Tandem-Tag Integrativer Sport liegt so gut wie brach

Neuss · Mit dem Tandem-Tag am 7. Mai auf Gut Gnadental wollen Vereine und Schulen ihre Inklusionsangebote neu starten. Nach dem Corona-Lockdown fehlen jedoch überall Übungsleiter, auf die die Vereine jetzt zurückgreifen können.

 In vier Wochen soll der „Tandem-Tag“, das integrative Sportfest der „Stiftung Burkhard Zülow“ auf Gut Gnadental, in seine 15. Auflage gehen.

In vier Wochen soll der „Tandem-Tag“, das integrative Sportfest der „Stiftung Burkhard Zülow“ auf Gut Gnadental, in seine 15. Auflage gehen.

Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Das Stimmungsbild ist eindeutig: „Alle wollen wieder loslegen. Aber für die meisten bedeutet dies nach zweijähriger Pause einen kompletten Neustart,“ sagt Nadia Ehning. Die frühere Weltklasse-Voltigiererin und 2. Vorsitzende der „Tandem-Stiftung Burkhard Zülow“ ist vier Wochen vor dem 15. „Tandem-Tag“, dem integrativen Sportfest der Stiftung auf Gut Gnadental, dabei, sich einen Überblick über das zu verschaffen, was sich in den vergangenen, von der Corona-Pandemie bestimmten zwei Jahren, im Rhein-Kreis in Sachen integrativer Sport getan hat.

Ihr Fazit fällt ernüchternd aus: Fast alle von der Stiftung unterstützten Sportgruppen haben in der Zwischenzeit den Übungsbetrieb eingestellt. „Die Schulen hatten genug damit zu tun, den normalen Unterricht am Laufen zu halten,“ weiß die vierfache Mutter aus eigener Erfahrung. Da blieb wenig bis gar keine Zeit für sportliche Aktivitäten außerhalb des Schulgeländes – wenn sie denn aufgrund der ständig wechselnden Corona-Schutzverordnungen überhaupt erlaubt waren. „Unsere Schülerinnen und Schüler sind seit zwei Jahren nicht mehr mit dem Rad gefahren,“ sagt Bettina Balzer von der Sebastianusschule in Kaarst. Normalerweise trainieren ihre Schützlinge ein Mal pro Woche im Büttgener Sportforum, angeleitet von Trainern des VfR Büttgen, auf den von der Stiftung zur Verfügung gestellten Spezial-Tandems. Die stehen seither ungenutzt im Geräteraum, die schon zur Tradition gewordene Teilnahme ihrer Schüler am Büttgener Radrennen am 1. Mai hat sie abgesagt.

Nicht nur Bettina Balzer hofft, dass sich dieser Zustand bald ändert. „Alle stehen in den Startlöchern, aber der Neustart ist gar nicht so einfach,“ sagt Martin Limbach, der beim Sportbund Rhein-Kreis Neuss (KSB) die integrativen Angebote koordiniert. Als sich der von ihm geleitete integrative Lauftreff jetzt zum ersten Mal traf, waren zwar 20 Läuferinnen und Läufer mit und ohne Beeinträchtigung gekommen, „aber allen war die lange Pause deutlich anzumerken. Jetzt sind sie heiß, endlich wieder gemeinsam trainieren zu können,“ sagt Limbach.

Andere Sportarten sind noch längst nicht so weit. Besonders hart hat es die vier integrativen Voltigiergruppen getroffen, die bislang unter der Obhut des RSV Grimlinghausen auf dem Nixhof trainierten. „Wir stehen im Moment vor dem Nichts,“ sagt der Vorsitzende Clemens Hüsgen, „uns fehlt qualifiziertes Personal, auf das wir zurückgreifen können.“ Denn die durch den sportlichen Lockdown zur Untätigkeit verurteilten Übungsleiterinnen und Übungsleiter haben sich in der Zwischenzeit andere Tätigkeitsfelder gesucht – ein Problem, mit dem nicht nur der integrative Sportbetrieb zu kämpfen hat. Mit speziellen Qualifizierungs-Lehrgängen, auf denen Trainerinnen und Trainer eigens für den Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung geschult werden, wollen Kreis und Kreissportbund dem jetzt entgegenwirken. „Falls es Probleme mit der Finanzierung gibt, werden wir als Stiftung unterstützend eingreifen,“ kündigt Jutta Zülow, die Vorsitzende der nach ihrem verstorbenen Ehemann benannten Tandem-Stiftung, an.

Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Markus Bausch, treibende Kraft hinter den inzwischen bei der DJK Rheinkraft beheimateten integrativen Fußballteams, kann sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen. „Gemeinsam mit der Schule am Nordpark haben wir jetzt eine U- und eine Ü16-Mannschaft mit insgesamt 32 Spielerinnen und Spielern,“ berichtet er stolz – Tendenz steigend. Am 21. Mai veranstaltet er den „1. Internationalen Neusser Integrationscup“ mit mehr als einem Dutzend Teams aus dem In- und Ausland. Wenn alles gut geht, soll auch eine Mannschaft aus der Ukraine teilnehmen, „die jugendlichen Spieler sind inzwischen alle nach Polen geflüchtet,“ hat Bausch in Erfahrung gebracht. Die Kanu-Arbeitsgemeinschaft, die der Neusser Kanu-Club gemeinsam mit der Mosaikschule betreibt, hat unter Leitung von Klaus Walter „die Pause relativ unbeschadet überstanden.“ Nach dem Wintertraining unterm Dach soll es jetzt auch auf der Erft wieder losgehen.

Und die ohnehin große integrative Tennisgemeinde im Rhein-Kreis hat in der Zwischenzeit Zuwachs bekommen: Außer bei GW Neuss und beim NTC Stadtwald spielen sich jetzt auch beim TC BW Bedburdyck/Gierath Menschen mit Beeinträchtigung die Bälle übers Netz zu. „Noch sind sie weitgehend unter sich, aber mittelfristig streben auch wir eine inklusive Gruppe an,“ sagt Vorsitzender Holger Hemann. Einen Sonderfall stellen die sportlichen Aktivitäten der Gemeinnützigen Werkstätten (GWN) dar: „Zum Glück haben wir zu diesem Zweck schon vor 15 Jahren einen eingetragenen Verein gegründet, so dass wir nur von den für den gesamten Sport geltenden Beschränkungen betroffen waren,“ sagt Sportlehrer Thomas Gindra. Und die GWN-eigene Sporthalle stand (und steht) auch anderen Sportlern offen, „so dass wir zum Beispiel im Tischtennis einen regen Trainingsbetrieb hatten.“

Geht es nach Jutta Zülow, soll der bald wieder in allen Sportgruppen herrschen. Vom Tandem-Tag, der nach bewährtem Muster auf Gut Gnadental ablaufen soll, erhofft sie sich eine Art Initialzündung: „Und wo wir als Stiftung finanziell oder logistisch helfen können, tun wir das gerne, die Mittel sind da.“ Damit das so bleibt, hofft sie am 7. Mai auf regen Besuch – und „auf ein paar Spenden für unsere Tombola, schließlich finanzieren wir mit dem Erlös einen großen Teil unserer Aktivitäten.“

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