Tanja Spill unterbietet Norm für Deutsche Leichtathletik-Meisterschaft

Leichtathletik : Die lange Leidenszeit hat ein Ende

Ein Unfall im Training, Operation, Reha-Maßnahmen, dazu der Verlust der Kaderzugehörigkeit und der Förderung durch die Deutsche Sporthilfe – hinter Tanja Spill liegt eine lange Leidenszeit. Jetzt meldete sich die Dormagener mit der DM-Norm über 800 Meter im Spitzensport zurück.

Elf Monate ohne Wettkampf können für einen Sportler sehr hart sein. Tanja Spill kann davon viel erzählen. Im November vergangenen Jahres war die Deutsche Hallen-Vizemeisterin über 800 Meter im Trikot des TSV Bayer Dormagen im Training mit einer anderen Läuferin zusammen gestoßen. Die Folge: eine schwere Verletzung am Sprunggelenk.

Im Februar wurde die 23-Jährige operiert, es folgten ein Leben auf Krücken, danach vier Monate Reha und Aufbautraining. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug für die Sportmanagement-Studentin, musste sie auch noch mit den Folgen der Leistungssportreform in Deutschland kämpfen. Erst verlor sie, noch vor ihrem Trainingsunfall, ihre Zugehörigkeit zum Perspektivkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und damit einhergehend die finanzielle Unterstützung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe. „In diesem unsicheren Umfeld hat sie trotzdem im vergangenen Jahr ihre Leistung gebracht,“ sagt Peter Kurowski, beim TSV Bayer zusammen mit Mittelstrecken-Fachmann Willi Jungbluth Trainer von Tanja Spill.

2018 wurde sie Deutsche Vizemeisterin über 800 Meter in der Halle, ein Jahr vorher war ihr das Gleiche bei den Freiluft-Meisterschaften gelungen. 2016 holte sie sich den Meistertitel bei der U23 und verpasste mit ihrer Bestzeit über die zwei Stadionrunden (2:01,63 Minuten) die Olympianorm für die Spiele in Rio de Janeiro nur um 13 Hundertstelsekunden. Leistungen, die in Deutschland offenbar nicht mehr ausreichen, um in den Genuss öffentlicher Förderung zu kommen. Allein die Stiftung Sport der Sparkasse Neuss und des Rhein-Kreises hielt an ihrer Unterstützung fest, stufte dank eines Vorstandsbeschlusses im Frühjahr Tanja Spill als „Härtefall“ ein. Vielleicht schafft die 23-Jährige ja auch die Wiederaufnahme in das Perspektivteam Tokio 2020, dem zur Zeit sechs Sportlerinnen und sieben Sportler aus dem Rhein-Kreis angehören.

Denn die heute in einem Jahr beginnenden 32. Olympischen Sommerspiele sind nach wie vor das große Ziel der Dormagenerin. Ihre Trainer bescheinigen Tanja Spill „das Talent, den Willen und den Fleiß“ dazu. Offenbar nicht zu Unrecht, denn nur vier Wochen nach dem Einstieg ins Lauftraining meldete sich die Dormagenerin eindrucksvoll zurück: Beim Internationalen Leichtathletik-Meeting in Rhede lief sie über 800 Meter der Frauen auf Platz zwei hinter der in 2:06,66 Minuten siegreichen Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler) ins Ziel – und unterbot mit ihrer Zeit von 2:07,15 Minuten die Qualifikationsnorm für die Deutschen Meisterschaften, die am 3. und 4. August im Berliner Olympiastadion ausgetragen werden.

Das Rennen, das wegen eines starken Gewitters mit anderthalbstündiger Verspätung gestartet wurde, verlief nach einem minutiösen, von Willi Jungbluth ausgearbeiteten Plan: 600 Meter lang hielt sich Tanja Spill exakt an die vorgegebenen Zwischenzeiten, dann erst ließ ihr Trainer sie „von der Leine“, was sie nutzte, um sich noch Platz zwei zu sichern. „Back on track,“ schrieb Spill danach auf Facebook, „nach elf Monaten ohne Wettkampf bin ich heute mein erstes 800-Meter-Rennen nach der OP gerannt. Mit einer 2:07,15 Minuten und damit der deutschen Quali bin ich mehr als happy.“ In der von Katharina Trost (LG Stadtwerke München) mit 2:00,74 Minuten angeführten  deutschen Bestenliste bringt sie das momentan auf Platz 14 – mit sicherlich noch viel Luft nach oben.

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