfen verweigern? Die Grünen fordern gerade, in solchen Fällen die Sanktionen zu lockern.

Schoofs Wenn wir als Sanktion finanzielle Leistungen kürzen, dann geschieht das nur nach genauer Prüfung des Einzelfalls. Bei individuellem Fehlverhalten kann eine Sanktion durchaus sinnvoll sein. Sie macht deutlich, dass Arbeitssuchende Rechte, aber auch Pflichten haben. Das betrifft gerade junge Menschen. Lernen sie nicht rechtzeitig, bestimmte Regeln zu akzeptieren, werden sie im Leben nicht klarkommen.

F. KIRSCHSTEIN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(NGZ)