Radsport : Die Tour kann kommen – hoffentlich

Doppelsieger André Greipel und sieben weitere Tour-de-France-Fahrer sollen für ein Radspektakel sorgen, doch noch gibt es Probleme

Stephan Hilgers kennt sich aus in der weiten Welt des Radsports. „Das sieht ja schlimmer aus als bei Paris – Roubaix,“ stellte der Vorsitzende des Neusser Radfahrervereins (NRV) beim Ortstermin am Donnerstagmittag mit Blick auf die frisch geteerte Breite Straße fest.

Was beim Frühjahrsklassiker und in diesem Jahr auch bei der Tour de France (mit Hilgers als Zuschauer) zum Programm gehört, sollte bei der 17. Auflage der Tour de Neuss am kommenden Mittwoch (1. August) tunlichst vermieden werden: Dass sich die Fahrer über holprigen Straßenbelag quälen müssen. Doch die Baustellen in der Neusser Innenstadt, speziell die in der Kanalstraße, lassen genau das befürchten. „So ist das viel zu gefährlich“, sagt der Sportliche Leiter Andreas Kappes, der selbst in seiner aktiven Zeit eine Etappe des Giro d’Italia und zwei Etappen von Paris – Nizza gewann, über den Kreuzungsbereich zwischen Breite Straße und Kanalstraße. Nun soll dort noch eine Asphaltschicht aufgebracht und durch Absperrung der Straßenränder der Kurs verengt werden, um die Sturzgefahr zu verringern.

Das wird auch nötig sein. Denn Kappes, zum 15. Mal für die Zusammenstellung des Fahrerfeldes verantwortlich, hat ganze Arbeit geleistet: Zur Spazierfahrt wird keiner der 50 Voll- und Halbprofis nach Neuss kommen. Selbst die Nachwuchsfahrer scharren schon mit den Hufen: „Das ist ein ganz besonderes Rennen für uns – wir fahren gegen die großen Namen, und das direkt vor unserer Haustür“, sagt Rene Otterbein aus dem Team Sportforum Düsseldorf/Kaarst-Büttgen, der zusammen mit Alexander Görres, Robert Deike und Nicolas Heling „mal schauen“ will, „was in so einem Rennen möglich ist.“

Die „großen Namen“, das sind in diesem Jahr acht Fahrer, die noch bei der Tour de France unterwegs sind oder dort bis vor kurzem unterwegs waren. Allen voran der Mann, der bisher als einziger die Tour de Neuss drei Mal gewinnen konnte: André Greipel hat Kappes am Montag die endgültige Zusage gegeben. Vereinbart hatten die beiden den erneuten Start des Sprintstars aus dem Team Lotto-Soudal schon länger. Doch nachdem der Vorjahressieger die Tour de France in den Alpen ebenso wie sein gleichfalls für Neuss gemeldeter „Edelhelfer“ Marcel Sieberg verlassen hatte, musste er sich erneut ein Okay seiner Teamleitung einholen, in Neuss fahren zu dürfen, wo er bereits 2011 und 2013 als Erster über die Ziellinie fuhr.

„Das Geschäft wird immer schwieriger“, sagt Kappes. Das unter deutscher Lizenz fahrende Team Bora Hansgrohe zum Beispiel wollte überhaupt keine Fahrer für das erste Nach-Tour-Kriterium auf deutschem Boden freistellen, nur mit Mühe gelang es Marcus Burghardt, dem Deutschen Straßenmeister von 2017 und Vorjahresdritten, eine Erlaubnis für die Tour de Neuss zu bekommen. „Er wollte unbedingt hier fahren, weil er sich im vorigen Jahr hier sauwohl gefühlt hat,“ sagt Kappes und schlussfolgert: „Die Teamleitungen interessieren nur noch die großen Rennen, wo es um UCI-Punkte geht. Dabei sind wir es hier an der Basis, die den Radsport populär machen.“

Wobei, sagt der für Marketing zuständige NRV-Vize Barthel Winands, „der Tour de France-Effekt aus dem Vorjahr bereits wieder verpufft ist.“ Wenn dann noch, wie Stephan Hilgers mit säuerlicher Miene ausführt, „die Kosten für die Organisation sich trotz aller Sparmaßnahmen verdoppelt haben,“ sind die acht Tour de France-Fahrer, die am Mittwoch an der Startlinie auf der Kaiser-Friedrich-Straße Aufstellung nehmen, ein beachtliches Aufgebot. Neben Greipel, Sieberg und Burghardt sind dies Nikias Arndt (Team Sunweb), Nils Politt, Rick Zabel (beide Katusha Alpecin), Heinrich Haussler (Bahrain-Merida) und Paul Martens (Lotto NL-Jumbo), der wie in den Vorjahren seinen diesmal nicht für die Tour de France berücksichtigten Kumpel Robert Wagner mitbringt.

Tour de Neuss - Sportl. Leiter Andreas Kappes und Fahrer Rene auf der Strecke - hier Breite Strasse / Kanalstrasse. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Eine Premiere im Feld feiert die Nationalmannschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, die derzeit in Neuss und Büttgen zum Trainingslager weilt. „Was die drauf haben weiß ich nicht“, sagt der Sportliche Leiter. Für das Quartett um Saif Alkaabi ist der Rundkurs durch die Neusser Innenstadt ohnehin neu, die alten „Tour de Neuss-Hasen“ müssen sich auf eine veränderte Streckenführung einstellen. Denn weil die Kanalstraße nicht befahrbar ist, wird der Rundkurs verlängert, führt nun am Amtsgericht vorbei und über die Hochstraße zurück auf die Kaiser-Friedrich-Straße. 1300 Meter misst eine Runde, 62 davon haben die Elitefahrer zurückzulegen. Wenn sie um 19.15 Uhr starten, sind schon fast fünf Stunden Programm mit Jugend-, Firmen-, Tandem- und Kinderrennen gelaufen. Aber nur, wenn das „Roubaix-Pflaster“ bis dahin beseitigt ist.

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