1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis
  4. Sport im Rhein-Kreis

Jüchen: Von Sahne, Quark und Dampfmaschinen

Jüchen : Von Sahne, Quark und Dampfmaschinen

Das markante Gebäude von Susanne Meisen am Bahnhof hat die Ortsgeschichte Jüchens mit geprägt. Zeitzeuge Franz-Josef Bienefeld erinnert sich an den früheren Molkereibetrieb und an die "beliebteste Schlagsahne" der Region.

Fest einbetoniert, verstaubt und fast vergessen befindet sich noch eine Original-Dampfmaschine aus dem Jahr 1929 in den Kellerräumen des alten Hauses, das nur einen Steinwurf vom Jüchener Bahnhof entfernt steht. Das markante Gebäude ist stummer Zeuge einer Zeit, in der viele kleine Molkereien Milch, Joghurt, Quark, Sahne, Butter und Co. erzeugten – und in der Jüchen der stolze Produktionsstandort der "zertifiziert besten Schlagsahne" war.

Dass ihr Wohnhaus, das auch gleichzeitig ihr Arbeitsplatz ist, zu den wohl geschichtsträchtigsten Gebäuden im Gemeindegebiet gehört, konnte Susanne Meisen lange Zeit nur erahnen. Sie vertreibt dort Ersatzteile für französische Autos. Viel über das Haus und seine besondere Geschichte weiß ihr Nachbar Franz-Josef Bienefeld, der in Jüchen geboren und auf der Silostraße aufgewachsen ist.

"Seine" Straße führte damals zur "Jüchener Molkerei-Genossenschaft", die im Jahr 1898 aus einem Zusammenschluss von Landwirten gegründet wurde und seitdem mit einem großen Industrie-Gebäude zu einer der damals modernsten Molkereianlagen überhaupt gehörte. "Hergestellt wurden dort unter anderem Butter, Quark und Schlagsahne. Die frische Milch wurde von Bauern aus Jüchen und den umliegenden Dörfern auf Pferdekutschen in schweren Metallkannen angeliefert", erinnert sich der 70-Jährige. "Dort haben wir als Kinder gespielt – und den Mitarbeitern der Molkerei bei ihrer Arbeit zugeschaut", blickt Bienefeld zurück. "Und als die Bauern ihre Milch hier abgeliefert hatten, sind viele danach in der gegenüberliegenden Gaststätte eingekehrt – und haben alles andere als Milch getrunken", berichtet er und lacht.

Vom Glanz und Treiben vergangener Zeiten ist dort allerdings nichts mehr zu sehen: Die Gaststätte steht leer, nachdem ein griechisches Restaurant den Betrieb eingestellt hat.

Milch und Quark aus Jüchen wurden längst nicht nur von den Bewohnern im Ort genossen: Direkt an der Bahnlinie Mönchengladbach-Köln gelegen, wurden die in Jüchen erzeugten Milchprodukte bis in Großstädte wie Köln transportiert. Und damit nicht genug: "In den besten Zeiten schmückte ein großes Schild ,Die Nummer eins in Schlagsahne' das markante Gebäude", weiß Franz-Josef Bienefeld, denn die Sahne habe sich damals einer zunehmend größer werdenden Beliebtheit erfreut.

Doch in den 1960er Jahren wurde der Molkerei-Betrieb eingestellt. Heute erzeugen deutlich weniger, aber größere Molkereien die vielen Milchprodukte, die in den Kühlregalen der Supermärkte auf Käufer warten. Die Räumlichkeiten im Komplex am Bahnhof erfüllten mit den angrenzenden Industriehallen aber weiter ihren Zweck: "Aus alten Akten weiß ich, dass es hier früher noch ein Auslieferungslager für Sprudelwasser, ein Lager für Konkursmasse, eine Spedition für Flugpost und ähnliche Unternehmen gegeben hat", erzählt Susanne Meisen.

Sie hat sich mit ihrem Unternehmen 1991 im einstigen Molkerei-Gebäude angesiedelt. "Bevor wir einziehen konnten, musste das Haus allerdings von Grund auf saniert werden", erläutert Meisen. Denn durch einen zwischenzeitlichen Leerstand drohte die Ex-Molkerei damals immer mehr zu verfallen.

Was ist von der damaligen Genossenschaft übrig geblieben? "Das heutige Raiffeisen-Silo", sagt Franz-Josef Bienefeld. Das wurde im Zeitraum von 1957 bis 1960 erbaut und sollte die klein gewordene Molkerei durch den Vertrieb und die Lagerung von Getreide und landwirtschaftlichem Futtermittel ablösen.

(NGZ)