Eishockey in Neuss : Wie der NEV durch die Krise kommt

Seit Monaten steht beim Neusser Eishockeyverein wegen der Corona-Pandemie alles still – was vor allem die Jugend trifft. Aber zumindest wirtschaftlich ist der Klub nicht vom Aus bedroht, weil er keine Profis unter Vertrag hat.

Der 23. Oktober 2020 war ein guter Tag für den Neusser Eishockey Verein. 4:0 gewann der NEV sein letztes Vorbereitungsspiel gegen die Eisadler Dortmund, die Saison in der Regionalliga konnte kommen. Doch sie kam nie. Knapp eine Woche später stoppte die Landesregierung wegen der Corona-Pandemie den Amateursport, also setzte der Eishockeyverband NRW den Spielbetrieb aus. Zunächst mit der kleinen Hoffnung, irgendwann doch noch mal starten zu können, doch mittlerweile ist auch die verflogen.

Da es in der Halle am Neusser Südpark noch Eis gibt, hoffen sie beim NEV, „dass wir ab Februar noch mal zum Training aufs Eis können, oder dass wir vielleicht Trainingsspiele oder ein kleines Turnier machen können. Aber die Saison wird nicht mehr stattfinden“, sagt NEV-Vorsitzender Udo Tursas, der im Eishockey viel erlebt hat. Erst als Spieler, dann als Schiedsrichter. Er leitete er mehr als 2000 Spiele, erste Liga, WM. Danach war er hier mal Trainer, da mal in der Geschäftsführung – Tursas kennt das NRW-Eishockey wie wenige andere.

Seit Sommer steht der 69-Jährige an der Spitze des NEV. Und hat große Pläne: „Wir sind im Umbruch“, sagt Tursas. Pünktlich zum 25-jährigen Bestehen des Vereins verkündete er im Herbst gemeinsam mit den Eiskunstläufern des Neusser Schlittschuhklubs ein Renovierungskonzept für die Halle in Reuschenberg. Auch sportlich soll es langfristig bergauf gehen: mehr Nachwuchs, Verstärkungen für die erste Mannschaft, mehr Zuschauer. Aber dann kam die zweite Corona-Welle, das Vereinsleben steht still.

Wer mit Udo Tursas spricht, erlebt dennoch keinen verbitterten Mann: „Wir würden alle am liebsten so schnell wie möglich wieder aufs Eis, aber wir stehen voll und ganz hinter den Maßnahmen. Das Wichtigste ist, dass wir alle gesund bleiben“, sagt der Vorsitzende. Was auch daran liegt, dass den NEV die Krise wirtschaftlich nicht wirklich bedroht. Es gab Hilfe vom Land, Mitglieder und Sponsoren blieben treu. Zudem spart der Klub Kosten für Reisen, Spielbetrieb oder Schiedsrichter. Festangestellte gibt es weder auf noch neben dem Eis, was sich vergangene Saison sportlich bemerkbar machte, da war der NEV in der vierten Liga kaum konkurrenzfähig. „Es gibt Vereine, die den Spielern viel Geld bezahlen. Wir sind im neuen Vorstand der Meinung, dass man in der Regionalliga keine Profis verpflichten sollte“, sagt Tursas.

Das war mal anders. Von Mitte der Siebziger bis in die Neunziger hinein spielten die Neusser regelmäßig in der 2. Liga, aus der Jugend stammen spätere Nationalspieler wie Helmut de Raaf oder Danny Aus den Birken, der 2018 Olympiasilber gewann. Doch die Erfolge waren teuer erkauft. Pleiten, neue Vereine, neue Pleiten, Abstiege. Da darf man die aktuelle Lage – den NEV gibt es seit 1995 – als stabil ansehen. Auch wenn der Klub vorerst keine Ambitionen hegt, in den Profibereich zurückzukehren. Die räumliche Lage inmitten des Eishockey-Dreiecks aus Düsseldorf, Krefeld und Köln macht es nun mal schwer, Fans und Sponsoren zu gewinnen. Auch die besten Jugendspieler entscheiden sich naturgemäß eher für den Nachwuchs eines Profiklubs.

Tursas ist dennoch nicht unglücklich mit dem Status Quo: „Wir sind einer der wenigen Vereine in NRW, die in jeder Altersklasse eine Mannschaft haben, in den meisten spielen wir in der höchsten Liga.“ Und aktuell gebe es keine Abmeldungen. Was auch daran liegt, dass sich die Trainer weiter um die Aktiven kümmern, mit Trainingseinheiten per Online-Video. Aber natürlich ist das nicht mit richtigem Eistraining zu vergleichen. Aktuell kann man ja nicht mal Inlineskaten, weil die Wege draußen nass oder gar matschig sind. Die Jugendspieler verlieren ein ganzes Jahr in ihrer Entwicklung. Was mit Blick auf die speziellen Bewegungsabläufe beim Eishockey umso schwerer wiegt. In den unteren Altersklassen müssen manche fast bei Null anfangen.

Auch der ersten Mannschaft bleibt nur Trockentraining. „Aber die Trainer versuchen, uns auch jetzt auf Trab zu halten“, sagt Jaime Lindt, seit 2014 im NEV-Trikot. Schon als Jugendspieler lief der heute 23-Jährige parallel für die Männer auf. Nun trainieren er und die Kollegen individuell. Aber zumindest unter so etwas wie Wettbewerbsbedingungen. Trainer Sebastian Geisler stellt dem Team regelmäßig Aufgaben. „Wir schicken ihm dann über eine App Fotos oder Videos davon, der Coach entscheidet, wer gewinnt“, erzählt Lindt, der nicht glaubt, dass sich das kurzfristig noch mal ändert. Vielleicht ab Februar etwas Training und ein paar Testspiele. Aber im Frühjahr wird das Eis ohnehin abgetaut. Also sieht er die Lage pragmatisch: „Wir greifen ab Oktober wieder an. Dann braucht man wenigstens keine neuen Schlittschuhe.“