Sieg für den TSV Bayer Dormagen: Wer schlechte Spiele gewinnt . . .

Sieg für den TSV Bayer Dormagen : Wer schlechte Spiele gewinnt . . .

Von Volker Koch

Von Volker Koch

. . . hat das Zeug, ganz oben mitzuspielen. Trifft diese Sport-Weisheit auf den TSV Bayer Dormagen zu, müsste der Handball-Zweitligist nach dem 27:22-Sieg über den starken Aufsteiger SG Werratal eigentlich gute Karten besitzen, ein Wort um den Aufstieg in die Erste Liga mitzureden.

Im Anflug: Tobias Plaz ist hier zwar den beiden Werratalern Vygindas Petkevicius und Francois Woum-Woum enteilt. Doch allzu oft scheiterten die Dormagener an Milos Hacko, dem slowakischen Nationaltorhüter der SG Werratal, der insgesamt 18 Würfe des TSV Bayer entschärfte. Trotzdem setzten sich die Gastgeber mit 27:22 durch.

NGZ-Foto: H. Jazyk

Die Chemie scheint zu stimmen im Schatten des Bayer-Kreuzes: Wer ein solches Spiel wie das am Samstagabend gegen die SG Werratal einigermaßen unaufgeregt über die Bühne bringt, der muss über ein gutes Binnenverhältnis verfügen. Zwischen Mannschaft und Trainer, zwischen den Spielern untereinander. Und nicht zuletzt zwischen Mannschaft und Fans.

Es war eindrucksvoll, zu erleben, wie die offiziell 1 300 Zuschauer - etliche mehr hatten davon profitiert, dass das Ticketsystem kurz vor dem Anpfiff seinen Geist aufgab und waren ohne Eintrittskarte in die Halle gelassen worden - die Gastgeber nach vorne peitschten, als es spielerisch nicht nach Wunsch lief auf dem Parkett des TSV-Bayer-Sportcenters.

Spätestens, als aus der 14:12-Führung der Hausherren kurz nach Wiederbeginn ein 14:15-Rückstand (37.) wurde, da hätte zu seligen "Schweinehallen-Zeiten" die Hälfte der Sitzplatzinhaber mit Pfiffen und "Aufhören"-Rufen reagiert. Nicht so am Samstagabend. Als Hallensprecher Oliver Fenkl zwei Minuten vor dem Abpfiff dazu aufforderte, sich von den Plätzen zu erheben, da stand die Halle wie ein Mann auf den Füßen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Partie bereits entschieden. Dafür hatte Oliver Tesch gesorgt, als er nach 55 Minuten einen Gegenstoß am starken Milos Hacko im Gästetor vorbei zum 24:20-Zwischenstand wuchtete. Der Junioren-Europameister nutzte dabei den vielen Platz, der ihm in dieser Szene angesichts von nur vier Feldspielern auf beiden Seiten zur Verfügung stand. Das Schiedsrichtergespann Bargmann/Stein (Bad Ems/Koblenz) hatte sein Zeitstrafenfestival gerade mit je zwei Platzverweisen für Dormagen (Plaz, Landsberg) und Werratal (Pistolesi, Schäfer) innerhalb von nicht einmal sechzig Sekunden gekrönt.

Insgesamt verhängten die jungen Unparteiischen 34 Strafminuten in einer Partie, "die nun wirklich nicht hart geführt war. Wir spielen schließlich Handball und nicht Volleyball", befand TSV-Trainer Kai Wandschneider und durfte sich bei dieser Beurteilung der Zustimmung seines SG-Kollegen Peter David sicher sein. Vielleicht lag es an dieser Zeitstrafenflut - statistisch gesehen stand mehr als eine Halbzeit lang immer einAkteur zu wenig auf dem Feld - dass sich eine Partie entwickelte, die wenig Chancen hat, unter der Rubrik "niveauvolle Spiele" in der Vereinschronik abgelegt zu werden.

Werratal spielte, dem hohen Durchschnittsalter seines Kaders um die Routiniers Rene Croy (36) und Vygindas Petkevicius (34) angemessen, eher Handball aus dem Stand, tat dies aber nicht ungeschickt. Bayer versuchte, der taktischen Vorgabe seines Trainers gehorchend, dem viel Tempo entgegenzusetzen, wirkte dabei aber seltsam fahrig und unkonzentriert, leistete sich viele Ballverluste und scheiterte insgesamt 18 Mal am slowakischen Nationaltorwart zwischen den Werrataler Pfosten.

Einmal mehr stellte der gegnerische die heimischen Torhüter in den Schatten: Matthias Reckzeh hielt in 22 Minuten nur zwei Kullerbällchen, Joachim Kurth lief erst dann zur Form auf, als die Partie nach dem 22:19 (51.) fast schon entschieden war: Von zwölf Paraden datierten acht aus den letzten neun Minuten. "Wir hatten zu viel Respekt vor der Routine", suchte Wandschneider nach Gründen für die Konzentrationsmängel seiner Schützlinge.

Das um so mehr, als seine Routiniers aus gesundheitlichen Gründen nur zu Kurzauftritten (Baekhoej, Kopeinigg) oder gar nicht zum Einsatz kamen: Mit Peter Sieberger (Muskelfaserriss im Brustbereich) wäre das statische Spiel der Gäste wohl nachhaltiger gestört worden, wäre Bayer wohl zu mehr Gegenstoßmöglichkeiten gekommen. So wurde einer zum Matchwinner, der bislang nur wenig überzeugt hatte: Michiel Lochtenbergh fand alleine das richtige Rezept gegen Hacko. Höhepunkt: Sein Kempa-Trick zum 25:21 (56.), als die Hausherren in Unterzahl waren. So 'was gelingt nur, wenn die Chemie stimmt.

(NGZ)
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