Bei der WM blieb das Team ohne Medaille: "Wo die Jungs fahren, komme ich zu Fuß nicht lang"

Bei der WM blieb das Team ohne Medaille : "Wo die Jungs fahren, komme ich zu Fuß nicht lang"

Auch vier Wochen in Kanada und in den USA, auch das Weltcup-Rennen in Mount St. Anne und die Weltmeisterschaften in Vale im US-Bundesstaat Colorado haben Claudia Kettler nicht schlauer gemacht: "Mir ist es ein Rätsel, wie die das mit dem Rad schaffen. Wo die Jungs fahren, da komme ich zu Fuß nicht lang."

Dabei müsste die 24-jährige Neusserin eigentlich genügend Einblicke in die Welt der Mountainbiker gewonnen habe: Seit Anfang des Jahres zunächst neben-, seit 1. August hauptberuflich betreut sie das "Team T-Mobile-Mountainbike" als Physiotherapeutin - und dieses von der Deutschen Telekom gesponsorte, sechs Fahrer umfassende Team vertrat jetzt als offizielle Nationalmannschaft den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) bei den Mountainbike-Weltmeisterschaften in Colorado. Allerdings, wie Claudia Kettler einräumt, ohne durchschlagenden Erfolg: "Die Jungs sind mit der Höhe nicht zurechtgekommen."

Wenige Wochen zuvor, bei den Europameisterschaften in St. Wendel, hatte das noch anders ausgesehen: Da holte sich Lado Fumic die Bronzemedaille. Der 25-Jährige aus Kirchheim-Teck ist zusammen mit dem sechs Jahres älteren Neustädter Carsten Bresser zurzeit das Maß aller Mountainbike-Dinge in Deutschland: Fumic belegte im olympischen Cross-Country-Rennen in Sydney Platz fünf mit nicht einmal drei Minuten Rückstand auf den französischen Olympiasieger Miguel Martinez, Bresser wurde weitere anderthalb Minuten zurück Achter. "Bei uns kennt die keiner, in Süddeutschland sind die Jungs echt populär", vergleicht Claudia Kettler den Stellenwert des Mountainbike-Fahrens, das am Niederrhein ein Schattendasein fristet. "Wo will man hier auch zwei Stunden Cross-Country fahren", fragt die "Fachfrau", die selber nur auf der Straße in die Pedale tritt. "Aber ich gehe die Wettkampfstrecken immer ab, damit ich erstens weiß, wovon die Jungs reden, und zweitens auch weiß, worauf es ankommt," erzählt Claudia Kettler.

Die "Jungs", so tituliert sie das Team in jedem zweiten Satz. Kein Wunder, reizt sie an ihren neuen Job doch vor allem "die sehr familiäre Atmosphäre. Ich hab' gedacht, in den vier Wochen muss doch mal der Lagerkoller kommen - denkste." Dabei verschaffen "die Jungs" ihrer Physiotherapeutin jede Menge Arbeit: "Die stürzen doch alle Nas' lang", lacht Claudia Kettler. Verletzungen zu behandeln und Massage sind denn auch ihre Hauptbeschäftigungen, wenn sie mit dem Team unterwegs ist. Ein Bekannter hatte den Kontakt zum T-Mobil-Team hergestellt, das anfangs noch zwei weitere Physiotherapeuten beschäftigte. Seit 1. August macht Claudia Kettler die Arbeit alleine, stieg dafür aus ihrem Job in einer Erkrather Praxis aus. "Das ließ sich zeitlich nicht mehr vereinbaren", sagt die 24-Jährige, die vor zwei Jahren zu den ersten Schülerinnen und Schülern gehörte, die an der staatlich anerkannten Schule für Physiotherapie bei der medico-reha in Neuss nach dreijähriger Ausbildung ihr Examen ablegten.

Mit dem Ende der Mountain-Bike-Saison läuft auch ihr Vertrag aus. Wie sie beruflich den Winter überbrückt, weiß sie noch nicht so genau, ab 1. April möchte sie dann aber "180 Tage nur die Jungs da sein." Denen sie im Wintertraining aber noch einiges beibringen will: "Die haben alle Defizite im Rückenbereich, der durch Stürze und die Erschütterungen extrem belastet wird", weiß Claudia Kettler, und ist deshalb in Absprache mit den Trainern dabei, ein Trainingskonzept zum Abbau dieser Defizite zu erarbeiten. In die Psyche von Leistungssportlern kann sich die Neusserin leicht hineinversetzen: Sie spielt selbst seit einem Jahrzehnt Hockey.

Angefangen hat sie an der Jahnstraße beim HTC Schwarz-Weiß, doch da sich dort zu jener Zeit "im weiblichen Bereich wenig tat", wechselte die großgewachsene Torfrau nach Krefeld, schaffte beim dortigen CHTC auch den Sprung in den Bundesliga-Kader. Seit dem Eintritt ins Berufsleben lässt sich es hockey-mäßig etwas ruhiger angehen, steht beim DSD Düsseldorf "nur" noch in der Oberliga zwischen den Pfosten. Dort spielt mit Andrea Busse eine weitere Ex-Neusserin im Feld: "Als wir im Sommer gegen Neuss gespielt haben, war das schon ein bisschen komisch", gibt Claudia Kettler zu. Auf dem Mountainbike werden sie solche lokalpatriotischen Gefühle gewiss nicht überkommen. Volker Koch

(NGZ)
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