Sportpolitik in den Städten des Rhein-Kreises setzt falsche Prioritäten

Analyse : Ein Königreich der Nischensportler

Voltigierer, Fechter, Ruderer, Ringer und andere Sportler aus dem Rhein-Kreis zählen zur nationalen und internationalen Spitzenklasse. Doch die meisten Steuergelder, die in den Kommunen für Sport ausgegeben werden, kommen Fußball auf niedrigstem Niveau zu Gute.

Wer in Deutschland (und darüber hinaus) an Voltigieren denkt, kommt an Neuss nicht vorbei. Der RSV Grimlinghausen ist der erfolgreichste Voltigierverein der Welt und hat diesen guten Ruf, allen vereinsinternen Problemen auf dem Nixhof zum Trotz, am Wochenende beim CHIO, dem weltgrößten Fest des Pferdesports in der Aachener Soers, erneut eindrucksvoll bestätigt.

Janika Derks und Johannes Kay gehören zu den sportlichen Aushängeschildern des Rhein-Kreises. Von Trainingsbedingungen, wie sie unterklassige Fußballer in Neuss haben, können die Voltigierer allerdings nur träumen. Foto: © im|press|ions/Daniel Kaiser

Spätestens mit ihrem Europameisterschafts-Triumph von Düsseldorf haben die Säbelfechter des TSV Bayer Dormagen ihrer Stadt jenen festen Platz auf der sportlichen Deutschlandkarte zurückerobert, den sie dank einstiger Erfolge ihrer Handballer schon früher inne hatte.

Es vergeht kaum eine Woche in diesem Sommer (und denen der Vorjahre), in der Sportlerinnen und Sportler aus dem Rhein-Kreis nicht irgendwo auf der Welt auf sich aufmerksam machen, im Rudern, im Ringen, im Kanu-Slalom, in der Leichtathletik. Ja selbst im Mini-Golf hat der MGC Dormagen-Brechten den ersten Deutschen Mannschaftsmeistertitel seit elf Jahren unter Dach und Fach gebracht. Und wenn, wie in der vergangenen Woche, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Commerzbank die bundesweit 50 Preisträger im Wettbewerb um das „Grüne Band für vorbildliche Talentförderung im Verein“ bekanntgeben, gehört fast immer ein Verein aus dem Rhein-Kreis zu den Ausgezeichneten.

Sie sind Werbe- und Sympathieträger für den Kreis und seine Städte, ohne Skandale und Allüren, ohne bengalisches Feuer und goldene Steaks. Fast alle wissen das. Nur an den Politikern, die sich in den Kommunen mit Sport beschäftigen, scheint diese Erkenntnis vorbei gegangen zu sein. Wenn sie überhaupt in den vergangenen Jahren öffentliche Gelder für Investitionen in sportliche Infrastruktur bewilligt haben, dann sind sie dorthin geflossen, wo der Rhein-Kreis das kümmerlichste Bild überhaupt abgibt: in den Fußball. Die Kreisstadt geht da mit schlechtem Beispiel voran: In Neuss verfügen demnächst drei Viertel aller Fußball-Klubs über einen Kunstrasenplatz. Und das restliche Viertel wird sicher auch noch einen Stadtverordneten finden, der sich mit Vehemenz ihrer Sache annimmt.

Setzt man eine knappe Million für jeden Platz auf die Rechnung und addiert die Summe, hätte man die Gelder für längst überfällige Projekte wie eine Multifunktionshalle oder ein (Vereins-)Sportzentrum schon fast beisammen. Oder für die Fechthalle in Dormagen, die für den Erhalt des so erfolgreichen Bundesstützpunktes dringend erforderlich ist und jetzt wieder Gegenstand (und möglicherweise Opfer) langatmiger politischer Diskussionen zu werden droht.

Über Kunstrasenplätze wird nicht diskutiert. Jedenfalls nicht über Sinn und Zweck, Für und Wider. Oder über die Folgekosten und die (Spät-)Folgen für die Umwelt, wenn das künstliche Grün nach einem Jahrzehnt wieder abgetragen und erneuert werden muss. In den Sportausschüssen und Räten geht es höchstens um eine Prioritätenliste, welcher Standort (und damit welcher Verein) wann zum Zuge kommt.

Dabei wird das fußballerische Niveau hierzulande, allen Investitionen in die Infrastruktur zum Trotz, von Jahr zu Jahr schlechter. Ob mit dem derzeitigen Leistungsstand – zwei Landesligisten, sechs Bezirksligisten, der Rest aus dem Fußballkreis Neuss-Grevenbroich spielt auf Kreisebene – schon der historische Tiefststand erreicht ist, darf bezweifelt werden. Und nicht nur das Niveau sinkt, auch die Zahl der Mannschaften, die am Spielbetrieb teilnehmen, ist stark rückläufig. Schon gibt es Vereine, die im Seniorenbereich nicht mal eine „Reserve“ auf die Beine gestellt bekommen – dritte Mannschaften muss man selbst in der Kreisliga C schon mit der Lupe suchen.

Doch das schert den gemeinen Sportpolitiker wenig, denn ihm geht es nicht um übergeordnete Ziele. Sportpolitik, vor allem in Neuss, aber auch in anderen Kommunen, ist in den vergangenen Jahrzehnten stets die Durchsetzung von Partikularinteressen gewesen: Baust du mir meinen Kunstrasenplatz, stimme ich in der nächsten Sitzung für deinen.

Dank dieses Schemas verfügt Neuss demnächst über neun Kunstrasenplätze (plus einen privat finanzierten, aber öffentlich nutzbaren Am Stadtwald). Der erfolgreichste Voltigierverein der Welt hingegen muss für das alte Gemäuer, in dem er trainiert und in dem seine Pferde zu Hause sind, nicht nur Pacht an die Stadt entrichten, sondern es auch noch selbst instand halten. Bekäme er nur einen Bruchteil jener Steuergelder, die in den vergangenen Jahren in Richtung Fußball abgeflossen sind, täte sich der Verein wohl auch leichter, die seit über einem Jahr vakanten Positionen im Vorstand zu besetzen.

Den Sportlern ist das alles zunächst einmal egal. Sie trainieren, teilweise bis zu zwei Mal täglich, weil es ihnen Spaß macht. Und während die mit Kunstrasen ausgestatteten Fußballer meist auf Kreisebene schon Auflauf-, Sieg- und vor allem Wechselprämien einstreichen, zahlen Voltigierer, Fechter, Ruderer, Kanuten und Ringer (oder deren Eltern) oft noch drauf, um ihren Sport auf höchstem Niveau ausüben zu können. Dafür dürfen sie dann ein Mal im Jahr zur Sportlerehrung auf die Bühne kommen – und die Sportpolitiker stehen dabei und applaudieren höflich, ehe sie ans Buffet gehen. Das ist doch auch ein schöner Lohn...

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