Voltigieren : Voltigierer nehmen Weltreiterspiele ins Visier

Im Kampf um die Tickets nach Tryon wird es ernst für die Neusser Pferdeakrobaten. Janika Derks hat gleich zwei sehr gute Chancen.

Saison 2018: Gemäß des hippologischen Vierjahres-Zyklus eine ganz besondere „Spielzeit“ für die Voltigierer des RSV Neuss-Grimlinghausen. Denn im September stehen im Tryon im US-Bundesstaat North Carolina die Weltreiterpiele vor der Tür. Das „Olympia“ der Voltigierer – bei dem alle Disziplinen der Reiterei ihre globalen Champions ermitteln – wirft seine Schatten der Nominierungsentscheidungen voraus.

In der kommenden Woche werden Bundestrainerin Ulla Ramge und die Arbeitsgruppe Spitzensport traditionell beim internationalen Turnier im sachsen-anhaltinischen Krumke den potenziellen Teilnehmerkreis in den Disziplinen Mannschaft, Einzel und Pas-de-Deux einengen und bei den Teams voraussichtlich bereits das Ticket vergeben. Alleinstellungsmerkmal des Vereins vom Nixhof: In allen Wettbewerben haben die Schützlinge der Trainerinnen Jessica Lichtenberg und Elisabeth Simon Chancen auf die Qualifikation. Zwei Fahrkarten sind sogar sehr wahrscheinlich.

Wir wagen eine kleine Spekulation: Janika Derks ist so gut wie sicher im schwarz-rot-goldenen Aufgebot – und das sogar doppelt. Die 28-jährige Physiotherapeutin befindet sich wie eh und je in einem herausragenden Fitness-Zustand – dies stellte die CHIO-Siegerin von 2017 kürzlich auch in der RTL-Show „Team Ninja Warrior“ gemeinsam mit den Brüsewitz-Brüders als Voltigier-Trio unter Beweis.

Derks verkörpert in diesem Jahr in ihrer Kür den Grusel-Clown Pennywise aus dem Stephen-King-Roman Es und geht mit dem elfjährigen niederländischen Warmblut Carousso Hit an den Start. Die Teilnahme in Tryon wäre die dritte Championats-Qualifikation in der Einzelkonkurrenz in Folge. Mit ihrem Favoriten-Pferd Auxerre erlebte Derks in den vergangenen beiden Jahren jeweils als Mitfavoritin zwei enttäuschende Championats-Verläufe. Auch deshalb nun der Wechsel auf den – eigentlich etwas schwerer zu beturnenden – Carousso Hit, berichtet Trainerin Lichtenberg. Ein Konzept, das durchaus schon aufzugehen scheint. Nach dem vierten Rang bei der DM im Vorjahr folgte zum internationalen Auftakt 2018 im niederländischen Ermelo Anfang Mai ein Sieg – wobei Derks unter anderem Europameisterin und Weltcup-Siegerin Kristina Boe aus Hamburg hinter sich ließ. Auch eine Qualifikation im Pas-de-Deux ist aus Neusser Sicht mehr als wahrscheinlich. Derks und ihr (wieder genesener) Partner Johannes Kay konnten kürzlich beim Pfingstturnier in Wiesbaden ein starkes Ausrufezeichen setzen. Mit ihrer neuen Kür zum Thema „Energie“ überzeugten die Rheinländer auf ganzer Linie – und durchbrachen im finalen Durchgang sogar die magische Noten-Grenze von 9,0 Zählern. Selbstverständlich wird das Duo nun als Tryon-Mitfavorit gehandelt. Die Konkurrenz jedoch ist gewaltig: Jasmin Lindner und Lukas Wacha aus Österreich – die Überflieger des Doppel-Sports der vergangenen fünf Jahre (Sieger aller Championate zwischen 2012 und 2016) – meldeten sich nach Verletzungspause just an diesem Wochenende ebenfalls mit einer 9,0-er Wertung im Zirkel zurück. Und auch die Italiener Lorenzo Lupacchini und Silvia Stopazzini rangierten mit 8,9 Punkten nur hauchdünn dahinter. Aller Voraussicht nach könnte es also in Tryon auf diesen Dreikampf um Gold hinauslaufen. Antreten werden Derks und Kay im Übrigen die ganze Saison über mit Barbara Rosiny und ihrem Pferd Dark Beluga vom Landesverband Hannover – und nicht, wie gewohnt mit Jessica Lichtenberg. „Dies war eine Idee, die im Winter gereift ist“, erläutert Lichtenberg, die nun bei den anstehenden Wettkämpfen in Krumke und Aachen vom Seitenrand aus dirigieren wird – und sich auch in dieser Rolle offensichtlich sehr wohl fühlt.

Größere Fragezeichen stehen aktuell hinter Pauline Riedl im Einzel sowie dem Team. Riedl zeige auf ihrem noch unerfahrenen Pferd Diamond Sky im Training bereits „Weltklasse“ (O-Ton Lichtenberg). Im Wettkampf jedoch brachte es das Gespann bislang noch nicht auf den Punkt. Lichtenberg: „Auf dem Papier sind andere in vorderster Front, aber Pauli zählt für mich definitiv zum erweiterten Favoritenkreis auf ein Ticket, wenn bei Pferd und ihr allas passt. Langfristig gesehen wird ihre Zeit noch kommen.“

In der Königsdisziplin – dem Team-Wettbewerb – kommen in Bezug auf die Favoriten von Bundestrainerin Ulla Ramge klare Worte: „Köln hat in Ermelo gewonnen, Ingelsberg den Preis der Besten – da kann sich jeder ausrechnen, wer in der Nominierung vorne liegt.“ Hinzu kommt noch das Team Fredenbeck (Hannover) – und die Neusser, die in Warendorf Rang vier belegten. Die Gruppe von Elisabeth Simon – die 2017 in Verden den DM-Titel einfuhr – hatte im Verlauf des Winters in Bezug auf die Pferdesituation großes Verletzungspech. Seit November war kein Training auf den Vierbeinern möglich.

Erst drei Wochen vor dem Turnier in Warendorf konnte die Gruppe wieder auf dem Rücken von Smarti üben. „Für diese Umstände bin ich sehr zufrieden, auch wenn das rein vom Ergebnis her nach außen hin erstmal nicht so gut erscheint“, sagt Simon, die von einer hervorragenden Stimmung innerhalb des Teams berichtet. Die Neusser geben sich in Hinblick auf Krumke keineswegs geschlagen. „Wir werden uns nicht zurückziehen und sind sehr fokussiert. Es wäre unrealistisch, in unserer Situation von einer WM-Qualifikation zu sprechen. Wären wir drei Monate früher, würde das sicherlich ganz anders klingen“, urteilt Simon. Vorteil für Neuss: Die Gruppe hat in der Altmark nichts zu verlieren. Simon: „Manchmal ist es mit dieser Einstellung ja auch leichter.“