"Dolli eins und Dolli zwei" werden noch ein Mal gemeinsam auftreten: WM-Titel bedeutet das Ende einer Ära

"Dolli eins und Dolli zwei" werden noch ein Mal gemeinsam auftreten : WM-Titel bedeutet das Ende einer Ära

Anderthalb Stunden nach ihrem Triumph war die Weltmeisterin ratlos: "Wie es jetzt bei uns weitergeht, weiß ich selbst noch nicht. Wir haben doch die ganzen Jahre alles zusammen gemacht". Damit wird es in zwei Wochen vorbei sein: Wenn in Exter die Deutschen Meisterschaften im Voltigieren ausgetragen werden, wird es der letzte gemeinsame Start von Nadia Zülow und Janine Oswald sein. Die Ära von "Dolli eins und Dolli zwei, den geklonten Schafen", wie sich die beiden mit einer gehörigen Portion Selbstironie nennen, geht dann unweigerlich zu Ende.

Obwohl Janine Oswald (vorn) dieses Mal "nur" auf Platz vier landete, freute sie sich mit ihre Freundin und langjährigen Trainingspartnerin Nadia Zülow über deren Titelgewinn. Weil Oswald nach der DM in Exter ihre Karriere beendet, wird das Duo künftig - zumindest sportlich - getrennte Wege gehen. NGZ-Foto: L. Berns

Auf der Pressekonferenz in der Mannheimer Maimarkthalle teilte "Dolli zwei" ihren Entschluss unwiderruflich mit: "Das war jetzt meine fünfte Weltmeisterschaft; 1992 war meine erste, da bin ich in Heidelberg mit der Gruppe Weltmeisterin geworden. Jetzt haben wir wieder eine WM in Deutschland - so schließt sich der Kreis, denn es war meine letzte", diktierte Janine Oswald dem Dutzend Pressevertreter in die Notizblöcke. Einen Zusammenhang mit dem für sie enttäuschenden Ausgang der Titelkämpfe (die NGZ berichtete) wies sie allerdings von sich: "Mein Entschluss stand schon Anfang des Jahres fest.

Allerdings habe ich ihn der Bundestrainerin erst nach meiner Kür mitgeteilt". Die Gründe für ihren Rücktritt vom Leistungssport hält die 23-Jährige für nachvollziehbar: "Ich habe vor 18 Jahren mit dem Voltigieren angefangen, bin 1986 in die A-Gruppe aufgerückt, die damals gerade Weltmeister geworden war, und war ein Jahr später zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft dabei". Aus diesen Anfängen entwickelte sich eine Karriere, die mit fünf WM-Teilnahmen, von denen ausgerechnet die letzte als einzige medaillenlos blieb, ihresgleichen sucht. "Irgendwann sollte man aufhören - am besten dann, wenn man noch Leistung bringt und es einem Spaß macht", lautet ihre Begründung.

Eine, die Nadia Zülow erst einmal in Ratlosigkeit stürzt: "Ich muss mich jetzt völlig neu orientieren", sagt die zweifache Einzel-Weltmeisterin, "Janine und ich sind ja nicht nur immer gemeinsam gestartet, wir haben ja auch stets zusammen trainiert, haben uns bei der Ausarbeitung unserer Kür immer gegenseitig unterstützt". Überhaupt galt das Duo des RSV Grimlinghausen, das 1992 auch gemeinsam in der Gruppe zu Weltmeisterehren kam, in der Voltigierszene als unzertrennlich: "Wer uns nicht genau kannte, hat uns immer für Geschwister gehalten", berichtet Nadia Zülow.

Sie selbst denkt über ein Karriereende noch nicht nach: "Mit dreißig werde ich sicher nicht mehr voltigieren, das verspreche ich. Aber ich habe mir keinen genauen Zeitpunkt gesetzt, wann ich aufhören möchte". Im nächsten Jahr auf jeden Fall noch nicht, da möchte sie nämlich ihren Europameistertitel verteidigen.

Die Kür, die sie vor zwölf Monaten in Nitra zum EM-Titel führte, hält sie rückblickend "für immer noch das Beste, was ich im Wettkampf gezeigt habe. Hier im Finale habe ich die Kür nur sicher nach Hause voltigiert". Deshalb blickt die 22-Jährige trotz der Trennung des Erfolgsduos optimistisch der kommenden Saison entgegen: "In diesem Jahr war es schwierig, denn ich habe mich immer gefragt, wie ich mich noch steigern kann. Jetzt ist es ein gutes Gefühl, denn ich weiß mit Blick auf diesen Winter, was ich kann".

Ein Umdenken bedeutet die neue Situation auch für Agnes Werhahn. Rückblickend auf die Titelkämpfe in Mannheim ist die Erfolgstrainerin ins Grübeln gekommen: "Vielleicht wäre es besser gewesen, die beiden auf zwei Pferden getrennt starten zu lassen". So standen sie in Pflicht und Kür immer im Doppelpack im Scheinwerferlicht und unter den kritischen Augen der Punktrichter, die der zuerst startenden Janine Oswald nicht gerade gnädig gesonnen waren. Psychologisch vielleicht nicht die beste Ausgangsposition, denn alles wartete natürlich auf den Auftritt der Titelverteidigerin, die in ihrem weiß-silbernen Anzug auch optisch die stärksten Akzente unter den 15 Finalteilnehmerinnen setzte.

All die Ungereimtheiten und der deutlich sichtbare Frust haben Janine Oswald aber den Spaß am Voltigieren nicht verderben können: "Auch wenn ich meine aktive Laufbahn beende, dem Sport und dem Verein werde ich auf jeden Fall verbunden bleiben".

Vielleicht als Managerin? Wie man das Voltigieren professionell vermarktet, dafür waren die Titelkämpfe in Mannheim das beste Beispiel. "Ich glaube, wir haben den Durchbruch weg vom Image der Rand- oder Kindersportart geschafft", lautete das Fazit von Peter Hofmann, dem Präsidenten des WM-Organisationskomitees.

Über einhundert Helfer sorgten für einen reibungslosen Ablauf der viertägigen Titelkämpfe, von denen die Athleten voll des Lobes waren: "Das war die beste WM, bei der ich jemals dabei war", erklärte Agnes Werhahn - und sie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten alle erlebt. Nur die großen Entfernungen auf dem Wettkampfgelände bereiteten Probleme - die nicht nur die Neusserinnen pragmatisch lösten: Das Kickboard wurde zum beliebtesten Fortbewegungsmittel. Volker Koch

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