Geschichte und Geschichten um Schloss Dyck: Von Schlangen, Raubrittern und Napoleon

Geschichte und Geschichten um Schloss Dyck : Von Schlangen, Raubrittern und Napoleon

Von Petra Schiffer

Von Petra Schiffer

Schloss Dyck stand im zurückliegenden Jahr im Mittelpunkt der politischen Diskussionen. Stiftungen wurden gegründet, Kommissionen einberufen und Konzepte erstellt. Experten diskutierten über Schilfgras und Geld. In diesem Euroga-Stress wurde die bewegte Geschichte des Schlosses und seiner Bewohner in den Hintergrund gedrängt. Auch heute wird am Schloss gebaut. Das Portal muss gesichert werden, denn die Bauherren achteten früher mehr als Prunk als auf Statik: Bei einem Erdbeben droht der Bau einzustürzen. NGZ-Fotos (2): H. Jazyk

Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Schloss Dyck komplett nach den Plänen des berühmten Architekten Heinrich Theodor Schmidt umgebaut. Er plante das Portal des Hauptschlosses, in dem repräsentative Räume untergebracht wurden. -->

Dabei sind es gerade die Details, Sagen und Anekdoten um Geheimgang und Prunksaal, Raubritter und Liebeshochzeiten, Schlangen und Wunder, schwarze Schafe und große Denker, aufgeklärte Fürsten und emanzipierte Frauen, geniale Architekten und indiskrete Kammerdiener, Napoleon und Picasso, die den alten Mauern Leben einhauchen.

Die genauen Urprünge der eindrucksvollen Burg im Dycker Land liegen im Dunkeln. Ein Gründungsstein datiert sie ins elfte Jahrhundert, seit 1094 oder 1099 ist das Schloss im Besitz der Fürstenfamilie. Als erster Schlossherr ist Hermann von Dyck erwähnt. "Es ist erstaunlich und äußerst selten, dass die Tradition einer Familie fast 1000 Jahr überdauert", sagt Thomas Wolf, der sich als Archivar der Gemeinde Jüchen ausführlich mit der Familie Salm-Reifferscheidt-Dyck beschäftigt hat.

Wahrscheinlich seien für diese lange Tradition vor allem zwei Gründe verantwortlich: In den unterschiedlichen Familienzweigen gab es immer einen Erben, der die Verantwortung für das Schloss und das Land übernahm, außerdem war die Fürstenfamilie so klein, dass sie nicht in die großen Machtkämpfe der Historie verwickelt wurde und relativ friedlich und unbehelligt im Dycker Land schalten und walten könnte. Aus dem frühen Mittelalter ist wenig bekannt. Die Quellen sind dürftig, die Legenden und Sagen sprießen dafür umso abenteuerlicher.

Als an der Stelle des Klosters St. Nikolaus noch eine Kapelle stand, soll das kleine Gotteshaus eine Pilgerstätte gewesen sein, an der Kranke auf wundersame Weise geheilt wurden. Aber auch wenig Rühmliches wird von den ersten Mönchen im Kloster berichtet. Sie sollen in Zeiten einer großen Hungersnot dem Versprechen der Stiftungsurkunde, die Armen regelmäßig mit selbst gebackenem Brot zu versorgen, nicht nachgekommen sein. Daraufhin wurde das Kloster von Schlangen heimgesucht, die die Mönche zischend und fauchend so lange bedrohten, bis sie die Öfen anschmissen und den Teig kneteten.

Über das Leben der Fürsten sind interessante Details aus dem Spätmittelalter bekannt. "Auf Schloss Dyck haben wir es eigentlich mit einem grundsoliden Fürstengeschlecht zu tun", meint Wolf. "Schwarze Schafe gibt es aber in jeder Familie." Bei den Herrschern über das Dycker Ländchen lebten im 14. und 15. Jahrhundert Adlige auf dem Schloss, die ihrem Namen keine Ehre machten. Vielmehr sollen sie sich an Kölner Kaufleuten vergangen haben, die auf ihren Geschäftsreisen die Wälder um das Schloss durchqueren mussten. Um ihre stark angeschlagenen Finanzen aufzubessern, betätigten sich die Schlossherren als Raubritter, verlangten horrende Zölle und wurden unbequem, wenn die Geschäftsmänner mit diesen mitteralterlichen "Straßengebühren" nicht einverstanden waren.

Der Ruf der Fürsten besserte sich erst im 16. Jahrhundert wieder - durch eine Adlige, die sich für die Ideen Martin Luthers interessierte. Sie fand die Kritik am Ablasshandel der Katholischen Kirche berechtigt und beschloss, sich näher mit den Gedanken der Reformation auseinander zu setzen. Wie viele kleine Adelsgeschlechter stand sie den Änderungen der Lutheraner positiv gegenüber - nicht zuletzt auch, weil er den weltlichen Fürsten die Verantwortung für das kirchliche Wohl ihrer Untertanen übertrug und damit die Kompetenz und die Macht der Landesherren beträchtlich stärkte. "Wir können dennoch davon ausgehen, dass sich die Fürstin vor allem aus Überzeugung der Reformation zugewandt hat", sagt Thomas Wolf. "Sie soll eine sehr gläubige, aber trotzdem liberale Frau gewesen sein."

Die Adlige holte den reformatorischen Priester Thomas Merkelbach ins Dycker Land. Erst fanden die Gottesdienst im Haus Neuenhoven, später im Haus Bontenbroich statt. Doch der neue Glaube hatte eine unangenehme Nebenwirkung: Die Untertanen wurden durch die Reformatoren angehalten, selbst nachzudenken, statt unreflektiert die Befehle der Priester entgegenzunehmen, und begannen vor diesem Hintergrund, auch weltliche Autoritäten in Frage zu stellen. Sie wurden immer rebellischer, bis die Fürstenfamilie im Zuge der Gegenreformation entschied, zum alten Glauben zurückzukehren und wieder katholisch zu werden.

Die evangelischen Christen zogen sich aus ihrem Herrschaftsgebiet zurück und ließen sich in Kelzenberg nieder, wo noch heute die älteste evangelische Kirche im Jüchener Gemeindegebiet steht. Das 17. Jahrhundert war auch für die Dycker eine unruhige Zeit. Nach dem dreißigjährigen Krieg entschlossen sie sich, ihren Herrschaftssitz zur heutigen Wasserburg-Form auszubauen, wahrscheinlich um dem erhöhten Schutzbedürfnis der Menschen Rechnung zu tragen, die sich im Notfall schnell hinter sichere Mauern zurückziehen wollten. "Es gilt als sicher, dass es am Schloss eine Zugbrücke gegeben hat, aus den bislang ausgewerteten Unterlagen geht aber nicht hervor, an welcher Stelle", berichtet der Gemeindearchivar.

Ob zu dieser Zeit auch der sagenumwogene Geheimgang gegraben wurde, der das Schloss und das Nikolauskloster miteinander verbunden haben soll, ist unklar. "Es spricht Vieles für diesen Geheimgang und Vieles dagegen", so die diplomatische Einschätzung von Thomas Wolf. "Generell ist es immer gut möglich, dass ein Schloss und ein Kloster miteinander verbunden sind, damit sich die Menschen in die sichere Kirche retten können, wenn die Burg eingenommen wird. Auf den Feldern sind außerdem immer wieder Einbrüche und Löcher entdeckt worden, die allerdings genausogut von Mergelgruben stammen können." Gegen den unterirdischen Gang spreche die Feuchtigkeit. Wolf: "Der Gang müsste gut gemauert gewesen sein und hätte unter dem Bach verlaufen müssen. Dann würden wir allerdings heute auch noch Hinweise finden, und die gibt es bislang nicht."

So ruhig und unspektukulär wie das 18. Jahrhundert verlief, so wichtig und spannend wurde das Neunzehnte, denn jetzt wurden die Weichen dafür gestellt, dass Schloss Dyck im Jahr 2002 ein Zentrum für europäische Gartenkunst werden soll. "Fürst Josef, der im 19. Jahrhundert die Geschicke des Schlosses in seine Hand nahm, war sicher eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Adelsfamilie", berichtet der Geschichtsexperte. Josef wurde frei und im Sinne der Aufklärung erzogen, reiste viel und beherrschte mehrere Sprachen. Er kaufte Land für den jüdischen Friedhof zwischen Hemmerden und Bedburdyck und warb für Toleranz gegenüber anderen Religionen. Außerdem soll er den Freimaurern angehört haben.

Schon früh entwickelte er ein ausgeprägtes Interesse für Botanik und begann, exotische Pflanzen ins Dycker Land zu holen. "Er betrieb den Gartenbau äußerst professionell", so Wolf. "Davon profitieren wir heute." Josef war politisch aktiv und lernte auf seinen Reise nach Frankreich auch Napoleon kennen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass Napoleon ihn im Schloss besucht hat", meint der Gemeindearchivar. Als beim Wiener Kongress die meisten kleineren Fürstentümer zerschlagen wurden, kämpfte Josef für sein Land und siegte.

Die zweite Frau des Fürsten stand nicht im Hintergrund ihres Mannes. Für Constance de Salm ließ sich Josef scheiden, auch sie trennte sich von ihrem Mann, um mit dem Adligen aus dem Dycker Land zusammen zu sein - für die damalige Zeit ein mittelprächtiger gesellschaftlicher Skandal. "Die beiden müssen sich sehr geliebt haben", sagt Wolf. Constance war äußerst gebildet, führte Salons in Paris, in denen die großen Denker über Politik und Philosophie diskutierten, und wurde als frühe Feministin gefeiert. Josef erkrankte an einem Lungenleiden, deshalb verbrachte das Paar die letzten Lebensjahre in Nizza. Obwohl beide dort starben, wurden sie im Nikolauskloster bestattet.

Ins 19. Jahrhundert fällt auch der große Umbau des Schlosses durch den berühmten Architekten Heinrich Theodor Schmidt. Die Baupläne von 1897 fielen dem Gemeindearchivar durch Zufall in die Hände. Der Planer hatte sich als "Burgensanierer" einen guten Ruf erworben hatte und neben der Renovierung der Burg Eltz in der Eifel auch Bürgerhäuser und Fabrikbauten errichtete. Außerdem erhielt er eine Auszeichnung für seinen Pavillon auf der Weltausstellung in St. Louis, den er für das Stahlunternehmen Krupp gebaut hatte. Schmidt plante unter anderem den Prunkeingang für das Dycker Hochschloss. "Damals wurde die Wasserburg zum Schloss", sagt Wolf. "Die Zeiten des Schutzes waren vorbei, jetzt war Repräsentation gefragt."

Wahrscheinlich wurden damals sämtliche Räume neu aufgeteilt und die Bediensteten in einem anderen Trakt des Schlosses untergebracht. Die Fürsten wollten prunkvolle Empfangsräume, die im alten Schloss nicht zu realisieren waren, deshalb wurde der halbrunde Vorbau mit hohen Decken und Räumen von über 120 Quadratmetern notwendig. Dort fanden Empfänge, Festbälle und Gala-Diners statt. Ihren Ruf als Architektur- und Kunstliebhaber behielten die Fürsten auch im 20. Jahrhundert. Von 1945 bis 1950 sollen dort zahlreiche wertvolle Bilder versteckt gewesen sein. Welche Kunstwerke dort genau lagerten, ist nur in Ansätzen bekannt.

"Überhaupt gibt es noch Vieles zu erforschen, das in den Archiven verborgen liegt und erst nach und nach ans Licht kommt", so der Gemeindearchivar. "Vielleicht war in dem Kunstsammellager ja sogar ein Picasso dabei." Spannend sei auch das noch nicht ausgewertete Kriegstagebuch eines Kammerdieners aus einem Privatarchiv, der den Fürsten während des Ersten Weltkrieges begleitete. Er plaudert aus dem Nähkästchen und berichtet von mancher guten Flasche Wein zwischen den Schlachten. Langweilig wird es rund um das Schloss auch in den nächsten Jahren nicht, wenn das Gebäude und der Garten während der Euroga tausende Besucher anziehen.

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