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Leichtathletik: Wie der Neusser Erftlauf zum Mythos wurde

Leichtathletik : Wie der Neusser Erftlauf zum Mythos wurde

Die älteste Laufveranstaltung im Rhein-Kreis feiert runden Geburtstag. Bei der Hälfte der 40 Erftläufe war unser Redakteur selbst am Start

Wer bewahrt schon Urkunden auf? Ich jedenfalls nicht. Aus zweieinhalb Jahrzehnten Läuferleben sind nur wenige Erinnerungsstücke übrig geblieben. Eine in rot und weiß mit den damals so beliebten schwarz getuschten Läufersilhouetten gibt es noch, datiert vom 26. November 1977: 5. Internationaler Neusser Erftlauf über 15 km steht im Kopf, und darunter handschriftlich eingetragen: Zeit: 50:55 Minuten, Platz: 1. (Junioren).

Nichts Besonderes. Keine atemberaubende Zeit (auch wenn sie im vergangenen Jahr sogar zum Gesamtsieg gereicht hätte). Und trotzdem: Für einen Läufer aus Neuss (auch wenn er damals für den TSV Bayer Dormagen startete) ein Schriftstück mit Erinnerungswert.

Denn der Erftlauf, den die DJK Novesia am Samstag in einer Woche (17. November) zum 40. Male mit Start und Ziel auf der Wolker-Anlage veranstaltet, der hatte Prestigewert. In den damals bärenstarken heimischen Läuferkreisen zählte ein Sieg fast so viel (wenn nicht mehr) wie ein Deutscher Meistertitel.

Kein Wunder, dass die Liste der Erftlauf-Sieger und -Siegerinnen vor Prominenz nur so strotzt. Ein Weltmeister (Willi Wülbeck 1979) ist dabei, ein Olympiateilnehmer (Paul Angenvoorth, 1972 in München Sechzehnter über Marathon, siegte 1975), eine Weltrekordlerin (Christa Vahlensieck, langjährige Inhaberin der Weltbestzeit über Marathon, gewann die Premiere 1973 unter ihrem Mädchennamen Kofferschläger und wiederholte diesen Sieg fünf Jahre später). Bemerkenswert, schließlich gab es beim Erftlauf nie etwas zu verdienen, lockten weder Prämien noch Antrittsgelder — nur Willi Wülbeck bekam von einem externen Sponsor ein paar "Fahrtspesen" erstattet.

Trotz Prominenz: Die "Helden" auf den 15 Kilometern waren andere. Bernd Rangen ist mit seinen vier Siegen — der letzte datiert aus dem Jahre 1990 — immer noch der ungekrönte Erftlauf-König. Bernd Kofferschläger, der Bruder der Ex-Weltrekordlerin, siegte drei Mal, davon 1977 als Erster über die inzwischen "klassische" Distanz von 15 Kilometern (vorher war die Strecke 12 bzw. 14 Kilometer lang).

Vierfach-Sieger Martin Grüning gewann zwischen 1991 und '93 drei Mal in Folge, beim ersten Mal mit dem heute noch gültigen Streckenrekord von 45:38 Minuten. Auf weiblicher Seite heißen ihre Gegenstücke Tanja Kalinowski (vier Siege zwischen 1989 und 1995, davon 1990 mit Streckenrekord von 52:02 Minuten) und Petra Maak, die zwischen 1984 (damals noch als Petra Sander) und 2008 sage und schreibe acht Mal (!) als Siegerin durchs Ziel auf der Wolker-Anlage lief.

Der "Mythos" Erftlauf hat viel mit seinem Termin zu tun. Früher war das Läuferjahr nämlich klar strukturiert: Im Winter Wald- und Crossläufe, im Frühjahr auf der Straße, im Sommer auf der Bahn, im Frühherbst wieder auf der Straße — und von Mitte Oktober bis Mitte November Regenerationspause. Danach ging's wieder von vorne los. Und um zu wissen, was man "drauf hat" zum Beginn des Wintertrainings, kam der Erftlauf genau richtig.

Weshalb damals auch wirklich "alle" über die 15 Kilometer an den Start gingen. Ein Mal im Jahr maß die stattliche Neusser Läuferszene, von 800-Meterspezialist Manuel Ingenhoven über Hindernismeister Heinrich Knörzer bis Marathon-As Franz-Peter Poterala im direkten Vergleich ihre Kräfte — auf der auch zu Trainingszwecken mit Recht so beliebten "Erftrunde". Mittendrin, mal schneller, meist langsamer, unser Autor.

(NGZ)