Tennis : Blau-Weiss glaubt noch an seine Chance

Tennis-Bundesligist TC BW Neuss reist am Freitag zwar mit einem starken Aufgebaut um Attila Balasz zum kriselnden Ex-Meister Kurhaus Lambertz Aachen, doch nur ein Sieg hilft dem Aufsteiger in Sachen Klassenerhalt weiter.

Es ist eine Gratwanderung, mit der Marius Zay seine Spieler auf die erste von zwei Aufgaben an diesem Tennis-Wochenende in der Bundesliga einstimmen muss. Auf der einen Seite, sagt der Teamchef des TC Blau-Weiss Neuss, sollte ihnen schon bewusst sein, dass die Partie am Freitag ab 13 Uhr beim kriselnden Ex-Meister Kurhaus Lambertz Aachen die vielleicht letzte Chance für den Aufsteiger bedeutet, die höchste Medenspielklasse des Deutschen Tennis-Bundes nicht nach nur einer Saison bereits wieder verlassen zu müssen.

Auf der anderen Seite, das hat Zay noch einmal am Sonntag im Lokalduell gegen den Rochusclub gelernt, „kann zu viel Druck auch schaden.“ Den verspürte offenbar Adrian Ungur in seinem Match gegen Hans Podlipnik-Castillo, mit dem gemeinsam er vor Jahresfrist durch die Zweite Liga zum Aufstieg marschiert war. Die Folge: Der Rumäne verkrampfte und verlor. Ohnehin ist der 33-Jährige nach einer ganzen Reihe von verletzungsbedingten Zwangspausen nicht mehr der Mister Zuverlässig, als der er die Neusser Tennisfans über Jahre hinweg begeisterte.

Deshalb fehlt er auch im Aufgebot, dass Zay am Freitagmittag auf die heiße Asche im Aachener Kurpark schickt. Das ist so ziemlich das beste, das die Neusser nach den Ausfällen von Marius Copil und Hubert Hurkacz derzeit ins Punkterennen schicken können. Angeführt vom Ungarn Attila Balasz (ATP 167), der am Sonntag mit seinem Zweisatz-Sieg über den Portugiesen Pedro Sousa (ATP 140) begeisterte. Doch schon die Nummer zwei könnte ein Wackelkandidat sein: Drei Dreisatz-Niederlagen in Folge gegen allesamt in der Weltrangliste deutlich besser platzierte Kontrahenten haben bei Uladzimir Ignatik (27) am Selbstvertrauen genagt: „Er kann nicht mehr hören, dass er gut gespielt hat, er will endlich mal gewinnen“, sagt Spielertrainer Clinton Thomson über den Weißrussen. Aachen wäre da eine günstige Gelegenheit, Salvatore Caruso, der voraussichtliche Gegner, steht auf Rang 187 der Weltrangliste nicht weit vor dem auf 212 gelisteten Ignatik. An der Spitze erwartet Zay den Uruguayer Pablo Cuevas (ATP 78), der sich am Donnerstag mit einer 6:7, 4:6-Niederlage gegen den auch mal in Neuss unter Vertrag stehenden Nikoloz Basilashvil aus dem Turnier am Hamburger Rothenbaum verabschiedete.

Zdenek Kolar (ATP 232) und Botic Van De Zandschulp (ATP 328) komplettieren das Neusser Aufgebot, auf Aachener Seite rechnet Zay außer mit Cuevas und Caruso noch mit dem Chilenen Christian Garin (ATP 159) und dem Spanier Guillermo Olasa (399). In der Hinterhand haben die Gastgeber noch Philipp Petzschner und Philipp Oswald. Und das macht die Sache schwierig. Denn beide sind ausgesprochene Doppelspezialisten, Petzschner, der (wie so viele) auch mal für Blau-Weiss Neuss aufschlug, gewann 2010 in Wimbledon und ein Jahr später (beide Male zusammen mit Jürgen Melzer) die US-Open. „Mit ihnen können die Aachener, egal in welcher Formation, immer zwei starke Doppel stellen“, weiß Zay und schlussfolgert daraus: „Wir müssen aus den Einzeln so viele Punkte mitnehmen wie irgend möglich.“

Eine weitere Niederlage würde die Neusser im Kampf um den Klassenerhalt nämlich fast schon aussichtslos zurückwerfen. Realistisch gesehen sind nur noch Köln (3 Punkte), Aachen (2), Reutlingen (1) und Neuss (0) in der „Verlosung“ für ein weiteres Erstliga-Jahr. Dass sich am Sonntag Reutlingen und Aachen 3:3-Unentschieden trennten, spielte den Blau-Weissen allerdings in die Karten. Denn so könnten Siege über die beiden direkten Konkurrenten schon ausreichen, um beide hinter sich zu lassen. Das weiß auch Zay: „Das 3:3 war so ein bisschen unser Wunschergebnis,“ sagt der Teamchef, „aber das nützt alles nichts, wenn wir nicht selber anfangen zu punkten.“ Dass die Aachener, zwischen 2008 und 2013 fünf Mal Deutscher Meister, überhaupt zum direkten Konkurrentenkreis gehören, hatte zu Saisonbeginn niemand erwartet. Die Gründe sind vielschichtig: Die einen sprechen vom Verletzungspech, das den Kader von Teamchef Alexander Legsding heftig gebeutelt hat, die anderen glauben zu wissen, dass das Geld, das Printenkönig Hermann Bühlbecker jahrelang für sein Hobby abgezweigt hat, nicht mehr so reichlich fließt auf der Platzanlage an der Monheimsallee. Wenn sie am Freitag dort punkten, kann’s den Neussern herzlich egal sein.

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