Lokalsport: Von St. Moritz nach Neuss

Lokalsport: Von St. Moritz nach Neuss

Größer könnten die Kontraste kaum sein: Jockey Maxim Pecheur reist morgen als aktueller Sieger des White Turf in St. Moritz ans Hessentor.

Die Gegensätze können krasser kaum sein. Am Sonntag gewann der Jockey Maxim Pecheur im Sattel des fünfjährigen Hengstes Nimrod zum Auftakt des White Turf-Meetings auf dem See von St. Moritz im Oberengadin das Top-Rennen um den Longines Grand-Prix. Bejubelt von den in feinstem und hochpreisigen Wintersport-Outfit gewandeten Besuchern in der dort üblichen Champagner-Stimmung dieses exklusiven Events. Ausgetragen auf dem derzeit 53 Zentimeter dicken Eis des St. Moritzer Sees im Olympia-Ort von 1948 mit der legendären Naturbobbahn und der nicht minder populären Skeleton-Anlage und seiner gefürchteten Gunther Sachs-Kurve.

Wenn morgen um 16.55 Uhr acht Rennen auf dem Neusser Sandkurs gestartet werden, dann wird Maxim Pecheur in drei Rennen mit Final Adventure (2. Rennen), Forest Adventure (5. Rennen) und Amorous Adventure (6. Rennen) den schnöden Alltag der Jockeys erleben. Nicht die einmalige Zauber-Kulisse mit den Hotels von St. Moritz, die über den See schwebenden Privatflieger der betuchten Gäste auf dem Weg zum nächstgelegenen Airport von Samedan und der Blick auf die Meierei in Richtung Pontresina, dem Urlaubsort von Angela Merkel. Die Neusser Alternativen sind die viel befahrene Hammer Landstraße und im Schlussbogen die Zentrale Unterbringungsstelle für Flüchtlinge. Mitunter auch die Geräusche der Rangierloks mit den Güterzügen auf dem Bahngleis neben der Bahn. Immerhin am frühen Abend auch das Geläut der Basilika von St. Quirin.

Für einen in Deutschland tätigen Jockey gibt es im Moment hierzulande keine Alternative zu Neuss oder Dortmund. Es blieben nur die gern gewählten, aber auch nur schwer zu bekommenden, hochdotierten Aufenthalte in Katar, Dubai, Japan oder Südafrika. Maxim Pecheur hat sich zumindest jetzt dagegen entschieden und so wird er morgen mit seiner Lebensgefährtin Lena-Maria Mattes in Neuss erscheinen und dort seiner Arbeit nachgehen.

  • Lokalsport : Maxim Pecheur hat sein altes Derbypferd "hervorgekramt"

Das Paar ist kürzlich vom malerischen Elsaß nach Lohmar gezogen. Es ist von dort nicht weit zum Gestüt Röttgen in Köln-Rath. Pecheur hat für Röttgen im Vorjahr das dort lang ersehnte Deutsche Derby in Hamburg mit Windstoß gewonnen - seine Freundin fand in Lohmar eine Arbeitsstelle als Physiotherapeutin. Sie reitet in Neuss im ersten Perlenketten-Rennen die Stute Flying Gina und imsechsten Rennen sitzt die Schmuckstück-Siegerin von 2014 im Sattel von Melosina. Das ist eines von sieben Pferden, die der in Köln tätige Trainer Karl Demme sattelt. Demme ist Stammgast in Neuss und betrachtet die Sache pragmatisch: "Meine Pferde laufen gut in Neuss und wir gewinnen oft."

Zuletzt noch mit dem Bahnspezialisten Cassilero, den diesmal im fünften Rennen die Amateur-Championesse Lilli-Marie Engels (17) reitet. Demme nach dem letzten Sieg: "Das Pferd ist schlau geworden. Er mag es nicht, wenn ihm der Sand ins Gesicht spritzt." Die überaus talentierte Warendorferin wird ihm ein passendes Rennen servieren. Die berufliche Laufbahn von Demme verlief in Kurven. Er stammt aus Hannover, war ein erfolgreicher Hindernisreiter. Weil diese Disziplin hierzulande ohne Zukunft war, übernahm er in der Nähe der Rennbahn Neue Bult in Hannover-Langenhagen eine Gaststätte. Das ging gut bis zum Rauchverbot - Demme wurde Trainer in Frankfurt am Main. Rechtzeitig vor dem Ende dieser Rennbahn (dort wird die DFB-Akademie gebaut) wanderte er nach Köln. In Frankfurt ist die Rennbahn zwar verloren, doch der Rennklub plant einen Prozess gegen die Stadt, weil sie das begehrte Gelände in Niederrad für einen angeblichen Spottpreis an den DFB verscherbelt haben soll. Nicht nur in Neuss gibt es Probleme mit der Stadt.

(NGZ)