Serie Hinter den Sportkulissen : Wenn das Hobby zum Halbtagsjob wird

Arbeiten zum Vergnügen anderer, das ist im Sport an der Tagesordnung. Denn die meisten Veranstaltungen werden von Ehrenamtlern auf die Beine gestellt. In unserer Serie „Hinter den Sportkulissen“ zeigen wir am Beispiel der Tour de Neuss, wie viel Aufwand oft dahinter steckt.

Ein paar Absperrgitter und Bierbunden aufstellen, ein paar Fahrer verpflichten – und fertig ist das Radrennen. Wenn das so einfach wäre, müssten sich die Organisatoren der Tour de Neuss am Montagabend nicht zur x-ten Sitzung in diesem Jahr treffen. Es soll die letzte sein, denn am Mittwoch steht die 18. Auflage des Radsportspektakels auf dem Programm, das im Vorjahr gut 25.000 Schaulustige an den Rundkurs in der Neusser Innenstadt lockte.

Wer jetzt vermutet, dass eine Veranstaltung solcher Größenordnung nur mit ausgeklügelter Organisation unter Einschaltung diverser Event- und sonstiger Agenturen auf die Beine zu stellen ist, könnte falscher nicht liegen. Im Grunde sind es vier Männer, drei davon im gesetzten Alter jenseits der Sechzig, die die Tour de Neuss stemmen. Nur fürs Gedruckte, das Programmheft und die Plakate, und für den Internetauftritt bedienen sie sich professioneller Hilfe – den stattlichen Rest erledigen Stephan Hilgers, Barthel Winands, Rafael Holubek und Heinz J. Hegger – nicht zufällig das Vorstandsteam des Neusser Radfahrervereins von 1888/09 –in Handarbeit und weitestgehend im Alleingang.

In der Sportszene sicher kein Alleinstellungsmerkmal. Ohne Ehrenamtler, die für andere ihre Freizeit opfern, läuft da nichts. Doch für eine Veranstaltung solcher Größenordnung, die seit ihrem Bestehen mehr als 300.000 Zuschauer anlockte, durchaus außergewöhnlich. Da wird aus dem Hobby leicht ein Halbtagsjob. „Jeden Tag zwei, drei Stunden“ wende er je nach Jahreszeit für die Tour de Neuss auf, sagt NRV-Geschäftsführer Heinz J. Hegger, der den Vorteil besitzt, sein Berufsleben bereits hinter sich gelassen zu haben.

Die Vorbereitung der nächsten Veranstaltung beginne mehr oder weniger am Tag nach der aktuellen Tour, sagt Hegger. Der Termin regelt sich quasi von selbst – immer am Mittwoch nach der Zielankunft der Tour de France. Die beginnt im nächsten Jahr mit Rücksicht auf die Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) außergewöhnlich früh: Der Grand Départ in Nizza ist für den 27. Juni vorgesehen, das Ende auf den Champs Elyséés für den 19. Juli. Was bedeutet, dass die Tour de Neuss 2020 am 22. Juli im Kalender steht – so früh wie noch nie. Der Termin muss abgestimmt und angemeldet werden, beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR). beim Radsport-Weltverband UCI ( „falls internationale Fahrer kommen,“ sagt Heinz Hegger), beim Radsportverband NRW, damit der für diesen Tag einen Wettfahrausschuss bereithält, denn ohne offizielle Jury und ohne einen Kommissär des BDR darf kein Radrennen gestartet werden. Und weil das Rennen im öffentlichen Straßenraum ausgetragen wird, gibt es viel Gesprächsbedarf mit der Stadt: Das Amt für Verkehrslenkung, das Grünflächenamt, das Sportamt müssen ebenso in die Planungen mit einbezogen werden wie Polizei und Rettungsdienste.

Parallel dazu laufen die Gespräche mit schon vorhandenen oder potenziellen Sponsoren, die den Veranstaltungsetat, der im mittleren fünfstelligen Bereich liegt, finanzieren. „Knappe fünfzig“, hat der für Marketing zuständige 2. Vorsitzende Barthel Winands in diesem Jahr auf seiner Liste stehen, der sich für die Zukunft „niederländische Verhältnisse in Neuss“ wünscht: Auf der Internetseite des ersten Nach-Tour-Kriteriums am Montagabend in Boxmeer habe er „183 Sponsoren gezählt – wenn wir die hätten, wäre manches einfacher.“

Der Veranstaltungstag selbst wirkt da im Vergleich eher „pflegeleicht“: Ein Dutzend Vereinsmitglieder aus den Reihen des nur 45 Köpfe zählenden NRV’s sind als Helfer im Einsatz, 16 Kadetten der Verkehrswacht Düsseldorf sichern die Übergänge, an denen Zuschauer die Strecke queren können. Einen wesentlichen Sponsoringbeitrag leistet der NRV-Vorsitzende Stephan Hilgers selbst – die Mitarbeiter seines Gartenbau-Unternehmens kümmern sich um den Auf- und Abbau der Strecke, was sonst ein erheblicher Kostenfaktor wäre. „Alles in allem 30 Personen“, rechnet Heinz Hegger vor, sind am Mittwoch rund acht Stunden im Einsatz – und freuen sich jetzt schon auf die „After-Race-Party“ im Drusus1.